Arbeitszeitverkürzung: 4-Tage-Woche bei vollem Lohn
Die Winterthurer «Nagli» zeigt, wie es geht!

Was andere erst zaghaft diskutieren, hat die Schweizerische Nagelfabrik AG in Winterthur längst umgesetzt: die Arbeitszeit verkürzt! Und das ist nicht die einzige Pioniertat der «Nagli».

NÄGEL MIT KÖPFEN: Die «Nagli»-Büezer lassen sich den Produktivitätsgewinn als Freizeit «ausbezahlen». Seit 2016 arbeiten sie statt 42 nur noch 34 Stunden pro Woche. Ohne Lohnkürzung. Im Bild von rechts nach links: Arif Özer, Zeljo Milicevic, Rainer Thomann, Milan Matic und Gezim Hajdari. (Fotos: Nicolas Zonvi)

Alle Handwerkerinnen und Handwerker kennen sie: die Nägel der Marke «Schweizer Stifte». Auf Baustellen und in Werkstätten sind sie seit Generationen omnipräsent. Ebenso die dazugehörigen Kartonschachteln mit dem roten Nagel-Logo und dem Schweizerkreuz. Viel weniger bekannt ist die Herstellerin dieser Qualitätsprodukte: die Schweizerische Nagelfabrik AG in Winterthur, bei Einheimischen liebevoll «Nagli» genannt.

Das dürfte sich ändern. Denn trotz ihrem Methusalem-Alter von 126 Jahren ist die «Nagli» der Zeit voraus. Sie hat längst umgesetzt, worüber jetzt immer mehr Start-ups, Konzerne und sogar Landesregierungen diskutieren: die Reduktion der Arbeitszeit von 5 auf 4 Tage – und zwar ohne jede Lohneinbusse! Wie hat die «Nagli» das bloss geschafft?

Wer die unscheinbare Fabrik betritt, fühlt sich in schwerindustrielle Vorzeiten geworfen. Maschinen rattern im Rhythmus. Es riecht nach Öl und Maschinenfett. Auch eine Note Petroleum hängt in der Luft. Sie stammt aus der Putzerei, wo die fertigen Eisenprodukte mit dem Brennstoff und Sägemehl aufpoliert werden. Seit 1895 werden hier bereits Nägel und Agraffen geschmiedet. Nicht mit Hammer und Amboss, sondern mit Hilfe von 30 halbautomatischen Drahtstift-Maschinen. Neu ist keine von ihnen. Fünf sogenannte Vertikalstift-Schlagmaschinen sind sogar antik. Die rund hundertjährigen Kolosse, angetrieben durch lederne Transmissionsriemen, stehen denn auch bloss zu Demonstrationszwecken da. Sie sind denkmalgeschützt. Ebenso die Bausubstanz dieser einzigen Schweizer Nagelfabrik, die nicht vor der ausländischen Billigkonkurrenz kapituliert hat. Modern hingegen ist ihre Betriebsstruktur.

FABRIK OHNE CHEF

Statt «flacher Hierarchien», wie sie gerade in Mode sind, kennt die «Nagli» gar keine Hierarchie mehr: Schon seit 2013 herrscht hier Arbeiterselbstverwaltung. Produktionsleiter Milan Matic (45) erklärt: «Bei uns haben alle gleich viel zu sagen, und wir beschliessen sämtliche Belange des Geschäfts gemeinsam.» Eine Fabrik ohne Chef? Das funktioniere bestens, aber es funktionierte nicht von heute auf morgen. Matic: «Es braucht schon ein eingeschweisstes Team.» Aktuell besteht die Belegschaft aus fünf Männern und einer Frau. Wichtig sei ausserdem, dass das Fachwissen im Betrieb ständig weitergegeben werde. «Damit wir uns notfalls ersetzen können», erklärt Matic.

