So steht es um das Schweizer Gastgewerbe
«Die Löhne sind an vielen Orten zu tief»

Endlich! Nach fast sechs Jahren Stillstand verhandeln die Sozialpartner über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag für das Gastgewerbe. Doch was muss sich ändern? Die Unia-Mitglieder Lena Zbinden, Shohaya Wagner und Gabriela Pérez berichten über ihren Alltag im Gastgewerbe. 

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 10:16
MIT LEIDENSCHAFT IN DER GASTRO: Shohaya Wagner weiss, was sich in ihrem Beruf verändern muss. (Foto: Severin Nowacki)

Das Gastgewerbe gehört zu den grössten Branchen der Schweiz. Jedenfalls, wenn man auf die Zahl der Beschäftigten blickt: 186'000 Personen arbeiteten per Ende 2023 in der Branche. Zudem wird die Arbeit in der Gastro mehrheitlich von Frauen geleistet. work fragt nach, wie es den Büezerinnen gehe.

Darunter Shohaya Wagner (44). Obwohl sie als junge Frau eine Ausbildung zur Sanitätsmedizinerin gemacht hat und auch in diesem Bereich ein Studium anfing, wurde ihr schnell klar: Sie gehört ins Gastgewerbe. «Ich bin bereits in einer Gastrofamilie gross geworden. Meine Eltern hatten Restaurants und Kaffees, und ich habe schon als Teenie bei ihnen ausgeholfen», sagt sie zu work. Mit ihrem Umzug von München nach Biel vor 17 Jahren bot sich die Branche als guter Startpunkt an, um am neuen Ort anzukommen – und durch die Arbeit den Puls der Gesellschaft zu spüren. Dafür musste sie rasch auch Schweizerdeutsch und Französisch lernen. 

«Ich erlebte in den vielen Jahren Gastro oft, dass gerade Migrantinnen und -Migranten schamlos ausgenutzt und zu Dumpinglöhnen angestellt wurden. Weil Deutsch meine Erstsprache ist, blieb ich davon verschont», sagt sie. Doch mit den Löhnen ist sie bis heute nicht einverstanden. Wagner:

Die Löhne sind sehr unterschiedlich und an vielen Orten zu tief. Gerade für Leute, die im Stundenlohn arbeiten, kann es sehr herausfordernd sein, sich damit ein würdiges Leben zu finanzieren.

Sie selbst arbeitet seit Sommer 2025 als Geschäftsleiterin im «Adrianos» in Biel und hat das Privileg, einen Fixlohn zu verdienen.

Strenge Arbeitszeiten

Die 44jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen. Wie lässt sich der Gastroalltag mit dem anspruchsvollen Familienleben vereinbaren? «Klar ist: Die Arbeitszeiten sind streng. Viele Betriebe sind von frühmorgens bis spätabends offen. Doch für mich waren diese Arbeitszeiten von Vorteil: Ich konnte mich tagsüber um die Kids kümmern und abends zur Arbeit gehen», erzählt sie. 

Im Gespräch mit work blitzt die Leidenschaft für die Gastrobranche immer wieder kräftig durch. Wagner sagt:

Im Gastgewerbe geht es nicht darum, einfach etwas zu verkaufen. Man schafft einen Ort für Gemeinschaft und Austausch. Für mich ist es zudem wichtig, für mein Team einen Ort der Wertschätzung und der Freude zu schaffen.

Das stecke die Gäste nämlich an und schaffe ein angenehmes Klima, weiss die 44jährige.

Dass im Team gute Stimmung herrscht, ist auch für Lena Zbinden (20) das A und O. Sie arbeitet in einem Hotel bei Luzern und weiss, dass man gerade in stressigen Zeiten gut zusammenspielen muss. «Wir arbeiten im Hotel zusammen, wohnen gemeinsam im Personalhaus, und mit einigen sind so gute Freundschaften entstanden, dass ich auch meine Freizeit mit ihnen verbringe», sagt sie.

Bitte mehr als nur das Minimum!

Die 20jährige entschied sich als Teenie für eine Lehre als Hotelkommunikationsfachfrau. In ihrem Lehrbetrieb hatte sie die Möglichkeit, von der Réception über den Service bis zur Eventplanung Einblicke zu erhalten. Dafür ist sie sehr dankbar, denn so konnte sie herausfinden, was ihr am meisten zusagt. Auch der Umgang mit Belästigung war in ihrem Lehrbetrieb vorbildlich: «Ich habe sexuelle Belästigung im Team erlebt. Meine Vorgesetzten glaubten mir sofort, und der Täter hatte die Konsequenzen zu tragen.»

EIN JOB, DER VIEL ENERGIE FRISST: Lena Zbinden kann sich nicht vorstellen, ihr ganzes Leben in der Gastro zu arbeiten. (Foto: Severin Nowacki)

Nach ihrer Ausbildung wechselte sie in ein renommiertes Viersternehotel in Luzern, dort arbeitet sie im Restaurantservice, hilft bei Bedarf auch in der Bar, an Banketten und Hochzeiten aus. Arbeitet sie wegen des Lohnes im Hochglanzhotel? Lena Zbinden antwortet:

Nein, leider nicht. Mit dem Lohn bin ich nicht zufrieden. Ich würde mir wünschen, dass Führungspersonen erkennen, wie wichtig die Entlöhnung ist.

