Zürcher Sanitätskollektiv
Für fast alle (Not-)Fälle

Das Zürcher Sanitätskollektiv begleitet ehrenamtlich Demonstrationen und andere Veranstaltungen, um in Notfällen schnell und professionell erste Hilfe zu leisten. work hat mit zwei Gründungsmitgliedern über ihre Motivation, die Zusammenarbeit mit der Polizei und das Protestrecht gesprochen.

PAULA WILL UND MATHILDA OSTERWALDER: «Wir sind da, um zu helfen.»

Es spielt keine Rolle, ob es sich um den feministischen Streik, eine unbewilligte Demo gegen das WEF oder ein kleines Gratiskonzert im Park handelt: Das Zürcher Sanitätskollektiv fällt in jedem Fall auf. Die Helfenden sind mit ihren leuchtend gelben Hosen, Jacken und grossen Rucksäcken mit medizinischem Material nicht zu übersehen. Genau das ist der Zweck. Sie wollen auffallen und klar signalisieren: «Wir sind da, um zu helfen.»

Das Sanitätskollektiv Zürich ist ein ehrenamtlicher Verein mit rund 30 mitwirkenden Personen. Sie wollen ehrenamtlich die medizinische Erstversorgung an Demonstrationen, Festivals und anderen Veranstaltungen so professionalisiert und effizient wie möglich gewährleisten. Einerseits wird das Kollektiv durch Organisatoren gebucht, andererseits reagieren sie auch proaktiv auf Veranstaltungen mit höheren Risiken von Verletzungen und bieten ihre Arbeit auf solidarischer Basis an.

Paula Will (20) und Mathilda Osterwalder (23), Gründungsmitglieder des Vereins, haben sich selbst an einer Demonstration kennengelernt. Paula, zurzeit in der Ausbildung zur Fachperson Gesundheit EFZ, erzählt: «Ich kannte das Konzept von einem Sanitätskollektiv bereits aus Deutschland und dachte mir: So was will ich auch machen!» Bald kam die angehende Ärztin Mathilda an Bord. Im September 2024 gründeten sie den Verein.

Mathilda: «Zurzeit sind wir rund 30 Personen, die im Verein regelmässig aktiv sind und sich engagieren. Tatsächlich kommen wir aus vielen verschiedenen Bereichen, grösstenteils mit medizinischem Hintergrund.» Im Kollektiv sind Leute aus der Pflege, Leute, die im Labor und in der Forschung arbeiten, also im präklinischen Bereich oder in sanitätsorientierten Berufsfeldern tätig sind. «Weil wir aus so vielen verschiedenen Bereichen kommen, ist die Zusammenarbeit teilweise herausfordernd, aber auch sehr bereichernd. Wir können viel voneinander lernen», sagt Mathilda. Um beim Kollektiv mitzumachen, ist eine medizinische Berufsbildung nicht zwingend. Die Mindestvoraussetzung ist ein IVR2-Kurs. Dies ist ein ausführlicher Nothilfekurs und in vielen Organisationen in der Schweiz die Grundlage, um Sanitätsdienst leisten zu dürfen.

Engagement mit Sinn

Und wo ist das Sanitätskollektiv aktiv? Paula sagt:

«Wir sind viel auf Demonstrationen unterwegs. Dazu kommen Festivals oder andere Veranstaltungen.»

Ansprechen kann man das Kollektiv für jegliche Anliegen: sei es für ein Pflaster, Hilfe bei einem verstauchten Knöchel oder schmerzenden Augen durch Reizgase. Auch psychische Anliegen werden betreut, sei es Unwohlsein oder eine Panikattacke. «Unser Ziel ist es, dass sich die Menschen durch unsere Anwesenheit sicherer fühlen. Wir sind da und versuchen zu helfen, wo es geht. Natürlich rufen wir, wenn nötig, den Rettungsdienst», so Paula.

Eine schwierige Verletzung erlebte das Kollektiv bei einem Demonstranten, der durch den Einsatz von Gummischrot einen Kieferbruch erlitt.

Die vom Kollektiv anwesende Notärztin wurde nicht zur verletzten Person gelassen. «Wir versuchen, mit der Polizei immer in den Dialog zu treten. In einzelnen Fällen zeigte sich die Polizei nicht kooperations- und kommunikationsbereit, wodurch unsere Hilfe behindert wurde», so Paula.

Ähnliches erlebte das Kollektiv an der «Smash WEF»-Demonstration Mitte Januar in Bern. Die unbewilligte Kundgebung wurde im Keim erstickt: Die Polizei kesselte die Demonstrierenden beim Treffpunkt – dem Berner Bahnhofplatz – sofort ein. Auch das Sanitätskollektiv war vor Ort, wurde aber von der Polizei weggewiesen und nicht zu den Demonstrierenden gelassen. Obwohl es unter ihnen mehrere Verletzte gab. Paula: «Die Polizei setzte Schlagstöcke, Pfefferspray und Gummischrot ein. Deshalb suchten wir den Dialog mit den Beamten.» Die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert teilweise gut, im Fall von Bern waren aber jegliche Gespräche vergebens.

Protestrecht schützen

Doch ist die Arbeit des Sanitätskollektivs notwendig? Ja, finden Paula und Mathilda. «Nehmen wir an, wir haben an einer Demonstration 20 Personen, die durch Reizgase verletzt werden und akut Hilfe beim Augenspülen brauchen. Wir können ihnen schnelle und niederschwellige Hilfe vor Ort anbieten und so auf einen Rettungswagen verzichten», so Paula. Das Kollektiv leiste gerne ehrenamtlich ein Engagement für die Öffentlichkeit.

Das Kollektiv erachtet seinen Einsatz auch als sinnvoll, weil die Repression durch die Polizei stetig zunimmt (hier die Petition von Amnesty International dagegen unterschreiben). Mathilda: «Wir befinden uns weltpolitisch in einer erhitzen Lage. Viele Konflikte geben uns viele Gründe, auf die Strasse zu gehen.» Doch es gebe keine Rechtfertigung, dass genau solche Proteste seitens Polizei gewaltsam beendet würden. «Wir haben ein Recht auf Protest. Als Kollektiv ist es uns ein wichtiges Anliegen, dass Menschen unverletzt demonstrieren können und danach wohlauf wieder nach Hause kommen», sagt Mathilda. Paula ergänzt:

«Menschen sollen Proteste friedlich ausüben können, ohne dass sie Gefahr laufen, im Spital zu landen.»

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