Arbeit auf Abruf und Samstag als normaler Arbeitstag
Dokument enthüllt: So extrem sind die Baumeister-Forderungen!

Mit dem neuen Landesmantelvertrag wollen die Baumeister «die hohen Standards der Branche sichern» und «besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen». Sagen sie. Ihr tatsächlicher Plan geht ins genaue Gegenteil, wie ein Dokument zeigt.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 8:47
NICHT MIT UNS: An der grossen Baudemo im Mai haben die Büezer klargemacht, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. (Foto: Manu Friederich)

Auch der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) ist mittlerweile auf Tiktok angekommen. Wobei der «Content» der Bau-Bosse noch recht gekünstelt daherkommt. Im jüngsten Video etwa schwärmt ein Luzerner Polier im Auftrag seines Chefs über die «flexible Arbeitszeitgestaltung», die dieser ihm grosszügigerweise gewährt habe. «Ich werde stets fair behandelt», versichert der Polier augenzwinkernd. In einem anderen, offensichtlich gescripteten Video lobt ein junger Zürcher Tiefbauer die Arbeitsbedingungen auf dem Bau generell: «Da wird eben noch aufeinander geschaut, keiner wird alleine gelassen.» Und dann: «Genau dafür setzt sich der Schweizerische Baumeisterverband ein – damit wir mit 60 in die Frühpension gehen können, ohne uns den Kopf zu zerbrechen.»

Tatsächlich musste die Frühpension gegen den Willen des SBV erkämpft und später immer wieder gegen seine Angriffe verteidigt werden. Doch auf Tiktok sind Fakten bekanntlich zweitrangig. Was für den SBV zählt, ist das Image. Und dieses soll poliert werden. Dafür nutzt der SBV auch die laufenden Verhandlungen für einen neuen Landesmantelvertrag (LMV). So schreibt der Verband auf seiner Website, er wolle mit dem neuen LMV «die hohen Standards der Branche sichern» und «insbesondere besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen». Nun kommen Details ans Licht, die zeigen, was die Baumeisterspitze wirklich will.

Samstagszuschlag soll fallen

Gestern Donnerstag fand die zweite Verhandlungsrunde zwischen den Gewerkschaften und den Baumeistern statt. Bei dieser Gelegenheit überreichte die SBV-Delegation den Gewerkschaften einen fixfertigen Vorschlag für einen neuen LMV. Das Dokument ist brisant. Denn es beweist, dass der SBV alles andere als auf «die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen» will. Viel mehr reitet er eine Attacke auf bewährte Bestandteile des LMV: Gleich mehrere Paragraphen zugunsten der Büezerinnen und Büezer will der SBV komplett kübeln. Insgesamt will der SBV bestehende Vorgaben im Umfang von mindestens zehn Seiten streichen. Die drei irrsten SBV-Abbauforderungen lauten:

  1. Sechs-Tage-Woche
    Der Samstag soll ein normaler Arbeitstag werden. Die bisherigen Lohnzuschläge von 25 Prozent sollen wegfallen.
  2. Vervielfachung der Überstunden
    Neu sollen bis zu 250 Überstunden möglich sein – mehr als doppelt so viele wie heute und mit weniger Zuschlägen. Zudem bis zu 150 Minusstunden (bisher 20), für die der Bauarbeiter das Risiko trägt.
  3. Längere Arbeitstage
    Arbeit auf Abruf und noch längere Arbeitstage statt Planbarkeit durch den bewährten Arbeitszeitkalender. Dieser legt bislang die tägliche Arbeitszeit und die regelmässigen Einsatzplanungen im vorhinein fest und garantiert in der Regel minimal 7,5 und maximal 9 Stunden Arbeit pro Tag.

Doch der baumeisterliche Wunschzettel beinhaltet noch eine ganze Reihe anderer Dinge, die sich kaum als «arbeitnehmerfreundlich» auslegen lassen. Darunter:

