Standortwahn:

Der weiss­gewaschene Bührle

Ralph Hug

Im Ausstellungs-Skandal um ­Bührle geht es um die Verklärung der ­Vergangenheit.

WAFFENLIEFERANT: Emil Bührle. (Foto: Getty)

Ungetrübter Kunstgenuss mit Meisterwerken von Renoir, van Gogh und Cézanne in einem neuen Giga-Museum für 200 Millionen Franken. Und Zürich endlich in der Weltliga: So erträumte sich die lokale Wirtschaftselite das neue, im November eröffnete Kunsthaus mit seinem Prunkstück, der Sammlung Bührle. Und die ­SP-Stadtpräsidentin Corinne Mauch träumte mit. Doch das Prunkstück erweist sich als vergiftet. Das Resultat ist ein grosser Scherbenhaufen. Sogar die «New York Times» schrieb vom «kontaminierten Museum». Warum?

Die Stadt Zürich hat im Standortwahn den politischen Kompass verloren.

RAUBKUNST

Nazi-Freund Emil Bührle hatte viele seiner Meisterwerke von jüdischen Besitzerinnen und Besitzern erworben, die vor den Nazis hatten flüchten müssen. Daher stellt sich das Pro­blem von Raubkunst. Zwar ­beteuerte die Bührle-Stiftung ­wiederholt, sie habe alles abgeklärt. Keines der millionenteuren Gemälde sei Raubkunst. Doch eine unabhängige Analyse hat nie statt­gefunden, und grosse Zweifel bleiben. Denn Nachkommen erheben Besitzansprüche aufgrund von Zwangsverkäufen. Sie seien von der Stiftung aber nur schnöde abgewiesen worden, berichten sie.

Das ist das eine. Das andere, fast noch Gröbere ist die Weisswäsche von Bührle als historische Figur. Auf keinen Fall soll er als ein skrupelloser Aufsteiger aus rechtsextremen Kreisen und als Kriegsprofiteur dastehen, der er in Wahrheit war. Sondern als kunstsinniger Sammler und potenter Mäzen. So wird er jetzt auf beschönigenden Erklärtafeln im neuen Museum dem Publikum dargeboten.

VON WEGEN MÄZEN

Einer machte da nicht mit: der Historiker Erich Keller (53). Er trat unter Protest aus einer Fachkommission aus, welche die Entstehung der Sammlung untersuchte. Und schrieb einen brillanten Essay darüber, wie das noble Zürich, das selber in Nazi-Geschäfte involviert war und aus der Judenverfolgung Profit schlug, jetzt an der Person Bührle seine eigene Vergangenheit entsorgt. Und wie die Stadt Zürich im Standortwahn den politischen Kompass verlor und bei dem üblen Spiel bedenkenlos mitmachte. Kellers Buch «Das kontaminierte Museum» (Rotpunktverlag) macht Furore. Es bringt den Weisswäsche-Versuch der Zürcher Wirtschafts- und Kunstelite auf den Punkt.

Unter dem Druck massiver Kritik hat die Stadt Zürich inzwischen einer unabhängigen Untersuchung über die Herkunft der Bührle-Werke zugestimmt.

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