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Sozialarbeiterin Nora Hunziker: «Wir müssen für die Menschen den Spielraum ausreizen»

Sarah Forrer

Ein offenes Ohr, einen hellen Kopf, zwei praktische Hände und keine Berührungsängste: Das braucht Nora Hunziker bei ihrer Arbeit. Die 28jährige ist Gassenarbeiterin in Bern. Sie könnte sich keinen ­besseren Job vorstellen.

«UF DR GASS» UNTERWEGS: Nora Hunziker erzählt im Gespräch über Solidarität, Spass und das Leben auf der Strasse. (Foto: Yoshiko Kusano)

Nora Hunziker sitzt draussen in einem Café. Vor sich einen Cappuccino mit Hafermilch. In der Hand eine selbstgedrehte Zigarette. Sie denkt über die erste Frage nach. Eine Knacknuss: Wie nennt die Gassenarbeiterin die Leute, mit denen sie arbeitet? Obdachlose nicht.

andständige? Ausgeschlossen. Klientinnen, Nutzer, Besucherinnen. Oder einfach Menschen ohne festen Wohnsitz? «Wir suchen noch nach der korrekten Bezeichnung», fasst sie lachend zusammen. Ein Entscheid, der basisdemokratisch gefällt wird. Wie so vieles bei der kirchlichen Gassenarbeit Bern.

Seit drei Jahren arbeitet die 28jährige beim Verein. Eine Arbeit, die ihr entspricht. Das Team, vier Frauen und ein Mann, ist klein. Die Entscheidungswege kurz. Die Freiheiten gross. Und der Kontakt mit den Menschen auf der Strasse auf Augenhöhe. «Unser Angebot ist freiwillig. Da ist kein Zwang», so Hunziker. Gut die Hälfte der Zeit verbringt die gebürtige Aargauerin auf der Gasse. Mal am Morgen, mal am Mittag, mal am Abend. Dreht ihre Runden vom Bahnhofplatz bei der Heiliggeistkirche über die kleine Schanze zur Münsterplattform. Sie geht auf die Menschen zu. Wer reden will, redet. Wer nicht will, muss nicht. Einigen verteilt sie sauberes Spritzenmaterial und Kondome. Anderen schenkt sie ein offenes Ohr. Hört zu, wenn die Frauen und Männer von ihrem Alltag auf der Strasse erzählen. Von der neuen Liebe, vom kranken Hund oder vom «Gstürm» mit einem Amt. Auch Spässe haben Platz. «Wir lachen oft. Viele haben einen eigenen Humor, der mir sehr gut gefällt.»

ARBEITSORT STRASSE: Gassenarbeiterin Nora Hunziker schenkt den Menschen auf der Gasse ein offenes Ohr.

GRENZEN. An zwei Nachmittagen ist das Gassenarbeitsteam im Büro anzutreffen. Dann kommen die Menschen zu ihnen. An manchen Tagen werden sie überrannt. An anderen kommen sie tröpfchenweise oder erst gegen Abend. «Man weiss nie, was auf einen zukommt.» Spontan und flexibel müsse man sein. Auch im Kopf. Oft muss Nora Hunziker innert kürzester Zeit in komplexe Themen eintauchen. Wie kürzlich bei einer Klientin. Diese ist mit einem Mann verheiratet, der das Geschlecht gewechselt hat. «Nun wollte sich meine Klientin von ihr trennen», sagt Nora Hunziker. Klar, könnte man meinen. Ganz und gar nicht für die zuständigen Behörden. «In einigen Dokumenten wurde meine Klientin plötzlich zum Ehemann», sagt Nora Hun­ziker und holt aus: Dies sei dem patriar­chalen System geschuldet. Es brauche ein ­Familienoberhaupt. Und wenn das männliche Oberhaupt weiblich werde, werde halt das weibliche männlich. «Da staune ich schon über unser veraltetes System.»

Und wie sieht es mit Pöbeleien aus? Gehören diese zur Tagesordnung? Mitnichten! Das erlebt sie selten. Wohl auch, weil das Angebot freiwillig ist, und die Gassenarbeiterinnen und -arbeiter stark auf der Beziehungsebene arbeiten. Wenn doch mal jemand ausfällig wird, setzt sie Grenzen. Beispielsweise als ein älterer Herr eine Mitarbeiterin ständig «Fräulein» nannte. Da machten ihm die Sozialarbeiterinnen klar: Das geht nicht. «Wir wollen bei uns keinen Sexismus, keinen Rassismus, keine Gewalt. Und in den Büroräumen wird weder Alkohol getrunken noch werden Drogen konsumiert.» Diese Regeln würden auch gut eingehalten. Da gebe es wenig Probleme.

GERECHT. Mehr zu schaffen macht Nora Hunziker etwas anderes: wie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Institutionen mit den Menschen umspringen. «Ich ärgere mich immer wieder über ihre Ignoranz und Abgestumpftheit. Das verstehe ich nicht.» Für Hunziker ist klar: «Wir müssen für die Menschen den Spielraum ausreizen. Wir müssen sie mit allen Mitteln unterstützen und nicht noch Steine in den Weg legen.»

Dieser Gerechtigkeitssinn kommt nicht von ungefähr. Schon als Kind hat sich Nora Hunziker für Schwächere eingesetzt. Ihre Mutter ist Anwältin für Familienrecht. Daheim wurde oft und viel diskutiert und politisiert. Mit 16 Jahren ist sie der Juso beigetreten; das Linkste, was Brugg zu bieten hatte. «Ich war schon immer ein politischer Mensch.» Nach ihrem Umzug nach Bern vor acht Jahren arbeitete sie im Dachstock der Reitschule mit. Heute gehört sie zwar keiner Partei mehr an, aber Diskussionen liebt sie nach wie vor: «Ich sitze gerne in Beizen und quatsche», sagt sie und guckt auf den halbvollen Kaffee und die angefangene Zigarette im Aschenbecher. Sie lacht: «Weder geraucht noch getrunken, einfach mal wieder verplaudert!»


Nora Hunziker  Politische Musik

Musik hat Nora Hunziker seit je begleitet. Früher stand sie auf Hip-Hop und später auch auf Punkrock. Heute legt sie selbst auf. Bei «Clit au Riz», einer Gruppe von DJs, die mehr machen, als Soul, Hip-Hop, Trap und Dancehall von anderen Künstlern aufzulegen. «Wir haben eine politische Botschaft», betont Hunziker. Es ist ein Versuch, die Frauen zu stärken und dem Patriarchat entgegenzutreten. «Frauen, nein, alle, die unter dem Patriarchat leiden, gehören auf die Bühne.» Ihr Wunsch: dass sich alle auf der Tanz­fläche wohl fühlen.

FREUNDLICH. Einen ähnlichen Wunsch hat sie für die Menschen auf der Strasse. Keine bösen Blicke, kein abgewandter Kopf, kein abschätziges Schnalzen mehr. «Manche fragen nur nach einem Stutz. Da muss man nichts geben. Aber man kann freundlich bleiben. Wie zum Nachbarn oder zur Bankdirektorin», betont Hunziker. Mensch sei schliesslich einfach Mensch. Egal, wie er wohnt.

Nora Hunziker ­arbeitet 50 Prozent und verdient 2878.75 Franken pro Monat netto.

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