Swissmetal: 20 Jahre nach dem Kampf um die «Boillat» im Berner Jura
«Der Beginn des Streiks war einfacher, als ihn auf gute Weise zu beenden»

Der Streik bei Swiss­metal im Berner Jura mobilisierte vor ­20 Jahren die ganze Region. work war auf Spuren­suche in Reconvilier, wo die historische Metallfabrik weiter­produziert, wenn auch auf Sparflamme.

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LEBEN IM DORF: Vor 20 Jahren zogen die Büezer täglich durch Reconvilier. In der Bevölkerung war der Rückhalt enorm. (Foto: ZVG)

Am Dorfeingang von Reconvilier BE prangt ein Lidl-Logo. Auf dem Parkplatz des Discounters stand früher das Materialdepot von Swissmetal, wo das Kupfer für die Metallfabrik zwischengelagert wurde. Hier ist Pierre-Alain Girard (69) aufgewachsen. Er sagt: «Als Kind spielten wir rund um diese Lagerhallen, alles war offen, das ist heute kaum noch vorstellbar.» Die Fabrik war auch wichtiger Teil seines Berufs­le­bens. Während vierzig Jahren arbeitete er als Laborant für das Traditionsunternehmen im Berner Jura. Zuerst als Metallurgie-Spezialist an der Universität Neuenburg und später im Labor der «Boillat», wie die Einheimischen ihre Fabrik bis heute nennen. Der Bau erstreckt sich über mehrere Hundert Meter entlang der Grand-Rue, der Durchgangsstrasse von Reconvilier.

Der Sichtbare Niedergang

WAR MITTENDRIN: Pierre-Alain Girard arbeitete als Laborant bei Boillat. (Foto: yay)

Die Uhr an der Fassade der Fabrikhalle läuft noch. Und im Innern büezen heute noch etwa 100 Arbeiter und Arbei­te­rin­nen. Aber rund um die Fabrik zeugt vieles vom Niedergang des einst stolzen Indus­trieunternehmens. Das Hôtel de l’Ours, d­as Café des Arts und das Restaurant du Midi sind dauerhaft geschlossen. Aus­serhalb des Dorfs entstehen Neubauten, aber hier an der Grand-Rue stehen viele his­torische Gebäude und Wohnungen zum Verkauf. Im Februar 2006 war das noch anders. Damals war noch Leben im Dorf. Und wie! Es wurde gestreikt, und die Boillat wurde von den Arbeitern besetzt. Während 30 langer Tage. Girard sagt: «Auf ­dieser Strasse gingen täglich rund 300 ­Arbeiter auf ihren Protestmarsch vom Werk 1 ins Werk 2 zur Arbeiterversammlung. Und in der Mitte der Stre­­cke war ein alternatives Kulturzentrum, das unseren Streik unterstützte und wo wir uns mit den Leuten aus dem Dorf trafen.»

Die Vorgeschichte des Streiks

Die Fabrik war spezialisiert auf die Ver­arbeitung von Buntmetallen und belieferte die Uhrenindustrie der Region und auch Kundschaft weltweit. Die 400 Mit­arbeitenden waren stolz auf die Präzision und das Know-how im Betrieb. Doch ab Ende 2002 steckte Swissmetal, die ­Besitzerfirma der Boillat, in finanziellen Schwierigkeiten und holte mit Martin Hellweg (57) einen deutschen Brutalo-­Manager an Bord. Der Plan von Hellweg umfasste Entlassungen und die Verlagerung eines Grossteils der Produktion nach Dornach im Kanton Solothurn. Bereits im Jahr 2004 kam es deshalb zu einem ersten wilden Streik in Reconvilier. Die Metaller forderten den Rücktritt des CEO. Dieser richte mit seiner Politik das Werk zugrunde. Nach neun Tagen einigte sich die Belegschaft mit dem Management: Der Standort sollte erhalten bleiben, und die Streikenden sollten nicht bestraft werden. Doch nur ein Jahr später brach Hellweg sein Versprechen und kündigte das Ende der Giesserei und die Entlassung von 80 Mitarbeitenden an.

