Seenotretter Gran Canarias schlagen Alarm:
«Es könnten auch wir Europäer sein, die über das Meer flüchten müssen»

Zwei Besatzungsmitglieder beim Ausrüsten des Bootes mit neuen Rettungswesten. Im Jahr 2024 rettete die Organisation 19 286 Menschen vor den Kanarischen Inseln.

Der Seeweg vom afrikanischen Festland bis auf die Kanaren ist die tödlichste Migrationsroute der Welt. Die staatliche Seenotrettung läuft am Anschlag. Gewerkschaften fordern eine Personaloffensive.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 7:05
RETTER IN NOT: Zwei Mitarbeiter der «Salvamento Marítimo», der Seenotrettung, im Hafen von Arguineguín auf Cran Canaira, Spanien. (Foto: Giacomo Sini)

Die Morgensonne wärmt den Quai von Arguineguín, einer Kleinstadt im Süden Gran Canarias. Zwei orangefarbene Boote stechen hervor zwischen all den Fischkuttern und Touristenfähren. Sie gehören zum Salvamento Marítimo, einem Dienst des Verkehrsministeriums in Madrid, der ausschliesslich aus zivilem Personal besteht und für die Sicherheit des Seeverkehrs verantwortlich ist. Er muss immer dann intervenieren, wenn jemand in Seenot gerät. Vor der kanarischen Küste sind das meistens Flüchtlinge aus dem Senegal und Mauretanien. Sie kommen mit dem Ziel, in Europa ein neues Leben zu beginnen. Doch oft wird das Gegenteil wahr.

Fast 10 000 Tote pro Jahr

Beim Versuch in überfüllten Motorbooten die kanarischen Inseln zu erreichen, gab es allein 2024 insgesamt 9757 bestätigte Todesopfer – eine erschreckend hohe Zahl. Sie macht die kanarische Route sogar zur tödlichsten Migrationsroute der Welt. Laut dem spanischen Innenministerium starb fast ein Fünftel all jener, die sich 2024 auf die kanarische Route begaben. Knapp 47 000 Personen überlebten die Überfahrt.

Zwischen den Haufen von Hummerfallen am Hafen übertönt einer Schweissmaschine die Stimmen vom proppenvollen Touristenmarkt. Direkt nebenan warten die Seeleute des Salvamento Maritimo auf einen möglichen Alarm – und bereiten Hunderte Schwimmwesten vor. Einer von ihnen gibt sich als Gewerkschafter zu erkennen, als Mitglied der anarchosyndikalistischen CGT. Er sagt:

«Unsere Arbeit ist hart, physisch und psychisch.»

Und erklärt: «Wenn es einen Notfall gibt, fängst du um acht Uhr morgens an und kommst vielleicht erst am nächsten Morgen um drei nach Hause. In solchen Situationen sind wir überlastet. Deshalb bitten wir um mehr Ressourcen.» Die Regierung stellte jüngst zwei neue Rettungswagen. Was es aber vor allem brauche, sei mehr Personal. Denn die Arbeit sei unverzichtbar – und das Meer hier äusserst rau. Wer El Hierro, die westlichste Kanareninsel ins Visier nehme, könne schon durch einen Motorschaden oder einen Sturm vom Kurs abkommen – mit potenziell fatalen Folgen im Atlantik.

Gerettet nach 7 Tagen

Der 18jährige Saidou** steht am Fenster seiner Wohnung in Las Palmas. Er ist einer von vielen Senegalesen, die den Ozean überquert haben. «Während der Reise», erzählt er, «haben die Wellen unser Boot beschädigt. Wir benutzten Plastik, um die Löcher zu stopfen und setzten unsere Reise fort. Das Wasser, das hereinsickerte, schöpften wir hinaus.» Saidou verbrachte sieben Tage auf See, bevor er die Kanaren erreichte. «Es war eine schreckliche Erfahrung. Starke Winde bremsten uns aus, einige wurden krank und erbrachen sich ununterbrochen.» Verpflegung gab es nur einmal pro Tag: eine Tüte Kekse und eine Flasche Wasser. Das habe ihn aber nicht beunruhigt, meint Saidou. «Mein einziges Ziel war es, nach Europa zu kommen, um meiner Mutter ein besseres Leben zu ermöglichen.» Der schwierigste Moment kam 30 Kilometer vor der Küste.

