Gewinnerfilm der Solothurner Filmtage: «Qui vit encore»
Ein Film ohne Bilder für die Verstummten von Gaza

Eine leere Bühne steht im Zentrum des Gewinnerfilms der Solothurner Filmtage: «Qui vit encore» von Nicolas Wadimoff (61). Neun Überlebende des Krieges in Gaza berichten darauf über ihren Verlust und ihre Trauer.

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VOM TRAUMA DES KRIEGES: Haneen Harara ist eine der Protagonistinnen, die im Film «Qui vit encore» aus ihrem Leben in Gaza erzählen. (Foto: zvg)

Wer noch lebt… wer noch fühlt… wer noch atmen kann: Eine schwarze Bühne, die Umrisse von Gaza, neun weisse Quadrate, neun Menschen. Das ist das schlichte Setting, in dem der Genfer Regisseur Nicolas Wadimoff die Protagonistinnen und Protagonisten seines neuen Films «Qui vit encore» auftreten lässt. Auf der Bühne eines leergeräumten Theaters in Südafrika erwachen ihre Erinnerungen und ihr Schmerz. Sie verbinden ihn über Sprache und Musik mit dem Publikum. Die neun Menschen stehen auf der Landkarte in eine Quadrat, dort wo früher ihr Haus, ihr Garten, die Lieblingsstrasse, das Museum oder die Strandpromenade war. Jetzt sind es Tatorte, weisse Konturen markieren Verbrechen. 

Ausgelöschte Heimaten

Ob im Norden in Gaza City, am Meer im Flüchtlingslager Nuseirat oder am Grenzübergang in Rafah, es war ihre Heimat, die jetzt nicht mehr ist. Die Ärztin Eman Shannan im Film: «Gaza ist nich mehr da.» Vor der kompletten Abriegelung der Grenze im Mai 2024 konnten sie und die anderen Menschen, die im Film eine Stimme erhalten, aus Gaza nach Ägypten fliehen. Im Vergleich zu den Zurückgebliebenen hatten sie Glück. Aber auch sie tragen das Trauma des Krieges in sich, fühlen sich wie Roboter ohne Seele. Wadimoff sagt nach der Premiere des Films in Zürich:

Sie haben gesehen, was Menschen niemals sehen sollten.

Die Erfahrungen von Verlust, die kaum auszuhalten und zu beschreiben sind, werden im Film in Gesichtern und Atemzügen sichtbar. Mütter, Väter, Brüder, Schwestern, Cousins unter Schutt, das Haus, das Museum, der Garten platt gemacht, niedergebrannt.

Was Social Media nicht schafft

«Qui vit encore» schafft, was Millionen Social Media Videos mit Bildern des Grauens aus Gaza nicht vermögen. Die leere Bühne bietet den Raum und die Zeit zum Innehalten, Mitfühlen und sich erinnern.

RAUM ZUM MITFÜHLEN: Die Kulisse des Gewinnerfilms. (Foto: zvg)

Menschen aus Gaza sind hier nicht Nummern, Opfer oder Terroristen, sie sind in erster Linie Menschen. Die Journalistin Hannen Harara, ebenfalls Protagonistin des Films, sagt: «Wir geben den Verstummten in Gaza eine Stimme.» Wer noch lebt, ist menschlich, ist keine Nummer. Wadimoff sagt: «Ich wollte mit dem Film die Menschen aus Gaza wieder zu Menschen machen, aber auch uns, die mit diesem Krieg und mit dem Zuschauen einen Teil unserer Menschlichkeit verloren haben.»

Kein Visum für die Schweiz

 Seinen Film wollte Wadimoff ursprünglich auf einer Theaterbühne in Genf drehen. Die Hotels und die Flugtickets für die Protagonistinnen und Protagonisten aus Gaza waren bereits reserviert. Für das Künstler-Visum wurden sie auf die Schweizer Botschaft in Kairo bestellt. Doch statt des Visums gab es für alle eine Absage. Das Risko einer Flucht erachteten die Schweizer Behörden im Sommer 2024 als zu gross, auch wenn für jede Person mit je 15'000 Franken Kaution gebürgt wurde. Schlussendlich drehte Wadimoff den Film in Südafrika, eines der wenigen Länder, für das Menschen aus Gaza kein Visum brauchen.  

 Die Jury der Solothurner Filmtage schreibt zum Gewinnerfilm:

Weitab vom Kriegsgeschehen hat der Film einen Kontext geschaffen, der zu einem besseren Verständnis der physischen Zerstörung und der Menschenopfer führt. Das stärkste Mittel, mit dem der Film arbeitet, ist das gänzliche Fehlen von Bildern

Koproduziert wurde der Film auch von Amnesty International. Der Film rüttelt nicht nur auf, er ist auch ein Zeitdokument, das für den internationalen Strafgerichtshof bei der Beweisführung gegen Staatschefs und Militärs gebraucht werden kann. 

«Qui vit encore» läuft seit dem 5. Februar in verschiedenen Schweizer Kinos.

Anzeige eingereicht: Cassis Complice

25 Anwältinnen und Anwälte ­haben eine Anzeige gegen ­Bundesrat Ignazio Cassis am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingereicht. Sie werfen dem Schweizer Aussenminister Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Begründet werden die Vorwürfe damit, dass die Schweiz weiterhin ­militärisch nutzbare Güter nach Israel exportiert, dass die militärische Zusammenarbeit nicht beendet wurde und dass die Schweiz zu wenig unternommen habe, um den Genozid in Gaza zu stoppen. 

Die wichtigsten Akteure der militärischen Zusammenarbeit sind Schweizer Unternehmen wie Ruag, Alpes Lasers und Elbit Systems Switzerland, eine ­Tochtergesellschaft des ­israelischen Waffenherstellers Elbit Systems. Unterstützt wird die Anklage von der Vereinigung Stop Complicity, bei der auch Filmregisseur Jacob Berger («Ein Jude als Exempel») und einzelne ehemalige Kader-Mitarbeitenden des Aussendepartements EDA beteiligt sind. Der Internationale Strafgerichtshof hatte im November 2024 Haftbefehle gegen den israelischen Premier Netanjahu, Ex-Verteidigungsminister Gallant und den Hamas-Anführer Deif wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen erlassen.

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