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Sozialpädagoge Severin Brunner: «Ich bin Lehrer, Berater und manchmal einfach Zuhörer»

Astrid Tomczak-Plewka

Eigentlich mag Bauspengler Severin Brunner (27) seinen Beruf. Doch erst durch den Einsatz in einem Flüchtlingscamp in Griechenland findet er seine Berufung.

FRÜHER BAUSPENGLER, HEUTE SOZIALPÄDAGOGE: Severin Brunner arbeitet in einem Heim in Solothurn und legt einen wichtigen Grundstein für die Zukunft der Kinder. (Fotos: Franziska Scheidegger)

Manchmal können wenige Tage dem Leben eine neue Richtung geben. Für Severin Brunner waren es zehn Tage im Jahr 2015. Täglich strandeten Geflüchtete irgendwo auf griechischen Inseln. Severin Brunner war 21 Jahre alt und musste die Unteroffiziersschule aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Ein Freund sagte ihm, sie könnten Hilfe gebrauchen in einem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Chios. Der Solothurner überlegte nicht lange, flog hin, zog jede Nacht Boote aus dem Wasser, verteilte Tee, Medizin und half den Menschen, sich zurechtzufinden. «Sehr vieles lief über Körpersprache», erzählt er. Tagsüber sorgten die freiwilligen Helferinnen und Helfer dafür, dass die Gestrandeten eine Tagesstruktur erhielten. «Ich habe schnell einen guten Draht zu den Kindern und Jugendlichen gefunden, habe mit ihnen Steinmännchen am Strand gebaut, Fussball gespielt, Ballons aufgeblasen – was man halt so tut.» Nur zehn Tage dauerte sein Einsatz, aber die Weichen waren gestellt.

RICHTUNGSWECHSEL. Zurück in Solothurn, engagierte er sich in der Organisation «Solothurn hilft», wo er seit der Entstehung dabei war. Gleichzeitig merkte er, dass er in seinem gelernten Beruf als Bauspengler nicht mehr ganz bei sich war. «Ich fand den Beruf mega cool, es ist ein sehr altes Handwerk», sagt er. «Es hat mich immer fasziniert, wie man aus einem Stück Blech was Neues gestalten kann.» Doch irgendwann stand er morgens nicht mehr «mit der gleichen Motivation» auf. Zudem machte ihm sein Rücken zu schaffen – keine gute Voraussetzung für den Beruf. Also entschied er sich, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, machte in der Jugendarbeit Burgdorf ein Vorpraktikum für die Ausbildung zum Sozialpädagogen. Nach diesem Praktikumsjahr bekam er allerdings keinen Studienplatz. «Das war zunächst frustrierend, hat sich aber im nachhinein als Glücksfall erwiesen», sagt er. Auf der Suche nach einer Überbrückungslösung konnte er im Jugendtreff seines Heimatdorfs, Langendorf SO, einsteigen. Als Jugendlicher war Severin dort Stammgast gewesen, konnte «ausprobieren», wie er sagt, «auch mal über die Stränge schlagen»: Party machen, laut Musik hören, Graffitis sprayen, übers Töfflifrisieren fachsimpeln.

2018 klappte es doch noch mit dem Studienplatz, und Severin Brunner begann sein dreijähriges Sozialpädagogikstudium in Bern, das er jetzt abgeschlossen hat. Seit dem zweiten Ausbildungsjahr arbeitet er in einem Kinderheim in Kriegstetten SO, wo er ab August eine Festanstellung antritt.

IMMER IN BEWEGUNG: Mit Kindern die Freizeit zu gestalten und auch mal auf den Spielplatz zu gehen gehört zu den vielfältigen Aufgaben von Sozialpädagoge Severin Brunner.

