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Berufsschullehrer Stefan Reidy: «Ich würde mir die Note fünf geben»

Sarah Forrer

Stefan Reidy hat auf Baustellen gechrampft und ist mit Bussen durch die Stadt Freiburg gekurvt­. Heute unterrichtet er an der ­Berufs­schule angehende ­Spenglerinnen und Sanitäre. Was er mitgeben will: kritisches Denken und Freude am Lernen.

VOM BUSFAHRER ZUM LEHRER: Auf der Überholspur ins Klassenzimmer. (Fotos: Matthias Luggen)

Von der nahen Baustelle brummt ein Betonmischer. Auf der Terrasse des Cafés Marcello diskutieren zwei Anzugträger. Daneben nippen zwei Jugendliche an ihrem ­Kaffee. Moderne Glashäuser wechseln sich mit historischen Bauten ab. Gesprayte Wände mit glänzenden Schaufenstern. Hier, hinter den alten Stadtmauern von Freiburg, vermischen sich Früher und Heute. Alt und Jung. Deutsch und Französisch. Mittendrin: das Areal der Gewerblichen und Industriellen Berufsfachschule (GIBS). Die Lernenden, die hier täglich ein und aus gehen, sind genauso vielfältig wie die Strasse.

Einer, der es wissen muss, ist Stefan Reidy (40). Seit fünf Jahren unterrichtet der Fachlehrer an der GIBS. Er begleitet Spenglerinnen in ihrer vierjährigen Ausbildung. Und Haustechnikpraktiker Fachrichtung Sanitär, die eine zweijährige Attestausbildung absolvieren. In diesen Klassen ist die Vielfalt besonders gross. Da sitzt der Flüchtling aus Eritrea, der erst seit kurzem in der Schweiz ist, mit einem Rucksack voller dunkler Löcher und kaum einem Wort Deutsch. Daneben ein 16jähriger aus gutem Hause mit einem ausgeprägten ADHS, der kaum eine Minute stillsitzen kann. Einige sind total motiviert, ins Berufsleben einzusteigen. Andere sind vollständig abgelöscht.

IM FLOW. «Vielen müssen wir zeigen, dass Lernen auch Spass machen kann», sagt Reidy. Für ihn heisst das: viel Nähe zur Praxis, Beispiele aus dem Alltag in den Lehrbetrieben einbauen, Experimente und eine gehörige Portion Spontanität. «Im Flow Futter geben», so nennt Stefan Reidy seinen Stil. Die Vorgaben vom Lehrplan sind klar – doch nutzt der Freiburger die Freiheit, die Unterrichtsstunde auch mal kurzfristig anzupassen, wenn es die Situation erfordert. Unterrichtet er auch in beiden Sprachen?

Beispielsweise, wenn die Klasse angeregt in Gruppen diskutiert. Dann unterbricht er nicht, um zur nächsten Lektion zu wechseln, sondern lässt den Jugendlichen Zeit. Und wenn die Klasse konzen­triert skizziert, kann es vorkommen, dass im Hintergrund auch mal Musik läuft. Wichtig sind ihm eigenständiges Mitdenken, gesunder Menschenverstand und ­kritisches Hinterfragen. «Das will ich meinen Lernenden neben dem Schulstoff mitgeben.»

Dafür setzt er auch das Handy ein. «Für mich ist es ein Werkzeug. Wie ein Lineal.» Er lässt die Jugendlichen fachbezogene Videos gucken, nach Antworten googeln oder Fotos von verschiedenen Arbeitsschritten im Lehralltag schiessen. Schlechte Erfahrungen hat er damit keine gemacht: «Mit den nötigen Leitplanken, mit genügend Kon­trollen und gegebenenfalls ­Sanktionen funktioniert es einwandfrei. Schliesslich gehören Handys heute zum Alltag. Das lässt sich nicht ausblenden.»

FIT FÜR DEN BERUF: Unterricht mit Leuchtstift, Meter und geometrischen Formen.

AUF UMWEGEN. Zum Unterrichten ist Stefan Reidy auf Umwegen gekommen. Als Jugend­licher lernte er Spengler und Sanitär. Mit 22 hatte er genug vom Bau. Er holte die Lastwagenprüfung nach und kurvte zwei Jahre mit den Trolleybussen durch die Strassen von Freiburg. «Immer nur Grün und Rot. Fahren und bremsen. Das wurde mir rasch langweilig.»

Zurück im alten Beruf, arbeitete er auf dem Bau, übernahm eine Filiale, dann wechselte er zum Berufsverband ­Suissetec und gab dort überbetriebliche Kurse. Als an der Gewerbeschule Freiburg eine Stelle frei wurde, packte er seine Chance. Mit Herzflattern, wie er zugibt. «An meinem ersten Tag als Lehrer war ich komplett überfordert!» Die Aufregung hat sich mittlerweile gelegt. Geblieben ist die Freude am Unterrichten.

Die Abwechslung gefällt ihm, der Austausch mit den Jugendlichen, die Freiheit, die unterrichtsfreie Arbeitszeit mehrheitlich selbst einzuteilen. Manchmal verschiebt er das Vorbereiten der Lektionen auf den Abend. Oder er arbeitet an einem Samstag. Stattdessen geniesst er unter der Woche den sonnigen Nachmittag mit den Kindern. Und arbeitet an einem seiner verschiedenen Mandate.

IM GLEICHGEWICHT. Als Chefexperte Spengler organisiert er die Lehrabschlussprüfungen. Bei den Sanitären sitzt er selbst in der Jury und benotet die Jugendlichen. Daneben half er in den vergangenen Jahren mit, den neuen Bildungsplan auszuarbeiten. Als zweisprachiges Organisationstalent ist er in nationalen Kommissionen gern gesehen. Und ihm macht es Spass, die Berufsbildung zu prägen: «Ich übernehme gerne Verantwortung und gestalte aktiv die Zukunft der Spenglerinnen und Spengler.»

Für den Freiburger könnte es deshalb so weitergehen, auch wenn er als Lehrer keine grossen Aufstiegschancen hat. Die Work-Life-Balance stimmt, und er hat spannende Projekte. Und das ist ihm wichtiger als Karriere. Zum Schluss des Gespräches beantwortet Stefan Reidy noch die klassische Lehrerfrage: Welche Note würde er sich selbst geben? Nach einigem Nachdenken gibt er sich eine Fünf. «Da kann man nicht viel falsch machen!» sagt er lachend.


Stefan Reidy  Harley-Fahrer

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Weiler nahe Düdingen FR. Noch heute lebt er in dieser Gegend. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern (10, 8 und 4) hat er sich 2015 den Traum vom Eigenheim erfüllt. «Das ganze Projekt war eine enorme Bereicherung. Und hat mir auch für das Schulzimmer viel gebracht.» Vom ersten Spatenstich bis zur Aufrichtungsfeier hat er den Bau begleitet. Und auch selbst Hand angelegt. «Ich habe zum Glück nicht zwei linke Hände.»

AUF TOUREN. Von diesen profitiert er auch in seiner Werkstatt, die er mit seinem Vater und einem Kollegen teilt. Da schrauben und schweissen sie an alten Motorrädern herum – bis sie glänzen. Einer kleinen Spritztour, am liebsten mit seiner Harley, ist er nicht abgeneigt. Weit muss es aber nicht sein. Bis zum Murtensee ist ok. «Ich bin kein Kilo­meterfresser. Ich bin eher einer von denen, die eine halbe Stunde fahren und dann wieder zwei Stunden am Töff rumputzen und werkeln, bis er glänzt!»

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