IT-Umstellung bei den Arbeitslosenkassen
Der Riesenpatzer des SECO 

Die Einführung einer neuen Software für die Arbeitslosenkassen hat landesweit für Chaos gesorgt. Auch die Unia-Arbeitslosenkasse ist davon betroffen, konnte jedoch einiges mit Gegenmassnahmen abfedern.

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WUT AUF DAS SECO: In Genf sind die Menschen auf die Strasse gegangen. (Foto: Keystone)

In den letzten Wochen hatten es Arbeitslose in der Schweiz noch schwerer. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat zu Beginn dieses Jahres eine neues IT-System (Asal 2.0) zur Bearbeitung von Arbeitslosenanträgen eingeführt. Das hat zu schwerwiegenden IT-Störungen auf nationaler Ebene geführt. Diese Turbulenzen sind noch lange nicht vollständig überwunden. So beklagen sich Tausende von Arbeitslosen darüber, dass sie ihre Leistungen für die Monate Dezember und Januar nicht erhalten haben. Und verschiedene Medien berichteten über Versicherte, die ihre Rechnungen wie Miete oder Krankenversicherung nicht bezahlen konnten. Die Mahnkosten für diese Personen summieren sich, ohne dass die für diesen Fall verantwortlichen Bundesbehörden sich zur Übernahme der zusätzlichen Kosten verpflichten.

Das SECO hat wiederholt versichert, dass intern alles getan werde, um schnelle Lösungen für die Probleme zu finden. Diese seien auf die Komplexität der IT-Umgebung und das Vorhandensein mehrerer Schnittstellen zurückzuführen, und Kompatibilitätsproblemen von Betriebssystemen. 

Chaostage

Das derzeitige Chaos betrifft insbesondere die kantonalen Kassen. Vor allem der Fall Genf sorgte für viel Aufsehen, da eine beträchtliche Anzahl von Arbeitslosen durch die Ausfälle in Schwierigkeiten geriet. Dies ging so weit, dass die Vorsteherin des Departements für Wirtschaft, Energie und Beschäftigung, Delphine Bachmann, energisch Alarm schlug und die Gläubiger aufforderte, gegenüber Arbeitslosen, die mit ihren Zahlungen im Rückstand sind, Flexibilität zu zeigen. 

Und wie sieht es mit der Unia-Arbeitslosenkasse (ALK) aus, die neben den kantonalen Trägern die grösste des Landes ist? Auch die Unia-ALK blieb von den Turbulenzen nicht verschont und hatte ebenfalls Verzögerungen bei der Bearbeitung der Anträge, fand jedoch einige Lösungen, um die Auswirkungen abzuschwächen. Bis heute hat die Unia-ALK nach eigenen Angaben seit dem 6. Januar fast 90 Millionen Franken an Entschädigungen gezahlt. Das entspricht 96 Prozent der üblichen Zahlungen im gleichen Zeitraum. 

Problem für Neuanmeldungen

Timur Öztürk leitet die Unia-ALK und ist Mitglied der Unia-Geschäftsleitung. Er ist der Ansicht, dass die umstrittene Software dennoch gewisse Vorteile hat: «Sie unterscheidet sich natürlich von der alten Software und ist im Prinzip besser. Wir hatten keine wirklichen Probleme bei der Nutzung, auch wenn es noch einige Aspekte gibt, die verbessert werden müssen, was bei der Einführung eines so komplexen neuen Systems normal ist. Asal 2.0 bietet Automatismen, die den Mitarbeitenden sehr helfen werden. Die aktuellen Probleme hängen eher mit der Leistungsfähigkeit der Eingabeverwaltung zusammen, also mit allem, was mit den Dokumenten zu tun hat, die die Versicherten scannen oder auf andere Weise auf die Plattform «Job Room» übertragen. Diese Plattform, auf der alle Arten von Dokumenten hochgeladen und Formulare elektronisch ausgefüllt werden können, war Ende Januar mehrere Tage lang gesperrt. Dieses Tool ist jedoch für den reibungslosen Ablauf der Prozesse zwischen den Versicherten und den Arbeitslosenkassen von grosser Bedeutung.»

ERKLÄRT, WO DER FEHLER LIEGT: Timur Öztürk. (Foto: Manu Friederich)

Unia-ALK leistet Vorschüsse

Aus diesem Grund hat sich die Unia verpflichtet, den Arbeitslosen die ihnen zustehenden Beträge vorzuschiessen, falls diese durch die Softwarefehler benachteiligt werden sollten. Öztürk versichert jedoch, dass seit der Einführung des neuen Systems die regulären Leistungen zum grössten Teil ausgezahlt wurden und nur sehr wenige Vorschüsse geleistet werden mussten. «Das Problem liegt nicht hier, sondern eher bei den Neuanmeldungen. Bei den Versicherten, die im Dezember oder Januar und in einigen Fällen im November gemeldet wurden, kam es zu erheblichen Verzögerungen. Der Grund dafür ist einfach: Angesichts der durch die Software verursachten Probleme konzentrierten sich alle Kassen auf die bereits bestehenden Zahlungen und gerieten bei den Neuzugängen in Verzug. Die Versicherten, die kein Geld erhalten haben, gehören also tatsächlich zu dieser Kategorie.»

Langwieriger Prozess

Die vom SECO angestrebte Reform war Gegenstand eines langwierigen Ausarbeitungsprozesses, der rund zehn Jahre dauerte. Im Jahr 2023 wurde sie im Bereich der Kurzarbeit, aber auch für Untwetter-Entschädigungen eingeführt. Ein Jahr später wurde sie auf den Bereich der Insolvenz ausgeweitet. Bereits bei diesen ersten Schritten zeigte das System besorgniserregende Mängel, und es wurden erste Warnungen ausgesprochen.

Die Unia-ALK ihrerseits ergriff die Chance und berücksichtigte die radikalen Veränderungen der Prozesse, die die neue Software mit sich brachte. Timur Öztürk sagt:

Wir haben Personal eingestellt, es geschult und auf die Umstellung vorbereitet.

Und weiter: «Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen haben sich zudem am SECO-Projekt beteiligt, wodurch wir uns entscheidendes Know-how aneignen konnten. Mehrere Mitarbeitenden haben mehrere Samstage hintereinander gearbeitet und werden dies auch im Februar tun, um diese Umstellungsphase so gut wie möglich zu bewältigen. Aber es ist auch klar, dass man angesichts einer Panne wie der aktuellen nicht viel ausrichten kann, trotz aller aller getroffenen Vorkehrungen.»

Öztürk der seit über dreissig Jahren bei der Unia-ALK tätig ist, gibt sich dennoch optimistisch. Seit einigen Tagen hat sich das System in der ganzen Schweiz etwas stabilisiert. Die Teams können etwas durchatmen, ebenso wie die Arbeitslosen. «Wir müssen wirklich hoffen, dass das so bleibt», sagt Timur Öztürk. 

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