  1. Senkung des Krankentaggelds von 90 auf 80 Prozent.
  2. Streichung des Kündigungsschutzes für ältere Arbeiter über 55. Bisher profitieren diese ab dem zweiten Dienstjahr von einer vier- statt einmonatigen Kündigungsfrist, ab dem zehnten Dienstjahr sogar von einer sechsmonatigen Kündigungsfrist.
  3. Streichung des Kündigungsschutzes für gewerkschaftliche Delegierte, Erkrankte und Verunfallte.
  4. Verlängerung der Probezeit für Neueingestellte von zwei auf drei Monate.
  5. Weniger Lohnzuschläge für Sonntagsarbeit. Bisher gilt alle Arbeit ab Samstag, 17 Uhr bis Montag, 5 Uhr als mit 50 Prozent zuschlagspflichtige Sonntagsarbeit. Der SBV will nun nur noch für am Sonntag (0 bis 24 Uhr) geleistete Arbeit Zuschläge bezahlen.
  6. Weniger Zuschläge für Arbeit im Wasser oder Schlamm. Bisher erhalten Büezer, die knietief im Schlamm oder im Wasser arbeiten müssen, Zuschläge von bis zu 50 Prozent pro Stunde. Neu sollen sie mit einem Mini-Goodie von zwei Franken pro Stunde abgespeist werden können.
  7. Gesetzliche Feiertage während der Ferien sollen nicht mehr nachbezogen werden können.

Mehr Schwarzarbeit, weniger Weiterbildung

Weiter fällt auf, dass der SBV nach aussen zwar ständig beteuert, die Schwarzarbeit konsequent bekämpfen zu wollen. Doch der LMV-Vorschlag, den er gestern den Gewerkschaften vorgelegt hat, steht dem diametral entgegen. So soll ausgerechnet das bei kriminellen Lumpenbuden verhasste Barzahlungsverbot für Löhne aufgehoben werden. Und auch die Vorgabe, wonach die paritätischen Kontrolleure mindestens einmal monatlich gemeinsame Schwarzarbeitskontrollen durchzuführen haben, will der SBV streichen.

Widersprüchlich ist auch die ständige Beteuerung der angeblich glänzenden Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Branche. Denn der SBV will den gesamten Artikel 8, «Berufliche Weiterbildung», ersatzlos aus dem LMV streichen! Artikel 8 garantiert den Arbeitenden bislang fünf unbezahlte Urlaubstage pro Jahr für Weiterbildungen.

Noch happiger als Weiterbildungswillige soll es die Steinhauer und Steinbrucharbeiter treffen. Sie sollen künftig komplett aus dem Geltungsbereich des LMV fallen! Ebenso Kantinenmitarbeitende und Reinigungsleute, die nicht bereits durch den Gastro-GAV oder den Reinigungs-GAV geschützt sind.

Zürcher Zentrale will allein herrschen

Der LMV-Entwurf enthüllt schliesslich auch die Allmachtsphantasien des am Zürichberg beheimateten Zentralverbands. So wollen die Funktionäre des Nationalverbands den SBV-Sektionen künftig verbieten, regionale, bessere Gesamtarbeitsverträge und Lohnvereinbarungen abzuschliessen. Solche gibt es derzeit im Tessin, im Wallis und in der Romandie. Künftig soll allein die Zentrale in Zürich den Tarif durchgeben. Oder aber die Firmenbosse, wie es ihnen beliebt. Denn der SBV schreibt auch: Ab 2026 sollten die Lohnanpassungen nur noch «individuell» erfolgen und «nicht mehr auf Basis von nationalen Verhandlungen mit den Gewerkschaften».

Chris Kelley, Co-Leiter des Sektors Bau bei der Unia, bedauert, dass der Baumeisterverband erneut keine Hand bot für Lösungen, die die Branche weiterbringen. Die Forderungen der Bauarbeiter seien fair, notwendig und realistisch. Die Meister müssten endlich entgegenkommen. Für Kelley ist jedenfalls klar:

Weigert sich der Baumeisterverband weiterhin, seine Verantwortung wahrzunehmen, dann werden die Bauarbeiter die Sache selbst in die Hand nehmen.

Die Unia führe aktuell in der ganzen Schweiz eine Streikabstimmung durch. Am 15. September steigt die dritte von fünf Verhandlungsrunden. Doch es sieht schon jetzt nach einem heissen Herbst aus.

Die Baubüezer fordern:

  • Generelle Lohnerhöhungen und die Einführung des automatischen Teuerungsausgleichs.
  • Kürzere Arbeitstage und höhere Zuschläge für die ausufernde Samstagsarbeit.
  • Eine bezahlte Znüni-Pause, wie sie in anderen Branchen längst Standard ist.
  • Voll bezahlte Reisezeit vom Betrieb zur Baustelle. Heute zählt diese nicht zur Arbeitszeit und eine halbe Stunde pro Tag wird gar nicht bezahlt, was sogar dem Gesetz widerspricht.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.