Frankreich: Zum Tod eines Faschisten
Lyon, Hauptstadt politischer Gewalt

Der rechtsextreme Schläger Quentin Deranque wurde in Lyon von Antifaschisten erschlagen. Frankreichs Bürgerblock nimmt das zum Anlass, sich offen auf die Seite der Ultrarechten zu stellen.

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GEDENKFEIER: Nach dem Tod von Quentin Deranque versammelte sich die rechte Szene auf den Strassen Lyons.  (Foto: Getty Images)

Rima Hassan sollte an der Universität Lyon über Gaza sprechen. Die EU-Abgeordnete der linken Bewegung «Die Ungebeugten» (LFI) ist eine Hassfigur der Rechten. Todesdrohungen gehören zum Alltag der Juristin, die als Neunjährige aus einem palästinensischen Flüchtlingslager nach Frankreich gekommen war.

Die Frauengruppe «Némésis» wollte die Veranstaltung von Hassan stören. Némésis vertritt einen rassistischen «Nationalfeminismus»: Frauen, behaupten sie, seien in Frankreich gleichgestellt. Unterdrückt würden sie ausschliesslich von nichtweissen, immigrierten Männern, meist Muslimen. Absurd, wie die Polizeiakten von Vergewaltigungen und Femiziden belegen: Die meisten Täter sind, wie im Fall Gisèle Pelicot, «gute Franzosen».

Némésis war bei ihrer Störaktion von rechten Schlägern begleitet. So tun sie das immer. Doch diesmal ging etwas schief: Nach der Strassenschlacht mit Antifaschisten der «Jungen Garde» blieb einer liegen. Zwei Tage später starb Quentin Deranque (23) im Spital.

Lyon ist kein Zufall

Dass dieses Drama in Lyon geschah, ist kein Zufall. Die Stadt ist ein Hort militanter Reaktionäre, von Rassisten und Monarchistinnen über Ultrakatholiken bis zu Identitären und Nazis. «Rue 89», eine seriöse Online-Zeitschrift, zählte 102 rechtsextreme Angriffe auf Gewerkschafterinnen, Ausländer, Demonstrationen, Sozialzentren, Buchhandlungen in den letzten fünfzehn Jahren – mit vielen Schwerverletzten. Der Schlachtruf der Täter:

Lyon ist nazi!

In diesem Sumpf diverser Gruppen navigierte Quentin Deranque. Neben den traditionalistischen katholischen Kirchen Saint-Georges und Saint-Just frequentierte er die härtesten rechtsextremen Zellen wie «Audace Lyon». Sie nennen sich «Nationalrevolutionäre» und trainieren für den gewaltsamen Umsturz. An der Gedenkfeier für Deranque erschienen etliche verurteilte Nazis, Hände wurden zum Hitlergruss gereckt, und ein Redner schrie: «Wir holen uns Lyon heim.»

Doch längst ist die rechte Gewalt weit über Lyon hinaus endemisch. Die Soziologin Isabelle Sommier hat ermittelt, dass in Frankreich seit 2017 sechs Menschen von Rechten ermordet wurden. Einer davon war Aboubakar Cissé, den ein Anhänger der Nationalen Front beim Gebet in der Moschee mit 57 Messerstichen abschlachtete.

Rechte Rudelattacken

Drohungen, Brandanschläge und physische Angriffe geschehen heute in so hoher Frequenz, dass die Gewerkschaften eine Alarmorganisation (VISA) einrichteten. Was Marion Maréchal, die Nichte der rechtsextremen Parteichefin ­Marine Le Pen, nicht daran hindert, frech zu behaupten: «Es gibt keine rechte, nur linke Gewalt.» Sie hat den trumpistischen Zungenschlag schon gut drauf. So auch Jordan Bardella, der wahrscheinliche Kandidat des Rassemblement national für die Präsidentschaftswahl 2027. Der Mann, in dessen Partei sich Hunderte von Holocaust-Leugnern, Rassistinnen und Demokratiefeinden tummeln, verlangte den Bau einer «Brandmauer» gegen LFI und den Ausschluss der Linken aus dem «demokratischen Konsens».

Parlamentspräsidentin Yaël Braun-Pivet, eine Macronistin, hielt in der Nationalversammlung eine Schweigeminute für den toten Faschisten ab. Schweigeminute für Aboubakar Cissé? Fehlanzeige. Präsident Macrons Justizminister Gérald Darmanin redete, als wolle er die Linke mit ihrem braven Programm demnächst zur terroristischen Organisation erklären. Die Medien der rechten Milliardäre, die bürgerlichen Republikaner, die Macronisten, aber auch der frühere sozialdemokratische Präsident François Hollande traten ein fürchterliches Kesseltreiben gegen LFI los.

Vorwand: Unter den neun verhafteten Tatverdächtigen von Lyon ist ein parlamentarischer Assistent des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault. Arnault selbst war Sprecher der «Jungen Garde», die er als Selbstverteidigungsorganisation gegen rechte Übergriffe mitbegründet hatte. Und der Handy-Film des Totschlags zeigt, wie Deranque, bereits am Boden liegend, weiter mit Fäusten und Fusstritten traktiert wird.

Sophie Binet, Chefin des Gewerkschaftsbundes CGT, kommentiert:

Das geht gar nicht. Wir leben nicht in einer Welt von Teddybären, manchmal muss man sich verteidigen. Aber unsere Regeln sind klar: keine Schläge gegen Gegner am Boden, niemals Tritte gegen den Kopf. Die Faschisten besiegt man nicht mit ihren Methoden.

Das Kesseltreiben gegen LFI, sagt sie, diene bloss dem Zweck, «die extreme Rechte zu stärken, um die linke Alternative zu verhindern.»

Bündnis mit den Rechtsextremen

Das ist behutsam formuliert. Binet muss befürchten, dass der Tod des Schlägers den Macronisten und den Republikanern dazu dient, alle Hemmungen fallenzulassen und endlich das grosse Bündnis mit den Rechtsextremen zu bauen. Alles, nur keine soziale Gerechtigkeit.

Vorerst stehen Lokalwahlen an. Worum es geht, zeigt Marseille, die letzte offene Stadt zwischen Arles und Nizza. Sie könnte in die Hände der Nationalen Front fallen. Macrons (chancenlose) Kandidatin Martine Vassal richtet sich schon darauf ein. Sie wirbt mit dem Slogan des faschistischen Vichy-Frankreich: «Arbeit, Familie, Vaterland.»

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