Restaurations-Fachangestellte Para Karimpur: «Jeder Gast verdient ein Lächeln»

Freundlichkeit kostet nichts: ­Deshalb geht Restaurations­fachfrau Para Karimpur ­ver­schwenderisch damit um. Das freut die Gäste. Doch innerlich kämpft Karimpur mit den Dämonen ihrer Vergangenheit.

STRAHLEFRAU. Para Karimpur serviert mit Herzblut. Das spüren die Gäste. Als Dank gibt’s Trinkgeld und Komplimente. (Foto: Peter Lauth)

Para Karimpur (22) rührt in ihrem Kaffee. Sie blickt über die leere Terrasse auf den Vierwaldstättersee. Die Sonnenstrahlen glitzern auf der tiefblauen Seeoberfläche. Es ist früher Freitagnachmittag im Seminarhotel FloraAlpina in Vitznau, am Südfuss des Rigis. Die Stille wird für einen kurzen Moment von dem tiefen Brummen ­eines Schiffshorns durchbrochen. Danach legt sie sich wieder wie eine warme Decke über das traumhafte Panorama. Seit die zweite Coronawelle in der Schweiz wütet, ist es hier ruhig. Ruhiger, als es der quirligen Iranerin lieb ist. Reihenweise Veranstaltungen wurden abgesagt. Hochzeiten auf unbestimmte Zeit verschoben. Geburtstage und Weihnachtsfeiern auch. «Es ist wahnsinnig schwierig. Man weiss nie, was als nächstes kommt.»

Das geschichtsträchtige Haus wurde in den 1940er Jahren von der Gewerkschaft Smuv, einer Unia-Vorgängerorganisation, als Ferienlager für ­Arbeiterinnen und Arbeiter gebaut. Für diesen Abend sind fast alle Zimmer belegt, Seminargruppen sind einquartiert. Insgesamt 80 Leute sind da. Vollpension. Zwei unterschiedliche Menus werden serviert. Mit Vorspeise und Dessert. Dazu Getränke. Para Karimpur schaut, dass der Laden läuft und die Gäste zufrieden sind. Vor drei Jahren wäre dies noch unvorstellbar gewesen. «Damals konnte ich einen Aperol Spritz nicht von einem Hugo unterscheiden», erzählt die 22jährige lachend. Und schon sprudeln die Erinnerungen an ihren ersten Tag im Seminarhotel nur so aus ihr raus.

ERSTER ARBEITSTAG. Ein schöner Sommertag sei es gewesen. Die Terrasse war voll besetzt. Ihr wurde ruckzuck die rechte Hälfte zugeteilt. «Ich habe davor drei Monate im Partnerhotel auf dem Stoos SZ gearbeitet. Dort habe ich aber nur Teller abgeräumt und Tische geputzt. Ich wusste nicht einmal, wie man eine Kasse bedient!» Statt etwas zu sagen, nickte sie nur und machte sich an die Arbeit. Schüchtern lief sie zu den Tischen und nahm die Bestellungen auf. Das meiste kannte sie nicht: Herrgöttli, Sanbitter, Gsprützte Wiisse – was war das? Vor lauter Nervosität vergass sie auch alles andere.

Nach einer halben Stunde flüchtete sie die Treppe runter – ohne einem einzigen Gast sein Getränk gebracht zu haben. Im Büro der Personalchefin weinte sie bittere Tränen. «Ich wollte auf der Stelle wieder gehen», sagt sie. Doch sie blieb. Zum Glück. Heute ist der Betrieb wie eine zweite Familie: «Ich bin enorm dankbar. Sie haben mich immer unterstützt!»

SERVICE-PROFI: Para Karimpur serviert mit Können und Herzblut. Und neuerdings mit Maske. (Fotos: Peter Lauth)

SCHWERER RUCKSACK. Das war auch nötig. Hinter Para Karimpurs fröhlichem und aufgewecktem Naturell verbirgt sich eine tragische Kindheit. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Iran, hat sie mit sieben Jahren ihre Mutter verloren; sie hatte Krebs. Ab diesem Zeitpunkt durfte sie nicht mehr zur Schule. Wie eine Gefangene musste sie zu Hause ihren Vater und ihre Stiefmutter bedienen. «Es war wirklich ganz schlimm.» Mit 16 Jahren flüchtete sie in die Schweiz. Zu ihrer älteren Schwester. Weder ihr Vater noch ihre Stiefmutter wussten etwas davon. «Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Bis heute habe ich nie mehr ein Wort mit meinem Vater gesprochen.»

