Katastrophe von Prilly: Justiz reagiert auf vernichtenden Expertenbericht
«Gerüsteinsturz war nur eine Frage der Zeit»

TRÜMMER. Die Suva-Baustelle kurz nach dem Unfall. Foto: Olivier Vogelsang.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 8:04

Stümperhafte Planung und schlechte Kontrollen haben wohl zum tödlichen Gerüsteinsturz auf einer Suva-Baustelle geführt. Jetzt nimmt die Justiz einzelne Arbeitnehmer ins Visier. Doch das Sicherheitsproblem liegt tiefer.

TRÜMMER. Innert 5 Sekunden brach das 60 Meter hohe Fassadengerüst komplett ein. Foto: Olivier Vogelsang.

Der Horror folgt direkt auf die Znünipause. Dutzende Arbeiter kehren um 9.15 Uhr zurück auf die Grossbaustelle «Malley Phare» in Prilly bei Lausanne. Hier entsteht ein nobles Wohnhochhaus – 60 Meter hoch, Holzbauweise, einschliesslich Seesicht. Es ist der 12. Juli 2024. Plötzlich ertönt ein Höllenlärm. Das Gerüst der Nordfassade löst sich aus der Verankerung! Innert fünf Sekunden sackt die komplette Stahlkonstruktion in sich zusammen. Drei Arbeiter werden von den Trümmern in den Tod gerissen, elf weitere verletzt, fünf davon schwer. Der Schock der Überlebenden ist gewaltig – auch fünf Tage später noch, als sich Hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter, auch von umliegenden Baustellen, am Unglücksort zu einer Gedenkzeremonie versammeln.

Pikant: Bauherrin des «Malley Phare» ist ausgerechnet die Suva, also die grösste Unfallversicherungsanstalt der Schweiz und zugleich wichtigste Baustellenkontrolleurin und Akteurin in der Unfallprävention. Das beauftragte Gerüstunternehmen wiederum ist der Schweizer Branchen-Primus Roth.

Die Staatsanwaltschaft beauftragt jedenfalls noch am Tag der Katastrophe ein unabhängiges Ingenieurbüro mit einer externen Untersuchung. Der Zuschlag geht an das Ingenieurbüro Petignat Cordoba aus Martigny. Nun, anderthalb Jahre später, haben die Expertinnen und Experten geliefert und den involvierten Verfahrensparteien die Ergebnisse zugestellt. Und da ein Exemplar des 314 Seiten langen Berichts auch an das Westschweizer Fernsehen RTS durchsickerte, ist jetzt öffentlich bekannt: Die Bilanz ist verheerend, der Bericht geradezu vernichtend.

Für Einsturz reichte kleine Störung

Insgesamt listet das Gutachten 25 «gravierende» Verstösse auf und kommt zum Schluss: «Das eingestürzte Gerüst entsprach absolut nicht den geltenden Normen, weder den Regeln der Baukunst noch den Vorschriften der Lieferanten». Hauptproblem sei eine «extrem starke Unterdimensionierung» gewesen. Heisst: Für die Höhe und Breite des Gerüsts wurde viel zu wenig in Verankerung und Tragkraft investiert. Die Unterdimensionierung sei auf eine «sehr mangelhafte oder fehlende Planung» zurückzuführen. Und sie sei so gross gewesen, dass es «keiner besonderen Ingenieurskenntnisse» gebraucht habe, um zu erkennen, dass ein «potentiell schwerwiegendes Problem vorlag».

Fataler Auslöser sei letztlich wohl der «spröde Bruch» eines Vertikalmasts in der unteren Gerüstebene gewesen. Ganz sicher sind sich die Experten dabei aber offenbar noch nicht. Diese Frage sei aber ohnehin zweitrangig. Denn: «Die Unterdimensionierung war so gravierend, dass es nicht darum ging, ob das Gerüst einstürzen würde, sondern vielmehr darum, wann dies geschehen würde.» Schon «geringfügige Störungen wie Wetterbedingungen» hätten demnach einen Einsturz verursachen können.

