Larifari und lusche Tricks bei der St. Galler Elektrofirma Voltec AG

Stromer-Stifte wehren sich gegen Chef-Pärchen

Jonas Komposch

Man arbeite «streng nach GAV», behauptet die Elektrofirma ­Voltec. Doch ihre Stromer ­berichten von dreisten Schummel-Methoden.

SPANNUNG: Elektrofirma Voltec unter Strom. (Foto: ZVG)

Gefunkt hat’s in der St. Galler Stromerfirma Voltec AG schon vor geraumer Zeit – und zwar zwischen Geschäftsführer Rick Rosenast (38) und Finanzchefin Andrea ­Fischer (32). Das Pärchen hatte das Unternehmen für Elektroinstallationen 2018 von einer mittlerweile gelöschten Pleitefirma übernommen. Heute ist Voltec ein florierender Betrieb mit zwei Unterfirmen, einer Niederlassung in Luzern und gut 30 Mitarbeitenden, darunter 7 Lehrlinge. Dem Chef-Pärchen läuft’s so gut, dass es Anfang Jahr ­­in ein vornehmes Anwesen an bester Hanglage eingezogen ist. Ein ­ungerechter Luxus, finden viele Voltec-Stromer.

Elektroinstallateur-Stift Tobias* (19) erklärt, warum: «Diese Bude zockt uns Büezer ab.» Im Betrieb sei das bekannt. Doch die meisten Arbeiter seien Osteuropäer mit unsicherem Aufenthaltsstatus und hätten deshalb Angst, sich zu wehren. Und auch die ungewöhnlich vielen Stifte trauten sich kaum, das Maul aufzumachen. Tobias aber sagt: «Wir Lehrlinge sind dort nichts anderes als billige Arbeitskräfte.»

«Diese Bude zockt uns Büezer ab.»

WERKZEUG SELBER BEZAHLEN

Die Ausbildung sei nämlich miserabel. So habe er in nur drei Jahren drei verschiedene Lehrmeister gehabt, darunter Chef Rosenast. Doch weder er noch sonst jemand habe sich ernsthaft um die Lernenden gekümmert. «Hopp, hopp!» habe es stets nur geheissen. Lehrlingsgespräche habe er dagegen nur viermal gehabt – statt wie üblich mindestens einmal pro Halbjahr. Und die Bildungsunterlagen für das ers­te Lehrjahr habe ihm die Firma erst ­­im zweiten Jahr ausgehändigt.

Nach drei Jahren «nur Spitzen und Röhrli-Ziehen» hatte Tobias genug. Er reichte die Kündigung ein und fand einen neuen Lehrbetrieb. Seine Bilanz: «Beim neuen Chef habe ich in einem Monat mehr gelernt als bei Voltec in drei Jahren.» Auch stehe ihm jetzt ein Spannungsmessgerät zur Verfügung. Nicht einmal diese ­sicherheitsrelevante Standardausstattung habe ihm Voltec gegeben. Für die Aushändigung von sonstigem Werkzeug hingegen habe ihm die Voltec über 100 Franken vom Lehrlingslohn abgezogen. Dies, obwohl das Gesetz eindeutig besagt: Arbeitgeber müssen ihren Angestellten sämtliches Material zur Verfügung stellen, das sie für ihre Berufstätigkeit benötigen. Für den Lehrling ist klar: «Das war die reinste Abzockerei.» Und überhaupt – korrekt sei nicht einmal der Zahltag gewesen. Zu diesen Vorwürfen will sich die Firma nicht äussern (siehe Box unten). Sie hält nur fest, man richte sich «streng nach dem GAV».

Tobias kann’s belegen: Zusammen mit seinem Anwalt hat er eine Liste von nicht bezahlten Mittagsspesen erstellt. Fast 2600 Franken schulde ihm demnach die Voltec. Auch sonst habe ihn die Firma übers Ohr gehauen. So habe er für eine Baustelle in Kreuzlingen TG jeden Morgen mit dem Zug anreisen müssen – über eine Stunde pro Weg, komplett auf eigene Kosten. Und nicht einmal die Fahrzeiten seien vergütet worden. Dabei ist der Elektro-GAV in beiden Punkten klar: 16 Franken Mittagsspesen bei auswärtiger Arbeit. Und wenn die Arbeit auf der Baustelle beginnt, gilt die zeitliche ­Differenz, die den Arbeitsweg vom Wohnort des Arbeitnehmers zum Betrieb übersteigt, als Arbeitszeit.

