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Snowboardlehrerin und Hochbauzeichnerin Désirée Schmidhalter (38): Die Kids lehrt sie kurven, die Machos das Fürchten

Beruflich bewegt sich Désirée Schmidhalter immer im Oberwallis – und doch in zwei ganz verschiedenen Welten. Ihren Prinzipien bleibt sie aber überall treu.

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Désirée Schmidhalter (38) hat ihr liebstes Hobby zum Beruf gemacht. (Fotos: Matthias Luggen)

Der Tag beginnt garstig-grau, deutlich schlechter als angesagt. Zumal noch eine steife Brise aufzieht. Immer bissiger fegt sie über den nahen Simplon. Triebschnee bedeckt die Pisten. Und eine kräftige Böe bringt den Schlepplift zum Stehen.

Plötzlich der Wetterumschwung! Die Sonne drückt durch, weit unten kommt das grüne Rhonetal zum Vorschein – und innert Minuten entfaltet sich die ganze Pracht des Skigebiets Rosswald, der Arbeits­platz von Désirée Schmidhalter (38). «Nicht schlecht, gell?!» strahlt die eidgenössisch diplomierte Schneesportlehrerin aus Ried-Brig VS, dem Dorf an der Talstation. «Schau, das ist der Saflischpass und dort das Bortelhorn, unser Hausberg.» Sie zeigt auf einen schroffen, komplett weissen Dreitausender. Davor segelt ein riesiger Vogel. «Ein Bartgeier», weiss Schmidhalter. Und man merkt sofort: Diese Frau ist hellbegeistert von ihrer Gegend – auch nach über zwanzig Jahren als Snowboardlehrerin am selben Ort. Das sei sogar etwas vom Schönsten an ihrem Job:

Wenn du die Faszination für den Berg und den Schneesport vermitteln kannst und dann siehst, wie die Gäste Freude haben an unserer Heimat.

Kann’s auch mit Überehrgeizigen

Am meisten unterrichtet Schmidhalter Kinder und Jugendliche. Aber es gebe auch Erwachsene, die das Boarden noch lernen wollten. Wichtig sei in jedem Fall die Hilfe eines gut ausgebildeten Coaches. Denn: «Einmal verinnerlichte Fehler bringst du nicht mehr so leicht raus.» Und wenn man von Profis lerne, mache das Snöben einfach auch schneller Spass. Und genau darum gehe es. Das müsse sie manchmal erklären. Denn: «Wie in der Schule gibt es auch am Berg übermotivierte Eltern, die das Gefühl haben, ihr Kind müsse schon dies und das beherrschen oder gehöre mindestens in eine Klasse höher.» Da brauche es dann jeweils Fingerspitzengefühl und eine gute Kommunikation. Damit der Ehrgeiz der Eltern dem Kind nicht die Freude nehme. Doch mit Leuten reden und dann eine Lösung finden – das kann Schmidhalter. Nicht nur weil sie ein offen-aufgestelltes und schlagfertiges Naturell hat. Sondern auch weil sie studierte Sozialpädagogin ist und entsprechende Berufserfahrung hat.

Ins Soziale hatte es Schmidhalter nach einer Lehre als Bauzeichnerin verschla­gen. In ihrem damaligen Architektur­büro habe sie etwas gar wenig mit Menschen zu tun gehabt. Das war im Sozialwesen definitiv anders – und trotzdem kehrte sie der Branche wieder den Rücken.
Mit ein Grund dafür sei deren chro­nische Unterfinanzierung gewesen: «Es ist sehr schwierig, wenn überall gespart wird.» Den «Gong gegeben» habe ihr aber etwas anderes: «Ich fand heraus, dass ein Mit­arbeiter in der gleichen Position 1000 Franken mehr verdiente als ich!» Sie bat um ein Lohngespräch, doch der Chef bot ihr nur einen Hunderter mehr. «Das war ein Affront, und ich kündigte!» Pech für die So­zialbude, gut für das Skischulbüro von Rosswald, wo Schmidhalter direkt anfangen konnte. Und mittlerweile eine der erfahrensten Mitarbeiterinnen ist. Neben ihrem eidgenössischen Diplom hat sie die sogenannte Backcountry-Ausbildung. Damit darf sie mit Gästen auch freeriden, also abseits der Piste den Pulver geniessen. Pro Monat verdient sie so knapp 2000 bis gut 4000 Franken, je nach Auftragslage.

