Capvis demontiert Schweizer Traditionsbetrieb
Miese Masche mit System

Das ­Elektronikunternehmen ­Schurter streicht in ­Luzern 100 Stellen. Seit bei Schurter der Zuger Finanzkonzern Capvis das Sagen hat, wird radikal um- und abgebaut.

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VOM FINANZKONZERN ZERLEGT: Die Firma Schurter in Luzern. (Foto: zvg)

Bis vor wenigen Jahren waren Kapitalbeteiligungsgesellschaften noch heftig umstritten. Ihr Geschäftsmodell galt als Heuschreckenplage: ein Unternehmen kaufen und nach wenigen Jahren gewinnbringend wieder verkaufen, ohne Rücksicht auf Unternehmen und Jobs. Oder im Fachjargon: Restrukturierungen mit hohen Renditeerwartungen. Heute sind solche Finanz­geschäfte salonfähig. Und dieser «Kapitalismus in Reinform» wird durch die global wachsenden Anlagevermögen von Superreichen und Pensionskassen immer wichtiger.

Das müssen gegenwärtig auch die Mit­arbeitenden der Elektronikfirma Schurter in Luzern erleben. Bis 2023 war das Unternehmen mit weltweit 2000 Angestellten, davon 460 in der Schweiz, im Besitz der Familie Schurter. Eigentlich sollte ein Familienmitglied der vierten Generation die erfolgreiche Firma übernehmen. Doch der geplante Nachfolger und Urenkel des Firmengründers starb 2021 bei einem Lawinenunfall. In der Folge entschied sich die Familie für den Verkauf der Firma an die Zuger Beteiligungsgesellschaft Capvis. Der für die Übernahme zuständige Partner der Capvis sagte damals: «Die seit Jahren in den Schlüsselindustrien Elek­tronik, Automatisierung sowie Digitalisierungstechnologie erfolgreiche Gruppe verfügt über die richtigen Mitarbeitenden und Technologien, um die Erfolgsgeschichte auch künftig weiterzuschreiben.»

Von Capvis an Capvis verkauft

Der Verbleib der Familie Schurter im Verwaltungsrat und des bestehenden CEO an der Spitze des Unternehmens sollten Vertrauen schaffen. Aber weniger als ein Jahr nach der Übernahme vollzog Capvis eine Kehrtwende und wechselte das Management der Firma aus. Die Zerlegung des Unternehmens konnte beginnen. Die auf die Produktion von Leiterplatten spezialisierte Schurter Solutions mit zwei Standorten und 280 Mitarbeitenden in Mendrisio TI und Rumänien wurde an den Konkurrenten Variosystems aus Steinach SG verkauft.

Pikant: Dieses Elektronikunternehmen ist mehrheitlich im Besitz von Capvis. Im ­Gegensatz zu Schurter setzt Capvis bei Variosystems aber auf Expansion. So kaufte Variosystems auch die deutsche Heicks Industrieelektronik, die auf die Beschichtungen von elektronischen Bauteilen für die Luftfahrt und Rüstung spezialisiert ist. Bei Schurter gibt es dagegen einen Abbau auf Raten. Die Immobilien der Firma werden verkauft, und in Luzern sollen nur noch der Hauptsitz und ein Innovationszentrum mit 200 Mitarbeitenden bestehen bleiben. 100 Menschen verlieren ihren Job. Wegen der beabsichtigten Massenentlassung hat Schurter ein Konsultationsverfahren eingeleitet, über welches das Unternehmen voraussichtlich Ende März 2026 informieren wird.

Für Franco Basciani, Industriesekretär der Unia in der Zentralschweiz, ist der Stellenabbau ein Skandal:

Die Betriebskommission hat den Zugang zu den Geschäftszahlen eingefordert. Es ist gut möglich, dass der letzte grosse Industriebetrieb in der Stadt Luzern nur aufgrund der Finanzinteressen von Capvis und nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit geschlossen wird.

Gigant in der Altenpflege

Auch in der Pflegebranche mischt der Finanzkonzern Capvis kräftig mit. 2019 übernahm er den Schweizer Pflegedienstleister Tertianum. Im vergangenen Dezember hat jetzt Tertianum wiederum Senevita geschluckt. Mit der Übernahme der Nummer zwei der Branche wird Tertianum mit 6400 Pflegebetten und 4300 altersgerechten Wohnungen zum mit Abstand grössten privaten Pflegeversorger der Schweiz. Die Wettbewerbskommission (Weko) sieht darin kein Problem. Auch wenn der Marktanteil um die Städte Zürich und Bern bis zu 30 Prozent betrage, sei der Wettbewerb gewährleistet, schreibt die Weko. Ob Pflegebetten zu einem Spekulationsobjekt werden sollten, ist jedoch eine andere Frage.


Schweizer Private-Equity BrancheDie unbekannten Firmenhändler

Kapitalbeteiligungsgesellschaften kaufen Firmen zu einem möglichst tiefen Preis, zerlegen die Unternehmen und versuchen diese dann mit möglichst hohem Gewinn abzustossen.

MITGRÜNDER DER PARTNERS GROUP: Milliardär Alfred Gantner. (Foto: Keystone)

Zwei der weltweit grössten Private-Equity-Firmen haben ihren Hauptsitz in der Schweiz: die Partners Group und die LGT Capital Partners der Fürstenfamilie von Liechtenstein. Die Partners Group aus Baar ZG verwaltete Ende 2025 Vermögen in der Höhe von 185 Milliarden Franken (das Doppelte des jährlichen Bundesbudgets) und machte einen Reingewinn von 1,3 Milliarden Franken. Mitgründer und Milliardär Alfred Gantner ist auch ­politisch aktiv, als Türöffner zu ­US-Präsident Donald Trump und Miturheber der EU-feindlichen Kompass-Initiative. 2025 übernahm die Partners Group neben Immobilienportfolios auch elf klimaschädliche Gaskraftwerke in ­Kalifornien und deren Betreibergesellschaft. Kostenpunkt: 2,2 Mil­liarden US-Dollar. Die Partners Group will so auch mit mobilen Gaskraftwerken, die für Datacenter oder für Katastrophengebiete eingesetzt werden, Profite machen.

LGT verwaltet 85 Milliarden

Etwas nachhaltiger gibt sich die LGT Capital Partners mit Sitz in Pfäffikon SZ: sie verspricht auch Investitionen in ökologisch und sozial verantwortliche Firmen. Die Firma, die im Besitz der Fürsten­familie von Liechtenstein ist, verwaltet 85 Milliarden US-Dollar und investiert über Fonds in Hunderte Unternehmen weltweit, insbesondere in Energie-, Tech- und Industrieunternehmen.

So tickt Capvis

Capvis ist deutlich kleiner, mit einem verwalteten Vermögen von etwa 3 Milliarden Franken. Die Firma mit Sitz in Baar ZG ist in den 1990er Jahren aus einem Fonds der Schweizerischen Bankgesellschaft entstanden und fokussiert auf Industriebetriebe im deutschsprachigen Raum und Pflegeheime in der Schweiz. Früher war Capvis auch an Stadler Rail beteiligt. Weil die Firma mehrheitlich im Besitz der Partner und Manager ist und nicht an der Börse gehandelt wird, muss sie ihre Geschäftszahlen nicht offenlegen.

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