«Uns ging der Treibstoff aus. Wir trieben bis zum Morgen, als wir in der Ferne ein Boot sahen. Wir versuchten, sie zu rufen, aber ohne Erfolg. Am Ende alarmierten sie aber die Seenotretter, die uns auf die Insel El Hierro brachte.»

Chefin versteht die Gewerkschaften

Vom obersten Stock des Turms der Capitanía Marítima, der Seefahrtsbehörde, kann man den gesamten Hafen von Santa Cruz de Tenerife überblicken. Wie auf der Brücke eines Schiffes entrollt Dolores Septién Terreros die Seekarte auf ihrem Tisch. Sie leitet das örtliche Maritime Rettungszentrum.

«Hier!» sagt sie und zeigt auf eine Stelle südlich der Insel El Hierro. «Wenn ein Boot den 18. Meridian westwärts überquert, sind wir sicher, dass es im Ozean verloren geht und wir eingreifen müssen.» Terreros‘ Zentrum koordiniert die Einsätze im gesamten östlichen Sektor der Kanarischen Inseln. Und Rettungseinsätze gibt es zahlreiche! «Wir müssen alle Menschen in Gefahr retten, unabhängig von ihrer Nationalität oder rechtlichen Stellung», sagt Terreros. Die Forderungen der Gewerkschaft kennt die Chefin, entscheiden könne sie in dieser Sache aber nicht. Doch sie betont, dass das Radar-Überwachungsgebiet riesig sei: «Die beiden Zentren auf den Kanaren sind für eine Million Quadratmeter Meer verantwortlich. Das entspricht rund zwei Dritteln der gesamten Fläche, für die der spanische Staat zuständig ist.» Kommt hinzu: Terreros Behörde ist auch noch für Sicherheitskontrollen im maritimen Verkehr zuständig. Und für die Bekämpfung der Meeresverschmutzung.

Mehr Personal – und mehr Herz

Hinter dem Seebahnhof von Santa Cruz de Tenerife ragt ein gigantisches Kreuzfahrtschiff empor. Cristian Castaño macht gerade Pause, bevor er zu seiner Arbeit auf einem Schiff des Salvamento Marítimo zurückkehrt. Er ist auch Leiter des Handelsschifffahrtssektors der Gewerkschaft CCOO. Und sagt: «Es gibt eine Reihe von Beschäftigten, die sich um Migrantinnen und Migranten kümmern. Aber an vorderster Front stehen die Mitarbeitenden des Salvamento Marítimo.» Für einzelne Rettungseinsätze reichten die Ressourcen schon. Doch angesichts der Häufung der Ankünfte seien die Kapazitäten viel zu gering. Für Castaño ist klar: «Wir sind nicht ausreichend vorbereitet. Inzwischen ist der Mangel strukturell geworden.» Hinzu komme die tägliche Belastung:

«Die Menschen kommen in grossen Gruppen und haben keine Möglichkeit, sich zu schützen. Viele können nicht schwimmen. Wir sehen Dinge, auf die man emotional vorbereitet sein muss.»

Die frühe Nachmittagssonne ist heiss, aber Seenotretter Castaño bekommt Gänsehaut, als er erzählt: «Wenn das jeden Tag dein Job ist, wenn du es ständig erlebst, leiden sowohl dein Herz als auch dein Körper. Darauf wird man in der Seefahrtsschule nicht vorbereitet.» Das müsse sich ändern. Und noch etwas ist für ihn klar:

«Es könnten auch wir Europäer sein, die über das Meer flüchten müssen. Die, die jetzt kommen, könnten unsere Kinder sein – wir müssen sie willkommen heissen.»

* Dario Antonelli und Giacomo Sini sind freie Journalisten in Livorno. Sini ist zudem als Fotograf mit Schwerpunkt Fluchtrouten tätig.

** Name der Redaktion bekannt.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.