Landesmantelvertrag: Klare Worte am Baubüezer-Stammtisch
«Baumeister-Reden kannst du rauchen!»

Der ­Baumeisterverband will diktieren, wann, wie lange und ob überhaupt gearbeitet wird. work hat drei ­junge Bauarbeiter zum Feierabendbier getroffen und sie gefragt, was sie davon hielten.

ARIJAN SALIHU, MARIUS KÄCH UND KRISTJAN GJECI (v. l.) sind sich einig: Viele Leute hätten ein falsches Bild vom Bauberuf. Immer hiesse es nur «Knochenjob» oder sogar «Drecksarbeit». Dieses Bild sei veraltet. Technologisch sei wahnsinnig viel im Gang, und das mache den Beruf abwechslungsreich und spannend. (Fotos: Mara Truog)

Das Ringen um einen neuen Landesmantelvertrag im Bauhauptgewerbe (LMV) ist in vollem Gange. Am 10. Juni sassen die Gewerkschaften bereits zum vierten Mal mit dem Schweizerischen Baumeisterverband (SBV) am Verhandlungstisch. Erneut zeigte sich: Die Positionen liegen weit auseinander. Die Baumeister forderten, ältere Bauarbeiter bei einem Stellenwechsel in tiefere Lohnklassen einteilen zu dürfen. Auch wollen sie Ältere einfacher entlassen können. Und wann, wie lange und ob überhaupt gearbeitet wird, wollen die Chefs künftig kurzfristig diktieren können. «Flexibilität» nennt das der SBV – und behauptet, das sei ein Anliegen «der Bevölkerung» und sogar «der Arbeitnehmenden». Doch was denken die Baubüezer wirklich von solchen Vorhaben?

«Flexibel heisst: noch mehr Stress und Über­stunden.»

SCHWÄRMEN BEI PIZZA

In der Pizzeria Celia am Zürcher Helvetiaplatz ist bereits Hochbetrieb, als um 18 Uhr Kristjan Gjeci (32) eintrifft. Gjeci ist italienischer Hilfsarbeiter mit albanischen Wurzeln, ein fitter Kerl, wach im Geist und nie um einen Witz verlegen. Doch heute humpelt er: «Kreuzbandriss», erklärt er, «schon seit fünf Monaten habe ich keine Baustelle mehr betreten.» Darauf sei er alles andere als stolz, denn Herumsitzen sei gar nicht sein Ding. Das habe er früher als Versicherungsfachmann in Mailand genug oft gemacht. Jetzt aber hat er den Bau für sich entdeckt, hier will er sich weiterbilden und Karriere machen. «Zwei, drei Wochen noch», versichert er, «dann bin ich wieder am Start!»

So wie Marius Käch (25) und Arijan Salihu (34), die sich nun dazusetzen. Sie bestellen Bier und Cola, dazu Pizza Napoli und Tagliatelle al salmone. «Hunger haben wir immer!» meint Maurer Käch, «auch wenn wir es mal etwas lockerer haben.» So wie heute. Salihu und Käch haben in den letzten 12 Monaten ein neues Schulhaus hochgezogen. Vorarbeiter Salihu ist zufrieden: «Ordentlich Gas haben wir gegeben. Jetzt bleiben nur noch kleine Regiearbeiten und das Aufräumen und Rauswaschen der Baustelle.» Ein befriedigendes Gefühl sei so ein Projektabschluss. Kollege Gjeci nickt: «Am Ende siehst du, was du mit deinen Händen geleistet hast.» Das sei überhaupt das Schöne am Bauberuf, meint auch Käch: «Stell dir vor, meine Kinder lernen irgendwann in dieser Schule, das wäre doch das Geilste!» So weit ist es aber noch nicht und auch Nachwuchs hat Käch noch keinen. Dafür einen Haufen Sorgen.