Zur Überprüfung dieses Berichts bestellte die Staatsanwaltschaft die Zweitmeinung eines weiteren unabhängigen Experten. Dieser bestätigte rundum und urteilte teils sogar noch schärfer. All das wirkt verstörend. Erst recht, da die Suva-Baustelle offenbar vielfach kontrolliert wurde.

Viel aber schlecht kontrolliert

Wie aber hat die Suva ihre eigene Baustelle in Prilly kontrolliert? Sie sei gleich behandelt worden «wie jede andere Baustelle in der Schweiz auch». Das sagte ein Suva-Sprecher 2024 gegenüber «CH Media». Ein Interessenkonflikt habe nie bestanden. Denn die Suva organisiere ihre Aufgaben als Investorin und jene als Kontrolleurin intern in unterschiedlichen Departementen. Die zwei Einheiten seien «komplett» voneinander getrennt, hiess es. Ausserdem bezögen sich Baustellenkontrollen jeweils auf die Firmen vor Ort und nicht auf die Bauherrin. «Wir kontrollieren uns nicht selbst», sagte der Suva-Sprecher. In Prilly habe man sogar zusätzlich einen unabhängigen Kontrolleur engagiert, der bis zum Unfall «110 dokumentierte Begehungen» durchgeführt habe. Diese Begehungen waren laut dem Untersuchungsbericht aber nicht viel wert. Denn sie hätten sich «auf geringfügige Mängel konzentriert», ohne die Stabilität und die allgemeine Widerstandsfähigkeit der Struktur in Betracht zu ziehen.

Kontrolliert hat offenbar auch die Gerüstfirma Roth. Laut dem Untersuchungsbericht von Petignat Cordoba allerdings äusserst mangelhaft. So seien die Stützfüsse des Gerüsts jedesmal als «in Ordnung» bewertet worden, berichtet die Zeitung «24heures». Dabei sei dies ganz offensichtlich nicht der Fall gewesen. Das zeigten Fotos des Roth-Kontrolleurs selbst. Eines zeige etwa einen verformten Vertikalpfosten. Ein anderes einen nicht korrekt abgestützten Gerüstfuss. Auf Anfrage von RTS wollten sich weder Roth noch die Suva äussern, da ihnen der Bericht nicht vorliege.

Mit Strafrecht ans Grundübel?

Aufgrund der neuen Erkenntnisse will die Staatsanwaltschaft nun zu neuen Einvernahmen vorladen. Dabei könnte der Status von bisherigen Auskunftspersonen oder Zeugen auch in Beschuldigte geändert werden. Generell gilt: Unternehmen können strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Justiz muss daher natürliche Personen identifizieren, die die Verfehlungen begangen haben.

Einzelne Verurteilungen packen das Problem aber nicht an der Wurzel. Pietro Carobbio, Bau-Chef der Unia Waadt, gibt etwa zu bedenken, dass es ganz verschiedene Faktoren gebe, die eine Baustelle zur Hochrisikozone machen könnten. Ganz oben auf der Liste stünden Zeitdruck, Preiskampf und mangelnde Ausbildung des Personals. Und dann sei da noch die Sache mit den Konventionalstrafen für nicht termingerechte Bauabschlüsse: «Sehr häufig liegt die Unfallursache in den engen Fristen, die den Baufirmen von den Bauherren aufgebrummt werden.» Umso wichtiger seien die Sicherheitsinspektionen. Davon brauche es, wie die Unia schon lange fordere, mehr und vor allem genauere: «Nicht nur oberflächliche Details müssen geprüft werden, sondern immer auch Grundstruktur und Statik eines Baus.» Letztlich sei dafür mehr Personal nötig. Doch über Sicherheit könne nun mal nicht verhandelt werden.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.