Detailhandel adieu
Ausgebrannt und kleingemacht: Eine Migros-Verkäuferin zieht die Reissleine

Über ein Arbeitsintegrationsprogramm kam sie zur Migros. Zwei Jahre später ist Cecilia Ferreira  physisch und psychisch erschöpft. Erfahrungsbericht aus einem toxischen Arbeitsumfeld.

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ERST HOFFNUNG, DANN ELEND: In ihrer Zeit bei der Migros ging es Cecilia Ferreira extrem schlecht. (Foto: Keystone)

«Ich habe alles hingenommen und akzeptiert. Ich wollte unbedingt einen festen Arbeitsvertrag.»  Cecilia Ferreira** (39) wollte endlich wieder auf eigenen Beinen stehen und zurück in den Arbeitsmarkt. Das Programm M-Défi gab ihr Hoffnung. Es ist eine Initiative von der Migros und dem Kanton Genf, die Stellensuchende wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Ferreira gab alles. Sie sagt: «Ich arbeitete 52 Stunden pro Woche statt der vorgesehenen 38 und wurde regelrecht herumgescheucht.» Nach einigen Monaten hatte Ferreira die ersten Beschwerden. Eine Sehnenentzündung machte ihr zu schaffen. Doch sie biss die Zähne zusammen. Aus Angst, aus dem Programm zu fliegen.

Ihr Durchhaltewille zahlte sich aus. Sie bekam eine Festanstellung und wurde sogar Abteilungsleiterin. Ferreira hatte es geschafft.

Rückschlag um Rückschlag

Die Früchte der harten Arbeit konnte Cecilia Ferreira nicht auskosten. Erster Wendepunkt war die Ankunft eines neuen Geschäftsführers. Ferreira beschreibt ihn als «aufbrausend». Er war offenbar gekommen, «um aufzuräumen». Es gab Ausfälle, und Ferreira musste links und rechts einspringen. Die Arbeitsbelastung wuchs, und wieder hatte das Einfluss auf Ferreiras Gesundheit. «Zuerst hatte ich Schmerzen in den Armen, dann in den Beinen und Füssen.»

Die 39jährige spürte erstmals, dass der Job nicht nur negativen Einfluss auf ihren Körper, sondern auch auf ihre Psyche hatte. Sie fühlte sich zunehmend gereizt. Zu Hause war sie nur noch erschöpft und hatte keinen Antrieb mehr, ausser zum Essen und zum Schlafen. Ihr setzte auch zu, dass sie ihre Tochter kaum noch sah. Sie arbeitete Vollzeit, ging jeden Morgen um 5 Uhr aus dem Haus und hatte auch samstags viele Einsätze. Ferreira beschreibt rückblickend:

Ich schaffte es nicht mehr, mich richtig um sie zu kümmern. Ich schrie nur noch rum. Ich hatte kein Leben mehr.

Der erste Zusammenbruch

Im Frühjahr wurde der Filialleiter ersetzt. Für Ferreira wurde der Arbeitsalltag dadurch aber nicht besser. Im Gegenteil. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich zusehends, und ihr neuer Chef hatte dafür kein Gehör. Die 39jährige sagt rückblickend: «Ich war völlig am Ende, ich war nur noch gestresst. Physisch zeigte sich das auch dadurch, dass ich immer mehr an Gewicht zunahm. Es war eine Katastrophe.»

Statt ihr zu helfen, zitierte der Filialleiter sie in sein Büro. Es seien Beschwerden aus dem Team über sie eingegangen. Er warf ihr zudem vor, sie lasse ihre Arbeit liegen, um rauchen zu gehen. «Die Vorwürfe waren völlig haltlos und stimmten einfach nicht. Doch er legte mir ein Papier vor, das ich unterschreiben sollte. Es war ein Schuldeingeständnis. Ich war fassungslos und verzweifelt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und unterschrieb einfach.»

Kurze Zeit später stand für Ferreira und ihre Tochter ein Wohnungswechsel an. Sie musste darum kämpfen, dafür ein paar freie Tage beziehen zu können. Und sie managte den Umzug. Doch danach brach alles zusammen. Ferreira war am Ende. Ihr Arzt schrieb sie eine Woche krank.

Das Selbstvertrauen war weg

Die 39jährige holte sich Unterstützung bei der Unia. Sie begann auch eine psychiatrische Behandlung. Doch die Arbeit fiel ihr immer schwerer. Die Ankunft einer neuen Kollegin gab ihr anfangs Hoffnung. Sie entlastete sie in ihrer Arbeit. Doch die Zuversicht hielt nicht lange. Als Ferreira nach einer Ferienabwesenheit ins Geschäft zurückkehrte, war alles anders. Die neue Kollegin hatte sie beim Filialleiter angeschwärzt und führte nun Ferreiras Bereiche. Ihr wurden sämtliche Kompetenzen abgesprochen. Ferreira sagt:

Ich durfte nichts mehr anfassen. Man schob mir die Verantwortung für Fehler zu, die ich nicht begangen hatte. Der Filialleiter demütigte mich, indem er mich vor anderen Leuten anschrie. Ich habe komplett mein Selbstvertrauen verloren.

Es wurde immer offensichtlicher: Ferreira rutschte in ein Burnout. Sie fühlte sich schlecht bei der Arbeit, weinte nur noch. Der Arzt schrieb sie krank. Nicht wegen der psychischen Belastung, sondern wegen eines Fersensporns. Doch zu diesem Zeitpunkt erkannte Ferreira: «Diese toxische Atmosphäre war schlecht für mich. Ich konnte so nicht weitermachen.»

Der Neustart

Ende 2025 hat die Migros  Cecilia Ferreira nach vier Monaten Krankschreibung entlassen. Und für Ferreira steht fest: Der Verkauf hat sie derart zermürbt, dass sie unter keinen Umständen in diese Branche zurückkehren werde. Ferreira will körperlich wieder fit werden. Eine Fussoperation steht demnächst an. Und sie muss ihre Hüfte behandeln lassen, die ihr nach wie vor starke Schmerzen bereitet.

Auch beruflich hat sie klare Ziele: Sie will als Chauffeurin im öffentlichen Verkehr arbeiten. Den entsprechenden Ausweis dazu hat sie bereits erlangt.

Und noch wichtiger: Ferreira fühlt sich mental wieder fit. Sie sagt:

Heute geht es mir endlich gut. Ich gehe wieder unter Leute und unternehme viel mit meiner Tochter.

*Dieser Beitrag von Redaktorin Manon Tedesco ist zuerst in der französischsprachigen Unia-Zeitung «L’Evénement syndical» erschienen und wird hier in einer überarbeiteten Version publiziert.

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