Schliessung nur vorgetäuscht:
St. Galler Matratzenbude wurstelt weiter – Chef auf Tauchgang

WACH AUF! Swisspur-Büezer protestieren vor der Fabrik in Montlingen. Bild: Unia.

Im Dezember flog die jahrelange Hungerlohn-Politik der St. Galler Betten- und Matratzenfirma Swisspur auf. Dann kündigte der Chef die Einstellung der Produktion an. Eine Finte, die jetzt die Behörden auf den Plan ruft.

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WACHT AUF! Swisspur-Büezer protestieren vor der Fabrik in Montlingen. Bild: Unia.

Im Dezember flogen die Fetzen im St. Galler Rheintal. Vor der maroden Matratzenfabrik Swisspur in Montlingen SG probten die Beschäftigten den Aufstand – gegen ihren Chef Michael Janzik (55)! Er hatte sie jahrelang zu Hungerlöhnen von rund 2800 Franken ausgebeutet. Mit dem so ergaunerten Profit liess es sich der gebürtige Deutsche gutgehen. In Murg am Walensee fühlte er sich offenbar so wohl, dass er sich dort letzten März auch einbürgern liess. Und seinen beiden Söhnen (beide um die 20) finanzierte er ein regelrechtes Prasserleben. Etliche Luxuskarossen, mit denen Janziks Juniore auf Instagram angeben, laufen auf die Firmen von Papi.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter lebten derweil von der Hand in den Mund, weit unterhalb der Armutsgrenze. Ein Teil von ihnen sei zudem schwarz beschäftigt worden, versichern sie. Und auch von groben Mängeln bei der Arbeitssicherheit ist die Rede. Videos zeigen, wie Arbeiter auf den Gabelstapler klettern müssen, um Hochregale zu beladen. Oder wie Regenwasser in die verstaubte Fabrik tropft. Oder wie Büezer Klebstoff versprühen, bloss mit einer Corona-Maske als «Schutz».

Beschäftigte, die sich gegen solche Zumutungen wehrten, flogen raus. Die Unia hat deswegen mehrere Verfahren aufgegleist. Swisspur-Chef Michael Janzik zeigte sich bisher jedoch an keinem Termin. Und alles deutet daraufhin, dass er sich auch weiterhin aus der Verantwortung tricksen will – und zwar mit den üblichen Maschen.

Mit Strohmännern und Firmen-Wirrwarr

Bloss ein Tag nach den work-Enthüllungen im Dezember verschickte Janzik eine Medienmitteilung. Auf die Vorwürfe ging er dort mit keinem Wort ein. Stattdessen stellte er eine neue Firma vor: die Swisspur Online AG. Sie sei fortan für den Vertrieb der Ware zuständig, nicht aber für die Produktion. Diese werde in Montlingen per «per Ende Januar 2026» eingestellt, verkündete Janzik später in der Presse. Doch jetzt ist klar: Das war gelogen. «In Montlingen wird munter weiterproduziert, wenn auch mit weniger Leuten», sagt der zuständige Unia-Sekretär Patrick Lenghel. Ehemalige Beschäftigte berichteten zudem nach wie vor von Schwarzarbeitern, die für die Auslieferung zuständig seien, so Lenghel. Und auch die Hire-and-Fire-Politik geht offenbar weiter wie bisher: «Erst letzte Woche wurden wieder zwei Arbeiterinnen geschasst», weiss Lenghel. Und: «Die Firma sucht schon wieder Ersatz.»

VON WEGEN FABRIK-AUS. In Montlingen wird neues Personal gesucht. Screenshot: ostjob.ch.

Tatsächlich wird auf dem Stellenportal Ostjob.ch eine Näherin oder ein Polsterer in Vollzeit gesucht. Geboten wird unter anderem eine «moderne Arbeitsumgebung» und ein «angenehmes Arbeitsklima». Aber: Anbieterin ist nicht die Swisspur Manufaktur AG. Deren Sitz hatte Janzik nämlich in einen Briefkasten nach Basel verlegt und die Zeichnungsberechtigung an einen Vertrauten überschrieben. Es ist die Textil & Tradition Rheintal AG, die jetzt Personal sucht. Sie war von einem zweiten Vertrauten von Janzik gegründet worden, just nachdem die Unia aktiv geworden war. Ihr angeblicher Geschäftsführer ist trotz mehrerer Kontaktversuche nicht zu erreichen. Weil er bloss ein Strohmann ist? Fragt man in den verschiedenen Swisspur-Showrooms nach Michael Janzik, wird man jedenfalls wie bisher auf die Telefonnummer der Montlinger Fabrik verwiesen. Doch dort herrscht Funkstille. Und Janzik selbst lässt mehrere Anrufe und Mail-Anfragen unbeantwortet. Auch sonst versucht er Distanz zu gewinnen.

Kanton sieht sich getäuscht

So strickte er drei Wochen nach den Protesten abermals an seinem Firmen-Geflecht. Er trat nämlich aus dem Verwaltungsrat der Swisspur Schlafkomfort AG zurück. Das ist just jene Rechtseinheit, die – so zeigen es die Arbeitsverträge – diverse Arbeiterinnen und Arbeiter zu GAV-widrigen Dumpinglöhnen ausgebeutet hat. Und gegen die deswegen jetzt Verfahren laufen.

Ende Januar folgte die nächste Änderung im Handelsregister: Die Swisspur Schlafkomfort heisst neu Global Sleep Europe AG und sitzt nicht mehr in Hünenberg ZG sondern Zürich-Altstetten.

Wie lange das Versteckspiel noch weitergeht, hängt nicht zuletzt von den Behörden ab. Beim Kanton St. Gallen hat man die Firma jedenfalls schon länger auf dem Radar. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) habe letzten Oktober eine Schwarzarbeitskontrolle durchgeführt, sagt Sprecher Adrian Schumacher auf Anfrage. Allerdings habe diese keine Unregelmässigkeiten zu Tage führte. Und jetzt? «Aus naheliegenden Gründen kündigt das AWA Schwarzarbeitskontrollen nicht im Vorfeld an.» Aber im Allgemeinen erfolgten Kontrollen jeweils aufgrund von Hinweisen oder dem Umstand, dass ein Betrieb zu einer Risikobranche zähle, so Schumacher. Mit Besuch muss in Montlingen also gerechnet werden. Nicht zuletzt deshalb, weil sich der Kanton offenbar getäuscht sieht. Das Arbeitsinspektorat, zuständig für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, habe nur deshalb noch keine Kontrolle durchgeführt, weil Swisspur im Dezember die Produktionseinstellung per Ende Januar verkündet habe: «Da es sich unserer Ansicht nur noch um eine Abwicklung des Betriebes handeln konnte, haben wir nicht mehr interveniert.» Nun ist die Finte aufgeflogen. Schumacher: «Wir werden zeitnah eine Kontrolle vor Ort durchführen.»
Aktiv geworden ist ausserdem die für den GAV-Vollzug zuständige Paritätische Berufskommission der schweizerischen Möbelindustrie. Sie bestätigt auf Anfrage: «Ein Verfahren läuft.»

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