Aber was, wenn der letzte Schnee geschmolzen ist? Seit rund zwei Jahren ist Schmidhalter wieder in ihrem gelernten Beruf tätig, bei der Firma Ritz Architektur AG mit Standorten in Bellwald und Grengiols. Dort sei mehr Teamarbeit gefragt als bei ihrer ersten Zeichnerinnenstelle in einem kleineren Büro. Und auch sonst werde einem vieles ermöglicht. Schmidhalter rechnet der Firma zum Beispiel hoch an, dass sie die ganze Skisaison fehlen darf. Zumal noch eine weitere Büro­kollegin im Winter Snowboardleh­rerin ist. Gleichzeitig sei klar:

Manchmal muss man halt auch selbst etwas wagen. Und sagen: ‹Das muss jetzt möglich sein!›

Jedenfalls nütze die Flexibilität ja auch der Firma. Und der Branche sowieso, da sie so diverser werde. Was dringend nötig sei: «Der Bau ist noch immer eine ziemliche Männerdomäne – und man hört noch zu viele dumme Sprüche.» Doch Schmidhalter ist keine, die aufs Maul hockt. Schon gar nicht in solchen Situationen. «Für Gleichstellung setze ich mich immer ein, egal ob im Job, an der Bar oder sonstwo!»

Engagiert mit Bar und Fackeln

Dass man sich einsetzen muss für seine Anliegen, habe sie nicht zuletzt von ihrer Mutter gelernt: Doris Schmidhalter-Näfen war zwanzig Jahre lang SP-Grossrätin und bis vor kurzem Präsidentin der Unia Wallis. Als Tochter der «roten Doris» sei sie mit vielen Vorurteilen konfrontiert worden, sagt Schmidhalter. Doch im Argumentieren in der Beiz habe sie das nur noch gestärkt.

Bloss schade, dass das Beizensterben auch vor dem Rosswald nicht Halt macht. Après-Ski ist schon fast nicht mehr möglich, seit das legendäre «Tipi» und das dazugehörige Hotel samt Bar geschlossen ­haben. Gut gibt’s die Ski- und Snowboard-Lehrer und -Lehrerinnen! Sie organisieren nämlich nicht nur Events wie Vollmond- und Fackelabfahrten, sondern betreiben neuerdings auch eine kleine Schneebar. «Fröschli» heisst ihr giftigster Drink, ein Pfefferminztee auf grünem Wodka. «Nicht unbedingt mein Favorit», meint Schmidhalter. Und brettert jetzt doch davon!


Désirée ­SchmidhalterFreeride, Fasnacht, Feminismus

Wenn Désirée Schmidhalter mal keine Lektion hat, geniesst sie die Pisten auf ihre Art – mit Noseturns, Powerslides und anderen Tricks aus der Boarderwelt. Auch ein Three-Sixty liegt durchaus drin. Weniger Fan ist sie vom Sliden auf Metall­stangen.

Pulver

Wenn aber Pulver liegt, juckt es sie in den Beinen! Eine vernarrte «Türe­lerin» ist sie aber nicht: «Ich fahre den Berg lieber runter, als ihn hochzulaufen!» Daher ist Freeride angesagt – also Tief­schneefahren von der Piste aus. Auch im Sommer ist die gebürtige Brigerber­gerin alpin anzu­treffen, wandernd oder kletternd.

Unia

Eine zweite Leidenschaft ist die Fasnacht. Bei der Guggenmusik Ganter-Brätscher spielt sie Bariton. Jüngst spielte ihre Kombo sogar international, bei einer Party im nahen Domodossola.
Auch politisch ist sie engagiert. Nämlich beim Feministischen Kollektiv Oberwallis und bei der Unia, wo sie in der Frauengruppe aktiv ist.

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