Mitverantwortlich für diesen cheflosen Zustand ist ausgerechnet der frühere Geschäftsführer Rainer Thomann (66). Er ist heute pensioniert, warf aber schon früh die Frage nach seiner Nachfolge auf: «Wir hatten damals gerechnet und beschlossen, meinen Posten nicht neu zu besetzen, weil kostspielig.» Zwei Glücksfälle hätten dies ermöglicht: «Erstens konnten wir auf ein eingespieltes, junges Team zählen, das die Fähigkeiten der Geschäftsführung schon weitgehend besass oder noch entwickeln konnte. Und zweitens war Heinz Gratwohl mit diesem Experiment einverstanden.»

«Wir waren produktiver geworden und benötigten keine fünf Arbeitstage mehr.»

PATRON ALS GLÜCKSFALL

Heinz Gratwohl, ein gelernter Maschinenschlosser, war damals der Eigentümer der «Nagli». Der heutige Produktionsleiter Matic hat ihn in bester Erinnerung: «Das war ein super Patron, der überall selbst Hand anlegte und für uns wie ein guter Kollege war.» Thomann rühmt ebenfalls: «Im Herzen war Gratwohl immer Arbeiter geblieben.» Das zeigte sich auch 2016, als in der «Nagli» eine kühne Idee gereift war. Dazu Maschinist Zeljo Milicevic (33): «Wir realisierten, dass wir produktiver geworden waren und für das Bestellvolumen keine fünf Arbeitstage mehr benötigten.» Und weil künftig kein Geschäftsführerlohn mehr zu berappen war, hätten sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Die Konsequenzen daraus zog die Belegschaft an ihrer Versammlung vom 24. März 2016. Sie beschloss einstimmig: Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 42 auf 34 Stunden. Das habe Eigen­tümer Gratwohl zwar überrascht, sagt Rainer Thomann. Doch auch hier brachte dieser dem Team grosses Vertrauen entgegen. Genau wie 2019, beim Gschtürm mit den Banken.

GUTE LÖHNE, HOHE PRÄMIEN

Die Belegschaft hatte damals bereits die «Genossenschaft zur Erhaltung der Nagelfabrikation in Winterthur» gegründet und war auf der Suche nach einem Bankkredit für die endgültige Fabrikübernahme. Das entsprach auch dem Wunsch von Eigentümer Gratwohl. Die Banken aber zierten sich. Dabei war die «Nagli» profitabel und schuldenfrei. Und sie hatte mit ihren Spezialanfertigungen sogar im nahen Ausland Kunden gefunden, darunter solche der Automobilindustrie. Es nützte nichts. Da erwies sich Gratwohl als Retter in der Not. Er erklärte sich bereit, den gesamten Kaufpreis vorzufinanzieren. Seither gehört die Schweizerische Nagelfabrik AG der Genossenschaft. Bereuen muss das Gratwohl keineswegs. Denn die «Nagli»-Mitarbeitenden wirtschaften mit beträchtlichem Erfolg: So können sie sich jedes Jahr 13 Mal über 5000 Franken auszahlen – und dies trotz dem Schuldendienst, den sie leisten müssen. Hinzu kommt eine Jahresendprämie, deren Höhe jeweils von der Belegschaft beschlossen wird. Bei Krankheit oder Unfall beträgt die Lohnfortzahlung 100 Prozent. Und einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub leistet man sich schon seit 2015.

Und dann die 4-Tage-Woche! Ob diese für das Geschäft ein Kostenpunkt ist oder im Gegenteil ein Umsatz-Booster, geht aus den Zahlen nicht hervor. Doch für «Nagli»-Logistiker Arif Özer (37) steht fest: «Wir sind erneut effizienter geworden!» Der Grund liege im Psychologischen: «Wenn du am Arbeitsplatz zufrieden bist und auch für die Familie genug Zeit hast, ist einfach viel mehr möglich.» Seine Kollegen nicken. Dann schlägt es viertel vor fünf: Es ist Feierabend in der «Nagli».

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