Wertschätzung hin oder her – Zbinden ist der Meinung, dass ein gut funktionierendes Team mehr als nur das absolute Minimum verdient. Etwas Gutes bedeuten dafür die reicheren Gäste im Viersternehotel: In der Hochsaison pimpt Zbinden mit Trinkgeld ihren Lohn mächtig auf. «Im Sommer bei schönem Wetter und vollen Terrassen kann ich meinen Lohn um einen Viertel oder sogar um die Hälfte aufstocken», erzählt sie.

Im Dezember arbeitete Zbinden an Weihnachten und an Neujahr. Es waren strenge Tage, aber: «Die Gäste schätzen die Arbeit an Feiertagen noch mal mehr. Ich bin ein Nachtmensch, und Arbeiten an Silvester hat mir super gefallen!» Doch die 20jährige kann sich nicht vorstellen, ihr gesamtes Berufsleben im Gastgewerbe zu arbeiten. «Man ist ständig unter Menschen, und die vielen sozialen Kontakte kosten viel Energie. Zudem sind die Tage lang und streng, der Lohn zu tief.» Sie könnte es sich gut vorstellen, vielleicht eines Tages Lernende im Gastgewerbe an der Berufsschule zu unterrichten. Doch zuerst möchte sie die Berufsmatur machen.

Talente halten

Gabriela Pérez* (35) kennt die Gastrowelt aus einem anderen Winkel, nämlich aus der Küche. Vor 10 Jahren ist sie für die Liebe von Venezuela ins Wallis gezogen. In ihrer Heimat hat Pérez studiert, in der Schweiz musste sie von ganz unten anfangen. Das Kochen war schon immer ihre Leidenschaft, und diese wollte sie mit ihrer Ankunft in der Schweiz verfolgen. Sie holte das EFZ nach und arbeitet heute als Köchin in Bern. «Mein Traum ist es, eines Tages in der schönen Berner Altstadt einen eigenen Betrieb zu haben, zum Beispiel ein nettes Kaffee», sagt sie zu work. Doch bis dorthin muss die Branche hoffen, Talente wie Pérez nicht zu verlieren. Denn die Arbeit ist hart, die Bedingungen sind unattraktiv und die Löhne zu tief. Sie sagt:

Ich arbeite an zwei Orten Teilzeit, weil mir das mehr Freiheit und mehr Lohn gibt als eine Vollzeitstelle.

Was der Köchin bei vielen ihrer Arbeitgeber auf den Magen geschlagen hat, ist der Umgang mit Mobbing und sexueller Belästigung in Küchen. «In meiner Lehre wurde ich gemobbt, später war ich sexistischen Kommentaren ausgesetzt. Als Frau muss man sich in der Küche noch mehr beweisen», sagt sie. Pérez weiss: Genau das ist der Grund, warum Frauen die Branche immer häufiger verlassen. Sie sagt: «Irgendwann hast du keine Lust mehr auf ständige Konflikte.» An diesem Punkt befindet sich Pérez selbst: Sie liebt es, zu kochen und Gäste zu empfangen, die Branche setzt ihr aber immer mehr zu. Sie liebäugelt deshalb mit einer Umschulung, beispielsweise interessiert sie sich sehr für Ernährungsberatung.

Verhandlungen: Was sich im L-GAV ändern muss

Zurzeit wird über den grössten Gesamtarbeitsvertrag des Landes neu zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverband verhandelt: Dem L-GAV (Landes-Gesamtarbeitsvertrag des Gastge­werbes) sind rund 250'000 Büezerinnen und Büezer unterstellt. Nachdem der Arbeitgeberverband Gastrosuisse die Neuverhandlungen jahrelang blockiert hat, finden seit vergangenem ­November endlich wieder Verhandlungen statt. 

Die Gewerkschaften, ­darunter Unia und Syna sowie Hotel & Gastro Union, fordern ­höhere Löhne, geregelte Arbeits­zeiten, regelmäs­sige ­Ruhetage, Stop der sexuellen Belästigung und vieles mehr. Mittlerweile fanden drei ­Verhandlungsrunden statt. Unia-Vizepräsidentin Véronique Polito ist an den ­Verhandlungen dabei. Sie sagt: «Die Diskussionskultur hat sich massgeblich verbessert, und die Probleme in der Branche werden gemeinsam auf den Tisch gelegt. Zudem zeigt Gastrosuisse Bereitschaft, unsere Anliegen anzuhören. Das sind gute ­Voraussetzungen, um einen sinnvollen GAV voranzu­bringen.» 

Der Fokus ist für die Unia klar: «Unsere Basis hat uns einen klaren Auftrag gegeben: es braucht erhebliche Verbesserungen bei den Löhnen und den Zuschlägen», sagt Polito. Zudem ist im Gastgewerbe ein weiterer Brennpunkt akut: die ­Arbeitszeiten. Unia-Frau Polito: «Die Arbeitnehmenden fordern eine Reduktion der Arbeitszeit, zusammenhän­gende freie Tage und Zuschläge für Sonntagsarbeit.»

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.