Pflege-Streik im Spital Lausanne (CHUV)
Wenn die Pflege will, steht das Spital fast still

Streik in Spital? Das geht! Die Mitarbeitenden des Unispitals Lausanne haben erfolgreich gegen Lohn­abbau gestreikt.

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WO DER STREIK WIRKUNG GEZEIGT HAT: Am Unispital Lausanne haben die ­Fachkräfte ihre Arbeit niedergelegt und die Regierung zu einer Kehrtwende gezwungen. (Foto: Keystone/ZVG)

In der Schweiz sind Streiks in der Gesundheitsbranche bisher selten. Ein Grund dafür: Hier geht es um Menschen. Würden in einem Heim, einem Spital, einer Spitex plötzlich alle die ­Arbeit niederlegen, kämen Menschen zu Schaden. Das wollen die Mitarbeitenden nicht.

Letztes Mittel

Und doch: Wenn nichts anderes hilft, müssen auch Pflegende streiken können. Genau das hat die Pflegefachfrau Friederike Flückiger vor gut zwei Monaten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen am Unispital Lausanne (CHUV) getan. Und zwar erfolgreich.

VPOD-Mitglied Flückiger sagt, wie fast über­­all im Gesundheitswesen mache auch in ihrem Spital die Politik ständig Druck auf die Kosten. «Jedes Jahr bekommen wir ein noch grösseres Sparpaket aufgedrückt. Wir müssen immer mehr leisten, mit immer weniger Mitteln.» Im September 2025 habe die Kantons­regierung aber eine Linie überschritten. Dem gesamten Staatspersonal sollten die Löhne nicht nur eingefroren, sondern um 0,7 Prozent gekürzt werden. Ausgenommen waren nur die tiefsten Lohnklassen.

«Eine Ohrfeige!»

Das habe, sagt Flückiger, die Leute «richtig ­wütend gemacht. Eine Ohrfeige!» Zusammen mit zwei anderen Gewerkschaften organisiert der VPOD Proteste im Spital, an Schulen, Kindergärten, an der Universität, in der Verwaltung. Doch die Regierung schaut weg. Die Forderungen der Mitarbeitenden beantwortet sie nicht einmal. Diese lancieren Streiks. In einer Vollversammlung und fast einstimmig beschliessen die CHUV-Mitarbeitenden: Wir machen mit.

Zuerst legen sie einen Streiktag fest, den 28. November. In einer Umfrage können nun alle Mitarbeitenden angeben, ob sie die Arbeit niederlegen oder nicht. Gegen 300 schreiben sich ein. Jetzt ist die Spitalleitung verantwortlich, dass in allen Stationen ein Minimalbetrieb möglich ist.

Streiken, aber clever

Geht das überhaupt, wenn die Pflege schon im Normalzustand unterbesetzt ist? Ja, erklärt Flückiger. Nicht alles, was die Pflege mache, müsse genau an diesem Tag sein. «Zum Beispiel sagen wir halt bei einer Untersuchung, die nicht ultra­dringend ist: ‹Nein, es ist Streik. Heute kann niemand die Patientin ins CT bringen.›»

Die Patientinnen und Patienten hätten dies auch verstanden. Mehr noch: «Die waren auf unserer Seite!» Viele hätten sie ermuntert, gegen das Sparpaket zu kämpfen. Denn auch das macht einen Pflegestreik speziell: Den Strei­kenden geht es nicht nur um die eigenen Löhne, sondern um die Qualität der Pflege. Beides geht Hand in Hand. Flückiger sagt: «Ja, wir streiken einen Tag lang. Um einen Abbau zu verhindern. Denn der würde sich 365 Tage im Jahr auswirken.»

Regierung muss zurückrudern

Insgesamt baute das Waadtländer Staatsper­sonal eine Protest- und Streikbewegung auf, ­wie sie ein Kanton selten erlebt hat: Ganze dreizehn Streiktage, an denen jeweils viele Schulen geschlossen blieben, und drei Demonstrationen innerhalb eines Monats, alle mit 20 000 und mehr Teilnehmenden. Am späten Abend des 12. Dezember zwang der Druck die Kantonsregierung zu einer Kehrtwende. Sie kipp­­te die Lohnkürzung aus dem Sparpaket und ­erfüllte damit die wichtigste Forderung des Staatspersonals. Leider seien viele der restlichen Sparmassnahmen durchgekommen, sagt Pflegefachfrau Flückiger. Dennoch habe sich der Einsatz auf jeden Fall gelohnt: «Es ist ein tolles Gefühl, wenn du weisst: Das ist nur passiert, weil wir Druck gemacht haben.»

Mit dem Streik hätten sich die Pflegenden bei Politikerinnen und Politikern, endlich, Achtung verschafft. Auch im Spital habe der Streik etwas verändert: «Viele haben jetzt gemerkt: Wenn wir uns gemeinsam und lautstark wehren, dann sind wir eine politische Kraft.»

Und im Rest der Schweiz?

Das gilt auch auf Bundesebene. Am 22. November demonstrierten 5000 Menschen in Bern, weil der Bundesrat mit einem völlig ungenügenden Gesetz die Pflegeinitiative umsetzen wollte. Aber ganz offensichtlich ist der Druck auf die rechtsbürgerliche Mehrheit im Bundeshaus noch nicht stark genug. Denn keine zwei Monate nach der Demo hat sich die Gesundheitskommission des Nationalrates mit dem Gesetz befasst. Und es nicht besser, sondern noch schlechter gemacht (work berichtete).

Für Friederike Flückiger ist es «ein Hohn», wie die Rechten eine taugliche Umsetzung der Pflegeinitiative verweigern. An ihre Adresse sagt sie: «Eure Politik geht an der Bevölkerung vorbei. Aber macht nur so weiter. So wächst unsere Bewegung noch mehr!»

Konferenz: Die Politik der Unia mitbestimmen


Wie soll die Unia ihren Einsatz für eine ­taugliche Umsetzung der Pflegeinitiative ­weiterführen? Wie gelingt Widerstand gegen Abbaupläne? Darüber diskutieren Unia-­Mitglieder und Interessierte aus dem Gesundheitswesen am Samstag, 28. Februar. Fokus der Branchenkonferenz Pflege und Betreuung ist der Care-Streik 2027.

9.30 bis 15.45 Uhr, Unia Zentralsekretariat Bern.
Das Mittagessen wird von der Unia offeriert.
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