ROLLENWECHSEL. Als Sozialpädagoge ist ­Severin Brunner in verschiedenen Rollen tätig: Er hilft bei Alltagstätigkeiten wie etwa Anziehen und Schulaufgaben, berät die Kinder und Jugendlichen – bis hin zu Themen wie Verhütung. Vor allem aber ist er ein freundschaftlicher Zuhörer. Und eben auch Erzieher, der mal zurechtweisen muss. «Viele sehen im Sozialarbeiter den Typen mit Sandalen und Hawaiihemd, der ein bisschen Kinder hütet», sagt er. «Aber wir haben einen existentiellen Auftrag, die Selbstwirksamkeit dieser Kinder und Jugendlichen zu fördern und ihnen ein optimales Aufwachsen zu ermöglichen. Damit können wir einen wichtigen Grundstein für die Zukunft legen.» Wichtig sei es, sich dieser Rolle immer sehr bewusst zu sein, um die professionelle Distanz zu wahren.

Gerade im Coronajahr habe durch das Homeschooling die «Lehrerrolle» etwas überhandgenommen. «Aber wir haben viel Unterstützung bekommen – auch durch externe Lehrerinnen und Lehrer», sagt er. Schwieriger sei es gewesen, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen Masken tragen müssten. «Manche Kinder hatten anfänglich richtig Angst, und für manche ist auch die Mimik sehr wichtig», sagt er. Severin Brunner hofft nun, dass die Krise bald überstanden sei. Deshalb hat er sich auch impfen lassen – trotz anfänglicher Skepsis. «Ich bin überzeugt, dass wir nur mit der Impfung da rauskommen. Und ich will ein Vorbild sein und ein Zeichen der Solidarität setzen.»

Die Solidarität: Die zieht sich durch Severin Brunners Leben – auch ausserhalb seines Jobs. Als Lehrling sympathisierte er mit der Juso, kam dann in Kontakt mit der Unia-Jugend, wo er nun schon seit rund 10 Jahren aktiv ist. «Ich hatte manchmal das Gefühl, als Lehrling zu wenig zu sagen zu haben. Bei der Gewerkschaft habe ich immer gute Ansprechpersonen gefunden.» Mittlerweile ist er im Sektionsvorstand in Solothurn tätig. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, junge Arbeitnehmende beim Eintritt in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. «Es gibt immer noch viele Lernende, die ausgenutzt werden. Und Praktikantinnen und Praktikanten erst recht», sagt er. «Ich mache mich stark dafür, dass die Rahmenbedingungen so sind, dass junge Leute einen guten Abschluss machen können, genügend Zeit für die Ausbildung haben. Davon profitieren letztlich alle.»

Severin Brunner hat in der Sozialpädagogik seine «Berufung» gefunden, wie er sagt. Aber er ist noch längst nicht am Ziel. «Ich will nicht stehenbleiben und halte immer die Ohren offen für Neues.»


Severin BrunnerJurastein-Kletterer

Severin Brunner ist in Langendorf SO mit einer jüngeren Schwester aufgewachsen. Dort lebt er heute noch in einer eigenen Wohnung im Dreigenerationenhaus seiner Kindheit, die er als «sehr glücklich und mit vielen Freiheiten» schildert. Das Klettern spielt in der Familie eine wichtige Rolle, die Eltern führten Kletterkurse durch. Severin Brunners Vater ist ebenfalls Sozialpädagoge. «Ich wollte eigentlich nicht unbedingt das gleiche machen», sagt der 27jährige. Trotzdem ist er froh, mit seinem Vater einen Gesprächspartner zu haben, mit dem er «diskutieren und philosophieren» kann. «Mein Vater war während der Ausbildung meine grösste Ressource.»

VW-LIEBE. Seine Freizeit verbringt Severin Brunner vor allem in der Natur – beim Joggen oder Klettern. Gerne ist er auch mit seinem VW-Bus unterwegs, am liebsten auf Campingplätzen in Griechenland. Mit diesem VW-Bus klapperte er auch «Hotspots» von Geflüchteten ab, beispielsweise als 2016 viele von ihnen in Como festsassen. Seit rund zehn Jahren ist Severin Brunner in der Unia aktiv, wo er sich für jugendliche Arbeitnehmende einsetzt.

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