SORGEN BEI BIER

Der junge Maurer ist nämlich einer von vier Arbeitern in der Verhandlungsdelegation, die mit den Baumeistern über den neuen LMV diskutiert. Kächs bisherige Bilanz: «Der Vertrag steht auf der Kippe!» Vom SBV habe er bisher nicht ­einen konstruktiven Vorschlag gehört. «Sie machen auf nett und reden von ‹gemeinsamen Interessen›, aber inhaltlich kannst du das rauchen.» Käch nimmt einen Schluck aus seinem Humpen und gibt ein Beispiel: Die Meister argumentieren mit «Arbeitsplatzsicherheit», um damit dann die Löhne anzugreifen. Auch auf «Flexibilisierung» werde immer wieder gepocht. Käch: «Ich hätte nichts dagegen, bei den Arbeitszeiten mitbestimmen zu können. Und auch eine Teilzeitstelle könnte ich mir vorstellen. Doch für uns soll Flexibilität ja nicht gelten – nur für die Chefs!» Auch das Thema Termindruck macht den drei Büezern Bauchweh. Käch sagt: «Die Meister haben uns ziemlich direkt gesagt, dass sie den Preiskampf über die Termine führen wollen. Das heisst: noch mehr Stress und Überstunden.» Und da der SBV auch die Mindest- und Maximalarbeitszeit aushebeln wolle, sei das freie Wochenende und das Privatleben generell in Gefahr. Jetzt unterbricht Kollege Salihu.

Seine Familie, in den 1990er Jahren vor dem Kosovokrieg geflüchtet, hat nämlich selbst ein Baugeschäft. Salihu kennt deshalb auch die schwierige Situation, in der viele Firmen derzeit stecken: «Wegen der hohen Preise, des Fachkräftemangels oder der gnadenlosen Konkurrenz!» Doch beim freien Wochenende und den geregelten Arbeitszeiten hört auch bei Salihu der Spass auf: «Wenn das wegfällt, wäre mein ­jetziges Leben nicht mehr möglich!» ­Salihu ist nämlich nicht nur leidenschaftlicher Fussballer und fleissiger «Pumper» (im Normalfall trainiert er täglich im Fitnesscenter), sondern bald auch ein verheirateter Mann. Und Familienpläne hat er auch bereits. «Da brauche ich eine langfristige Sicherheit, und die gibt uns nur der LMV!» Und weil von nichts leider immer noch nichts komme, müsse man für seine Sache eben kämpfen. Da sind sich Käch, Salihu und Gjeci einig. Und in einer ­Sache geben sie dem SBV sogar recht.

LIMONCELLO ZUM SIEG

«Viele Leute haben ein falsches Bild vom Bauberuf!» empört sich Salihu, der zuerst Milchtechnologe, dann Kaufmann und erst zuletzt Maurer gelernt hat. «Immer heisst es nur ‹Knochenjob› oder sogar ‹Drecksarbeit›.» Dieses Bild sei veraltet, treffe für die meisten Kolleginnen und Kollegen nicht zu. Salihu: «Technologisch ist wahnsinnig viel im Gang. Und von den Fortschritten profitieren auch wir. Sie machen den Beruf abwechslungsreich und spannend.»

Käch sieht’s genau gleich. Auch er ist ein Quereinsteiger, hat zuerst das Gymnasium gemacht und dann in der Archäologie gejobbt. Ein Studium konnte er sich aber nicht leisten. Und so kam Käch zum Bau, was er überhaupt nicht bereut. Aber er warnt: «Wenn der Vertrag nun vor die Hunde geht, ist die Attraktivität des Berufs futsch.» So weit wollen es die drei aber nicht kommen lassen. Deshalb gehen sie am 25. Juni an die Bau-Demo nach Zürich. Dass die Unia diese organisiert und dafür täglich auf den Baustellen wirbt, sei wichtig. Salihu aber findet, die Gewerkschaft könne ruhig einen Zacken zulegen: «Sie muss noch härter verhandeln!» Dagegen hätte auch Käch nichts. Gjeci ebenso wenig, doch er meint: «Wir sind auf Kurs, jetzt braucht’s halt den Druck der Strasse!» Das hat der Celia-Wirt gehört; eine Runde Limoncello geht aufs Haus.

Nationale Bau-Demo am 25. Juni

Alle nach Zürich am 25. Juni! Zur grossen Demo für einen guten Landesmantelvertrag auf dem Bau. Besammlung 12.00 Uhr beim Central in Zürich.

Alle Infos unter: unia.ch

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