Laura mal laut
Laura und die Möblierung des Bundesplatzes

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Laura Gonzalez Martinez ist Verkäuferin in Zürich und Gewerkschafterin.

Als ich für einen Kafi und Zigi kurz an die frische Luft ging, wartete mein Gspönli bereits draussen auf den Beginn seiner Spätschicht. Ich fragte, wie es ihm gehe, und seine Sorgen sprudelten plötzlich wie aus dem Nichts aus ihm raus. Seine Wohnung sei ihm gekündigt worden, und er habe ein knappes Jahr Zeit, um etwas zu finden. Der gesamte Wohnblock werde saniert. Das ist in der Stadt nicht ungewöhnlich: Alte Mieterinnen raus, neue rein, und die Mieten explo­dieren. Mein Gspönli sucht wie verrückt, aber etwas Vergleichbares in der Nähe zu finden ist wie der Sechser im Lotto, sagte er mir. Die Mieten steigen, aber die Löhne nicht. Mit einem Nettolohn von knapp 4000 Franken könne er sich eine Miete von über 2000 Franken nicht leisten. Unmöglich!

Existenzangst

Zudem gibt es verständ­licherweise Hunderte Bewerbungen für die wenigen günstigen Wohnungen. «Wie soll das gehen mit unserem Lohn?» fragte er. Und die besorgte Stim­­me kippte in Wut um. «Wie stellen sich das die Politikerinnen vor? Die Löhne bleiben praktisch unverändert, während alles andere ansteigt!» Er listete seine Ausgaben auf, und allein durch die Fixkosten summiert sich bereits ­einiges. Kommen noch Extras wie zum Beispiel ein Zahnarztbesuch hinzu, wird’s happig. Er möchte nicht aus der Stadt weg, da sein Leben und das seiner Familie hier stattfindet. Hier sind Schule, Freunde und Arbeit. Ich kann das vollkommen nachvoll­ziehen und werde auch wütend. «Was ist, wenn ich bis dahin nichts finde?» fragte mein Gspönli. «Dann sind wir auf der Strasse, und mir bleibt nichts anderes, als auf dem Bundesplatz zu schlafen, die ganze Familie mit Hab und Gut.» Und ich stimmte ihm zu. «Die Existenzangst begleitet uns nonstop, obwohl wir uns an die Regeln ­des Systems halten», sagte er weiter. «Wir arbeiten und zahlen die horrenden Rechnungen, und trotzdem scheint es nie genug zu sein! Ich schlafe sehr schlecht momentan.»

Verdrängung

Laut Studien der ETH Zürich aus dem Jahr 2025 waren zwischen 2015 und 2020 über 14 000 Personen allein in der Stadt Zürich von dieser Verdrängung betroffen. Ich kenne viele, die grosse Sorgen haben, ihr Zuhause zu verlieren. Ich hoffe sehr für uns alle, dass es nicht notwendig sein wird, den Bundesplatz zu möblieren.

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