«Wir Lehrlinge sind dort nichts anderes als billige Arbeitskräfte.»

STUNDEN-SCHWINDEL

Vom Fahrtwegs-Lohnbschiss kann auch der ehemalige Voltec-Stromer Murat* (20) ein Lied singen. Er sagt sogar: «Bei Voltec ist der Arbeitsweg grundsätzlich unbezahlt.» Er zum Beispiel habe ein Jahr lang von St. Gallen Winkeln bis nach Arbon TG fahren müssen. Das sind täglich 40 Minuten Autofahrt – gratis und franko für die Firma. Tatsächlich schreibt Voltec in ­einem internen Reglement: Die «Arbeitszeit» beginne erst auf der «Baustelle mit Werkzeug», und zwar stets um 7 Uhr. Auf der Baustelle eintreffen müssen die Monteure gemäss Reglement aber schon um 6.45 Uhr!

Trotzdem haben Voltec-Arbeiter immer wieder ihre tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden rapportiert – schriftlich auf einem Formular. Aber auch in diesem Fall wusste sich die Firma zu helfen: Im digitalen Stundenrapport wurde aus der angege­benen Arbeitszeit auf wundersame Weise eine kürzere Zeit. Das belegen Rapportauszüge, die work vorliegen. Vom Stunden-Schwindel besonders betroffen seien die Lehrlinge, die das Gesetz vor über neunstündigen Arbeitstagen schützt. Montage-Elektriker Daniel* (24) sagt: «Ihnen hat man regelmässig Zeit abgezwackt.» ­­Er habe da irgendwann nicht mehr zuschauen können und sich für die jungen Kollegen eingesetzt. Mit fatalen Konsequenzen: Daniel stand nämlich kurz vor der Weiterbildung zum Projektleiter. ­Der Voltec-Chef Rosenast habe dies anfänglich sehr begrüsst. Doch als Daniel im Chefbüro das Kurs-Anmeldeformular unterzeichnen lassen wollte, erhielt er kein Autogramm. Sondern die Kündigung.

* Namen geändert

Und das sagt die Voltec: «Streng nach GAV»

Auf Anfrage mochte sich Voltec nicht zu den konkreten Vorwürfen äussern, die work detailliert vorgelegt hat. Finanzchefin Andrea Fischer schreibt aber, Voltec richte sich «streng nach dem Gesamt­arbeitsvertrag», lege «viel Wert auf eine fundierte Lehrlingsausbildung» und stelle den Mitarbeitenden Leihwerkzeug zur Verfügung.

KONTROLLE. Überprüfen wird das demnächst die Paritätische Kommission für das Elektrogewerbe. Dort hat die Unia nämlich Alarm geschlagen, ebenso beim kantonalen Lehrlingsamt wie auch beim Ostschweizer Verband der Elektrobranche. Dessen Präsident, Markus Wäger, verspricht, der Sache nachzugehen: «Falls sich die Vorwürfe erhärten, werden wir Massnahmen gegen unser Verbandsmitglied ergreifen.»

3 Kommentare

  1. Rutz

    Es ist eine Schande! Das es solche Firmen in unserer Schweiz gibt, die mit solchen Methoden weiter arbeiten können. Und Lehrlinge einstellen können, die nur Ausgenützt und nichts für Ihren gewählten Beruf lernen. Niemand schiebt diesen Firmen einen Riegel und entzieht die Lizenz.

  2. PM

    Ach schau her welch ein wunder…
    Nicht nur arebiter werden abgezockt sonder auch Unternehmer diese Firma schulded mir seid mehr als einem Jahr mehr als 20000.-
    Dreist…..

  3. Florian Opriessnig

    War selber Mitarbeiter dort und die Umstände wie sie mit den anderen Mitarbeiter umgehen ist Katastrophal. Zum Glück habe ich die Firma vor über einem Jahr schon verlassen. Musste danach sogar noch mit meinem Anwalt vortreten. Nie wieder….

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