Portugiesen in Samedan GR
«Unidos somos fortes»: Die vereinigte Arbeiterklasse des Engadins

Die portugiesische Community ist für die Bauwirtschaft und den Tourismus im Engadin unerlässlich. Unia-Sekretär Bruno da Costa Palmeira will, dass der wirtschaftliche Boom der Region auch Bauarbeitern und Hotelpersonal zugute kommt. Diesen Freitag organisiert er im Vereinszentrum des FC Lusitano de Samedan ein Treffen für die Community und Interessierte.

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CHIC UND IDYLLISCH: Samedan hat aber noch eine andere Seite. (Foto: Keystone)

Auf dem Flugfeld in Samedan GR parkieren die Privatjets der Superreichen, die ihre Ferien gerne im Engadin verbringen. Am Rande des Flugplatzes eine andere Welt: Hinter dem Aldi in einem unscheinbaren Industriebau befindet sich das Vereinszentrum des FC Lusitano, des portugiesischen Fussballclubs von Samedan. Hier trifft sich die portugiesische Community für Fussballfeiern, Hochzeiten oder auch mal auf ein Bier nach der Arbeit. Denn diese wird im Bündner Hochtal zu einem immer grösseren Teil von portugiesischen Arbeitsmigrantinnen und
-migranten gemacht.

Ein Sechstel der insgesamt 4800 Einwohnerinnen und Einwohner von St. Moritz haben einen portugiesischen Pass, und viele weitere pendeln für die Arbeit in den Luxus-Ferienort. Im Baugewerbe, in der Reinigung, in der Hotellerie und Gastronomie leisten sie einen unabdingbaren Beitrag für den Betrieb und den weltweiten Ruf der Tourismusdestination.

PARKPLATZ DER REICHEN: Der Flughafen Samedan. (Foto: Keystone)

Unia-Abend im Centro

Bruno da Costa Palmeira ist Unia-Gewerkschaftssekretär für die Ostschweiz und auch für das portugiesische Bau- und Reinigungspersonal im Engadin zuständig. Er kommt aus St. Gallen regelmässig ins Engadin und besucht neben Baustellen und Betrieben auch das Centro Lusitano. Hier kommt er mit den Leuten ins Gespräch, hört von ihren Problemen bei der Arbeit und gewinnt neue Mitglieder für die Unia. Er sagt:

Solche Begegnungsorte sind für die portugiesische Community und auch für die gewerkschaftliche Arbeit im Engadin sehr wertvoll.

PORTUGIESISCHE COMMUNITY: (v.l) Bauarbeiter João Batista und Unia-Mann Bruno da Costa Palmeira. (Foto: zvg)

Diesen Freitagabend organisiert er im Centro ein Treffen für alle, die sich für die Arbeitsrealitäten der Portugiesen und Portugiesinnen im Engadin interessieren. Der Anlass verfolgt mehrere Ziele. Da Costa Palmeira sagt: «Natürlich möchten wir die portugiesische Community über aktuelle arbeitsrechtliche Themen informieren, mindestens genauso wichtig ist jedoch der persönliche Austausch.» Auch die Unia-Migrationssekretärin Nivalda Still wird vor Ort sein. Neben Arbeitsrechten wird die berufliche Vorsorge Thema des Abends sein, denn viele der älteren Portugiesen und Portugiesinnen planen nach der Pensionierung die Rückkehr nach Portugal.

35 Jahre auf dem Bau

So auch Unia-Mitglied und Bauarbeiter João Batista (58). Er kam 1991 ins Engadin und arbeitete während 35 Jahren im Baugewerbe. Mit seinem Lohn als Maurer verdient er heute 6800 Franken brutto pro Monat. In zwei Jahren kann er im Rahmen des FAR, der Frühpensionierung für Bauarbeiter, in Rente gehen. Die Miete von 2000 Franken und die Lebenshaltungskosten im Engadin werden für ihn und seine Frau dann jedoch zu hoch sein. Deshalb ist er besonders interessiert an den Infos zur beruflichen Vorsorge. Aber das Treffen im Centro sei auch wichtig für die Zukunft der Portugiesen und Portugiesinnen im Engadin: «Ich erhoffe mir für sie mehr Unterstützung von den Gewerkschaften und auch von den Arbeitgebern.» Auch wenn er zurück nach Portugal gehe, bleibe die Schweiz ein wichtiger Ort für ihn, denn sein Sohn lebt in Chur und arbeitet als Multimedia Producer in Zürich.

Tieflohn im Hotel

Für Maria Fernandez (39) ist der Unia-Abend vor allem eine Gelegenheit, um neue Leute kennenzulernen. Sie lebt erst seit Ende 2024 im Engadin. Als Reinigungskraft in einem Hotel verdient sie monatlich 3300 Franken. Der Lohn liegt damit 400 Franken unter dem Mindestlohn, der im L-GAV für die Schweizer Hotellerie und Gastronomie festgelegt ist. Gegenüber ihrem ersten Job ist das jedoch schon eine Verbesserung, denn dort arbeitete sie auf Abruf in Privathaushalten und verdiente nur 150 Franken pro Tag. Fernandez lebt mit einer Freundin und zahlt 800 Franken Miete für ihr Zimmer. Neben der Arbeit hatte sie bisher wenig Zeit für ein Sozialleben im Engadin. Derzeit macht sie eine Online-Weiterbildung, um in Zukunft im Wellness-Bereich arbeiten zu können. Dass sie noch viele Jahre im Engadin bleiben wird, glaubt sie jedoch nicht. Sie suche wieder einen Job in Portugal.

Palmeira da Costa erhofft sich durch das Treffen im Centro Lusitano mehr Sichtbarkeit für die portugiesische Community: «Es ist für mich ein Erfolg, wenn die Arbeitgeber in der Region wissen: Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind nicht allein – unidos somos fortes.»

Tourismusboom und Wohnungsnot im Engadin

Mit rund 1,8 Millionen Logiernächten erreicht die Oberengadiner Hotellerie im Kalenderjahr 2025 den höchsten Wert seit 2010. Die Preise für Wohneigentum sind in den letzten 5 Jahren um fast 50 Prozent angestiegen. In vielen Gemeinden des Oberengadins liegt die Leerwohnungsziffer bei unter 0,25 Prozent, und Normalverdienende finden kaum noch bezahlbaren Wohnraum.

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