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Marroniverkäufer Moritz Bichler (34): «Heiss! Heissi Marroni!»

Nach einer persönlichen Krise fand Moritz Bichler zu seinem Beruf als Marroniverkäufer. Seit ­kurzem hat er auch den passenden Sommerjob dazu.

MARRONIVERKÄUFER Moritz Bichler (34) hat ein Auge für Kastanien und Menschen. (Foto: Nicolas Zonvi)

«Ich bin Marronibrötler, Marroniverkäufer, Marronimaa», sagt der 34jährige Zürcher Moritz Bichler über sich selbst. Auch bei frostigen Temperaturen ist er draussen im Marronidampf und raucht selbstgedrehte Zigaretten. Seit zehn Jahren ist Bichler Teil der «Marronigruppe Albisriederplatz und Utoquai», einem Kollektiv mit zehn Personen, das im Zürcher Kreis vier und am Zürichsee zwei Marronistände betreibt. Die Gruppe wurde in den ­80er Jahren gegründet, damals, als es noch viele besetzte Häuser und nur ganz wenige Marronistände in der Stadt gab. Genormte Marronihäuschen gibt es inzwischen Dutzende in Zürich, aber noch immer nur das eine Kollektiv: «Wir sind einzigartig», sagt Bichler über die selbstverwaltete Marronigruppe. Einmal im Monat trifft sich das Kollektiv zum Znacht, dann werden auch die Schichtpläne gemacht, Bestellungen organisiert und die Zusammenarbeit besprochen. Im Moment ist der Stundenlohn für alle Mitarbeitenden auf 30 Franken angesetzt, plus einem arbeits- und umsatzabhängigen Bonus zum Ende der Saison.

FOTOS DER KUNDSCHAFT. Im Winter arbeitet Bichler fünf Tage pro Woche: Der Stand am Albisriederplatz ist täglich von 11 Uhr bis 19 Uhr und bei jedem Wetter offen. Dank den Marroniöfen ist Bichler auch nach acht Stunden bei eisigen Temperaturen nicht unterkühlt. «Was mir an diesem Standort besonders gefällt, ist das breite Spektrum von Menschen, die hier unterwegs sind.» Seit einigen Wochen mache er jetzt auch Portraitfotos von Kundinnen und Kunden. «Mein Vater war Fotograf und mein Grossvater auch.» Bichler selbst wollte diesen Weg ebenfalls einschlagen, hat sich jedoch nach mehreren Jahren ­Fotografierens dagegen entschieden; im nachhinein eine sehr gute Entscheidung. Jetzt könne er ohne Druck fotografieren, wann und was er wolle. Nachdem er das zehnte Schuljahr und den gestalterischen Vorkurs abgebrochen hatte, arbeitete er in der Küche und als Plakatierer. Durch ­einen Freund seiner Eltern fand er nach ­einer depressiven Phase ins Marroni­kollektiv.

PERFEKTE MARRONI. Das Ziel seiner Arbeit sei es, die Marroni immer möglichst frisch zu produzieren. Es dauert etwa zwanzig Minuten, bis die Marroni durch sind. Wenn er zu wenige geröstet hat, muss die Kundschaft warten. Abzuschätzen, wie viele Menschen hungrig auf Marroni sind, da entwickle man mit der Zeit ein Gespür dafür, sagt Bichler. Am späteren Nachmittag sind sie dann immer zu zweit am Stand, so dass jemand bräteln und jemand verkaufen kann.

Weil die Marronigruppe schon viele Jahre den gleichen Standplatz nutzt und für die Qualität ihrer Marroni bekannt sei, hätten sie auch eine grosse Stammkundschaft. Die faulen Marroni würden bei ­ihnen konsequent aussortiert, und als ­Spezialität wird immer Rotchabis beigemischt. Das erhöhe nicht nur den Feuchtigkeitsgehalt, sondern gebe den Marroni auch das gewisse Etwas im Geschmack: «So wie das Lorbeerblatt in der Tomatensauce», sagt Bichler. Der Chabis sei das Markenzeichen des Kollektivs und ist auch auf den Marronisäckchen abgebildet.

Das Schöne an seinem Beruf sei, dass ein einziges Produkt im Zentrum stehe und dieses sehr lecker und erst noch gesund sei. «Das möchte ich möglichst perfekt machen», sagt Bichler. Am Anfang der Saison habe er ungefähr einen Drittel aller Marroni aussortieren müssen. «In Italien war es im Oktober so heiss, dass viele Marroni schon an den Bäumen verfault sind.» Die Qualität der Marroni sei ein Problem für die ganze Branche.

Durch den Klimawandel komme es in Zukunft wahrscheinlich zu noch mehr Ausfällen. Das Kollektiv bezieht seine Marroni schon seit den Anfängen immer vom selben Lieferanten. Dieser hat gute Beziehungen zu den Produzenten, hauptsächlich in Italien. Im Tessin gebe es zwar Marroniwälder, aber nicht genügend qualitativ hochwertige Marroni und keine profes­sionelle Produktion.

KLAVIER NACH FEIERABEND. Nach acht Stunden hinter dem Marroniofen ist Bichler jeweils fix und fertig. Er sagt: «Ich bin sensibel gegenüber dem Autolärm und den ganzen Eindrücken des Strassenlebens.» Am Abend gehe er meist direkt nach Hause und spiele Klavier, um das Gewusel der Strasse hinter sich zu lassen. Am Wochenende arbeitet Bichler oft auch am Zürichsee. Bei schönem Wetter sei dort richtig Action und Grossandrang. «Dort wird nonstop gebrätelt, bis es dunkel ist.» Das sei intensiv, aber auch sehr schön.

Die Saison als Marroniverkäufer endet Anfang März. Dann sattelt Bichler aufs Velo um. Seit letztem Sommer hat er für die Sommermonate einen Job als Velokurier. «Ich habe lange gesucht, bis ich den passenden Job für den Sommer gefunden habe», sagt er. Wie lange er das machen werde, kann er noch nicht sagen. Als Marroniverkäufer hat er möglicherweise noch eine lange Karriere vor sich: In St. Gallen am Bahnhof gebe es einen 85jährigen Marroniverkäufer, der jetzt seine 69. Saison mache.


Moritz Bichler Klavier, Katze und Kochkunst

Moritz Bichler lebt in der Stadt Zürich. Er teilt seine Wohnung mit seiner vierjäh­rigen blinden Katze Luna und vielen Pflanzen. Seit mehr als zehn Jahren spielt das Klavier eine wichtige Rolle in seinem Leben, ob beim Improvisieren oder beim Nach­spielen der Stücke seiner Lieblings­pianisten. Er ist schon lange Jahre ein Bewunderer des kanadischen Musikers Chilly Gonzalez. Die Musik von Gon­zalez hat ihn auch dazu gebracht, selber Klavier zu spielen. Ansonsten kocht er gerne und verwendet dabei nicht selten selbstangebautes Gemüse aus dem eigenen Garten.

VELOREISEN. Das Velo ist für Bichler als Velokurier in den Sommermonaten nicht nur ein Arbeitsinstrument, sondern auch das passende Fortbewegungsmittel in den Ferien. Letzen Sommer radelte er mit Zelt und Velo von Zürich nach Marseille. Solche Reisen findet er besonders schön, weil er spontan und in seinem eigenen Tempo von Ort zu Ort ziehen kann.

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