Nelson «Jackson» Martins (37) tanzt neben Bagger und Kran:

Baubüezer, Unia-Mitglied und Tiktok-Star

Johannes Supe

Schon mit elf ­imitierte er ­Michael Jacksons «Moonwalk» – und 7000 ­Menschen schauten ihm zu. Heute ­begeistert der «tanzende ­Bauarbeiter» Millionen mit seinen Videoclips. Und tritt jetzt auch für die ­Gewerkschaft auf.

NELSON «JACKSON» MARTINS: «Ich tue einfach die Dinge, die ich mag. Ich liebe das Tanzen. Und ich mag meine Arbeit auf dem Bau.» (Foto: Nicolas Zonvi)

Er tanzt auf Baustellen – und Millionen schauen zu. Der Aufstieg von Nelson Martins (37), besser bekannt als «Nelson Jackson», begann im April 2020 auf der Video-Plattform Tiktok. Der Arbeiter fängt an, auf den Baustellen zu tanzen, auf denen er arbeitet. Seine Clips gehen durch die Decke: Bald schon schauen ihm mehr als drei Millionen Menschen zu, wie er, umgeben von Kränen und Baugerät, Michael Jackson nachahmt. Martins sagt: «In der Corona-Zeit waren viele Menschen bedrückt. Da wollte ich etwas tun, um die Stimmung zu verbessern.»

Die Stimmung verbessern, das will Unia-Mitglied Martins nun auch am 30. Oktober. Wenn Tausende Beschäftigte auf die Strasse gehen, um für bessere Löhne zu demonstrieren, wird er dabei sein. Wird in Zürich der Menge einheizen (siehe Box unten). Tanzend, selbstverständlich. Er skandiert: «Kommt zur Demonstration! Sie ist wichtig für uns Arbeiterinnen und Arbeiter. Denn wir müssen zusammen für unsere Rechte kämpfen.»

Aber was treibt den gebürtigen Portugiesen an? Vor acht Jahren hat es ihn die Schweiz verschlagen. Martins erinnert sich: «In Portugal bin ich in einem Dorf aufgewachsen. Als ich erwachsen wurde, habe ich gemerkt, dass ich mehr von der Welt sehen wollte.» Und so zog es ihn – er war gerade Mitte zwanzig – zuerst nach Deutschland, später nach Belgien, schliesslich nach Meilen im Kanton Zürich. Wieder ein eher beschaulicher Ort.

Er wohnt in einer kleinen, aber gemütlichen Wohnung oberhalb eines Baugeschäfts. Für Bett, Schrank, Tisch und Fernseher hat es gerade genug Platz, an der Wand hängt eine ganze Sammlung von Hüten – aus der Schweiz, aus Griechenland und Portugal. Sie sind auch Andenken an die vielen Reisen, die Martins unternimmt. Ist es ihm in Meilen nicht zu eng? Mitnichten! Er möge die Vertrautheit in der Nachbarschaft, so Martins. Und führt aus: «Sie kennen mich. Und viele folgen mir auch auf Instagram oder bei Tiktok.»

«In der Corona-Zeit wollte ich etwas tun, um die Stimmung zu verbessern.»

SPITZNAME JACKSON

Dass er einmal auch ausserhalb der Nachbarschaft bekannt sein würde, damit hatte Martins nicht gerechnet. Sein Erfolg hat den Tänzer überrascht: «Ich tue einfach die Dinge, die ich mag. Ich liebe das Tanzen. Und ich mag meine Arbeit auf dem Bau. Meine Equipe und ich, wir lachen miteinander, wir haben eine gute Zeit.» Martins war bereits in Portugal auf dem Bau tätig gewesen. Und in seiner Stimme schwingt etwas Stolz mit, wenn er von dem Projekt erzählt, an dem er und seine Kollegen derzeit arbeiten: ein 24stöckiger Riesenbau in Zürich Oerlikon. Das grösste Gebäude, an dem der Baubüezer je mitgeschafft hat.

Die Leidenschaft fürs Tanzen reicht weiter ­zurück, beginnt in Martins’ Kindheit. Bereits mit elf Jahren imitiert Martins an einer grossen Ver­anstaltung in Portugal den «Moonwalk». 7000 schauen ihm zu. Den Moment danach, als sich alle von ihren Plätzen erheben und jubeln, werde er nie vergessen, erzählt er. Mit seinem Auftritt war auch sein Spitzname geboren: In der Schule nannten sie ihn fortan «Jackson».

Später lernt «Jackson» bei der bekannten portugiesischen «Momentum Crew» Breakdance-Moves. Doch er entscheidet sich gegen eine Kar­riere als professioneller Tänzer. Zu unsicher sei das, meint er. Stattdessen geht er auf den Bau, landet wie oben beschrieben letztlich in der Schweiz. Hier verdingt er sich mehrere Jahre als Temporärarbeiter, bis er schliesslich eine Festanstellung bekommt.

«Die Gewerkschaft muss unbedingt stärker werden.»

DAS FORMULAR

Wie aber ist Martins in der Gewerkschaft gelandet? Auf die Frage lacht er schon wieder. Nur zu gut könne er sich noch daran erinnern. 2017 sei er auf der Strasse angesprochen worden, erzählt Martins. Deutsch habe der Unia-Werber mit ihm geredet. Gewisse Wörter habe er verstanden, andere nicht. Trotzdem unterschreibt Martins das Formular, das ihm der Werber hinstreckt. Es ist ein Mitgliedschaftsformular. Als dann die Rechnung für den Mitgliederbeitrag ins Haus flattert, beginnt es Martins zu dämmern, was genau er da unterschrieben hat. Zuerst ärgert er sich. Doch er bleibt in der Unia.

Heute ist er froh darüber: «Wenn ich Hilfe brauche oder Rat, dann ist die Unia da.» Die Gewerkschaft müsse unbedingt stärker werden, denn gerade von grossen Konzernen würden die Büezer oft nur als Nummern betrachtet. Ihm selber ist das zum Glück noch nicht widerfahren. Doch als Schutz sei die Unia für alle wichtig, findet Martins. Für die Stimmung hingegen – da braucht es Leute wie ihn, den «tanzenden Bauarbeiter», der jetzt schon seine Kollegen und bald eine ganze Demo in Schwung versetzt.

Vier Demos, ein Anliegen: 2 Prozent mehr Lohn!

Bauarbeiter, Verkäuferinnen, ­Elektriker, usw.: Sie alle haben in der schweren Zeit der Corona-Pandemie ­alles gegeben. Bruna Campanello, Leiterin des Unia-­Sektors Gewerbe, macht es anhand des Baus deutlich: «Die Auftrags­bücher sind voll. Von den Kolleginnen und Kollegen wird eine ­extreme Flexibilität verlangt. Nun ­verlangen sie auch etwas: Lohner­höhungen!»

FORDERUNG. Die Teuerung solle ausgeglichen werden, zudem müsse am Ende noch etwas mehr im Porte­monnaie bleiben. Das ergibt: Mindestens zwei Prozent mehr Lohn! Das ist die Forderung branchenübergreifender Lohndemonstrationen am 30. Oktober.

In Genf und Bellinzona, in Zürich und Olten werden die Kundgebungen ­stattfinden. Zudem wird am selben Tag in Bern eine eigene Demonstration für die Gesundheits­berufe abgehalten. Die Unia organisiert den Transport auch aus anderen ­Kantonen. Details zu Versammlung und Abfahrt geben die Unia-Sektionen vor Ort.

Weitere Informationen gibt es auch im Netz: solidaritaet.unia.ch

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