Mit dem Streikführer im Café

STREIKFÜHRER: Nicolas Wuillemin bot den Bossen die Stirn. (Foto: yay)

Nicolas Wuillemin (78) war einer der Streikführer und bis zu seiner Entlassung, während des Streiks im Jahr 2006, Präsident der Betriebskommission. Wir treffen ihn im Café des Etoiles neben der Fabrikantenvilla, die ebenfalls verwaist ist. Für ihn bleibt der Streik eine zwiespältige Angelegenheit. Er sagt: «Wir ­haben damals gestreikt, weil wir dem ­Management der Firma überhaupt nicht trauten. Es ist gut, dass wir versucht ­haben, die Dinge zu ändern.» Auch der Rückhalt in der Bevölkerung und in der ganzen Schweiz sei enorm gewesen. Er sagt: «Bei der Protestaktion an einem Samstag hatten wir 10 000 Menschen hier im Dorf, und wir haben eine Million Franken für unsere Streikkasse gesammelt.» Und dennoch, das Resultat des Streiks sehe er sehr negativ. Wuillemin sagt: «Wir haben mit dem Streik nichts raus­geholt. Man hat uns eine Mediation an­geboten und gleichzeitig die gesamte Leitung der Fabrik, die sich am Streik beteiligt hatte, entlassen.»

Tag und Nacht auf Fabrikgelände

Jean-Pierre Chapuis (71) war zur Zeit des Streiks Unia-Sekretär für die Region Trans­­jurane. Erst nach der Abstimmung in der Betriebsversammlung hatte Chapuis vom Streik erfahren und war dann sofort nach Reconvilier gefahren. Er sagt: «Wir wurden damals vor vollendete Tatsachen gestellt. 80 Prozent der Mitarbeitenden waren Mitglied bei der Unia, wir hatten also gar keine andere Wahl, als diesen Streik zu unterstützen.» Das bedeutete auch, dass man Tag und Nacht vor Ort auf dem Fabrikgelände präsent war. Auch ­Fabienne Kühn (73) war als Mitglied der Geschäftsleitung der Unia oft vor Ort. Zu work sagt sie: «Besonders in Erinnerung bleiben mir die unglaubliche Einigkeit und der Zusammenhalt dieser Belegschaft.» Nach zwei Wochen intervenierte der Bundesrat. Wirtschaftsminister Joseph Deiss forderte die Parteien zur Mediation auf und ernannte Rolf Bloch von der gleichnamigen Schokoladenfabrik als Vermittler. Doch auch Unia-Frau Kühn empfand die Mediation als sehr schwierig: «Bei den Verhandlungen über diesen Arbeitskonflikt und die Reorganisation des Unternehmens waren die Fronten völlig verhärtet.» Dennoch sieht sie die Bilanz des Streiks nicht ganz so kritisch wie Wuillemin. Der Weiterbestand des Standorts mit der Giesserei, die auch heute noch in Betrieb ist, wäre ohne den Streik wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Dank dem Streik gehe die 170jährige ­Geschichte der Fabik im Tavannes-Tal weiter. Nach dem Streik wurde Laborant Girard Präsident der Betriebskommission. Weil es sonst niemand machen woll­te. Girard sagt: «Es war sicher ein­facher, diesen Streik zu beginnen, als ihn dann auch auf eine gute Weise zu be­enden.» Im Sommer nach dem Streik hatte sich der Kurs der Swissmetal-Aktie verdoppelt. Doch nur fünf Jahre später machte das Unternehmen unter Hellweg Konkurs. Die Zehn-Millionen-Klage gegen die Unia wegen angeblich «illegalen» Streiks wurde sang- und klanglos­
fallengelassen.

Die ehemalige Kantine hinter der Fabrik wird jetzt von einer evangelischen Freikirche gemietet. Auch das war ein wichtiger Ort für die Streikenden gewesen. Girard zeigt das ehemalige Verwaltungsgebäude der Fabrik. Der Schriftzug der Réception ist abgefallen, und die Treppe bröckelt. Durch den Konkurs der chinesischen Firma Baoshida, die Swissmetal während einiger Jahre übernommen hatte, sind die Gebäude in der Konkursmasse und die Besitzverhältnisse weiterhin unklar. Die gegenwärtige Besitzerfirma Swiss Team ist in der Fabrik lediglich eingemietet und investiert deshalb auch nicht in den Gebäudeunterhalt.

Drei Stunden Arbeitsweg

Girard sagt: «Hier auf dem Parkplatz stehen jetzt die Autos von Arbeitern, die jeden Tag aus dem Elsass hierhinfahren.» Weil die Swissmetal-Fabrik in Dornach SO, wo sie früher angestellt waren, letztes Jahr dichtgemacht hat, haben sie jetzt drei Stunden Arbeitsweg. Dass sie jetzt an diesem Standort im Berner Jura arbeiten müssen, ist eine kleine Ironie der Geschichte.

Buchtipp: «Streik im 21. Jahrhundert», von Vania Alleva und Andreas Rieger, Rotpunktverlag 2017
Mehr über die Industriegeschichte des Berner Juras im Centre jurassien d’archives et
de recherches économiques: cejare.ch

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