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Laura Gonzalez Martinez ist Verkäuferin in Zürich und Gewerkschafterin.

In der letzten Zeit suche ich Gespräche über das Altern mit unterschiedlichen Menschen in diversen Lebensphasen. Das Thema beschäftigt mich. Weil ich mich physisch langsam verändere und ebenfalls grosse Veränderungen bei meinen Gspönli sehe. Google sagt mir plump, dass das Altern in Schüben erfolge und ich in die beschleunigte Phase des Alterns reinsause. Die signifikanten molekularen Veränderungen finden um das 44. und 60. Lebensjahr statt. Ich befände mich am Anfang eines Prozesses des allmählichen Verlusts der «physiologischen Unversehrtheit», erklärt mir die Suchmaschine. Übersetzt auf meinen Körper heisst das: Plötzlich scheinen die Gänge doppelt so lang zu sein, die Kisten mit den Gipfeli dreimal schwerer und das Klima in der Tiefkühlabteilung auf einmal tropisch. Die Beine knacken noch lauter, der Schnuuf ist weg, und plötzlich sehe ich der kommenden Grippewelle nicht mehr so unbeschwert entgegen wie noch vor ein paar Jahren.

Ungeduld

Noch extremer nehme ich diesen Wandel bei meinen älteren Gspönli wahr. Dies kann sogar dazu führen, dass sie sich ausgeschlossen fühlen. Das Gehör wird schlechter, und Gespräche werden anstrengender. Die Sicht wird unscharf, und sie verpassen, was vor ihrer Nase passiert. Generell verändert sich die Aufmerksamkeit. Aber was mir vor allem auffällt: wie ungeduldig manche Menschen auf diese altersbedingten Einschränkungen reagieren. Es ist in unserer profitorientierten und hektischen Gesellschaft nicht vorgesehen, sich auf die ­Älteren einzulassen und das Tempo gegebenenfalls zu drosseln. Wer nicht mitrennt, ist draussen.

Halbzeit

Eine Kollegin ist wegen dieser Hektik sogar ausgewandert. Hier herrsche der Stress, und der Mensch gehe vergessen, sagte sie mir zum Abschied. Eine andere Kollegin vom Verkauf sucht sich einen Job mit weniger Anforderungen, obwohl sie dafür eigentlich überqualifiziert ist. «Mein Körper verändert sich, ich bin müde von dem Gerenne», erzählt sie mir. Je nach Branche, in der wir arbeiten, beschleunigt sich unser Alterungsprozess noch mehr. Darum verstehe ich die Diskussionen um eine Erhöhung des Rentenalters nicht. Wenn ich jetzt in der Halbzeit schon merke, dass ich mit meinem zwanzigjährigen Ich nicht mehr mithalten könnte, wie sieht das in zwanzig Jahren aus?

Das nicht mehr «Mithaltenkönnen», von dem habe ich Angst. Alle sagen zur Beruhigung das gleiche: «Da wirst du reinwachsen.» Ich hoffe, die Umgebung und mein Arbeitsumfeld auch.

Illu: Laura Gonzalez Martinez

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