Mit einem so schweren Rucksack landete sie in Luzern. Ohne ein Wort Deutsch. Ohne geregelte Aufenthaltsbestätigung. Aber mit einem unbändigen Willen. Sie lernte die Sprache. Sie suchte nach einer Lehrstelle. Und fand sie im Hotel FloraAlpina. Im Sommer 2017 fing sie die zweijährige Ausbildung zur Restaurationsfachangestellten an. Doch ihre Vergangenheit holte Para Karimpur ein. Sie wurde depressiv. Nahm Medikamente. Die Batterien waren leer. So leer, dass sie fast ihre Lehre abbrach. «Ich hielt Stress fast nicht aus. Mein Körper war wie gelähmt.» Gemeinsam mit dem Betrieb suchte sie einen Weg – und fand einen: Sie konnte das Pensum auf 50 Prozent reduzieren. Und das inmitten der Hochsaison im Sommer. «Die Menschlichkeit wird bei uns grossgeschrieben!» ­betont Para Karimpur. Der Raum für sich, für die Schule, für ihre Erholung tat ihr gut. Sie kam wieder auf die Beine. Und schloss diesen Sommer die Lehre mit der Note 5,3 ab.

STETES LÄCHELN. Mittlerweile arbeitet sie wieder Vollzeit und mit viel Herzblut. «Die Arbeit ist die beste Ablenkung!» Kaum im Betrieb, schaltet sie den Hebel um. Lässt die Sorgen aussen vor. «Wir sind die besten Schauspielerinnen», sagt Para Karimpur lachend. Für die 22jährige ist ganz klar, was eine gute Servicekraft ausmacht: ein Gespür für Menschen, für ihre Bedürfnisse. «Manche wollen plaudern. Andere wollen ihre Ruhe. Das gilt es zu respektieren.» Und Freundlichkeit. «Jeder Gast hat ein Lächeln verdient.» Dementsprechend grosszügig geht sie damit um. Ihre offene Art kommt an: Oft strecken ihr Gäste Trinkgeld entgegen. Die Hälfte behält sie für sich. Die andere Hälfte wird unter Köchinnen und Praktikanten aufgeteilt. «Es braucht alle für einen gelungenen Abend.»

Noch fast mehr als über das Trinkgeld freut sie sich über Komplimente. So wie letzthin, als ihr ein Gast sagte, sie sollte Kurse geben über den richtigen Umgang mit Gästen. Das ist Zukunftsmusik. Wie auch der Traum eines eigenen Cafés. Bis auf weiteres will sie im Seminarhotel bleiben. «Ich könnte mir keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen!»


Para KarimpurLiebe und Leben

Para Karimpur (*1998) hat im FloraAlpina nicht nur eine Lehrstelle gefunden. Sondern auch ihren Freund kennengelernt. Einen deutschen Koch. Seit drei Jahren ist sie mit ihm zusammen. «Er hat mich nach meinem Schnuppertag auf Instagram angeschrieben.» Lange Zeit haben sie gechattet. Just zum Valentinstag wurden sie ein Paar.

ER KOCHT. Mittlerweile leben sie gemeinsam in einer Wohnung in Vitznau. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Er kocht, sie serviert. «Ich kann nicht kochen!» sagt Para Karimpur und zitiert ein Sprichwort, das sie kürzlich auf Facebook gesehen hat: «Man sollte immer einen Koch heiraten: Schönheit vergeht, Hunger bleibt.» Am liebsten isst die gebürtige Iranerin Reisgerichte. Aber auch die schweizerische Küche mit Raclette und Fondue gehört mittlerweile zu ihren Favoriten.

SIE GUCKT. In ihrer Freizeit ist sie nicht sehr beständig unterwegs: «Ich habe jedes Jahr ein anderes Hobby», sagt sie schmunzelnd. Eine Zeitlang hat sie sehr viel Sport getrieben. Doch mit der Arbeit im Service bewegt sie sich genug. «Ich bin ja den ganzen Tag auf den Beinen.» Die Musik hat sie auch mal stark begeistert. Im Moment ist Netflix hoch im Kurs. «Vor dem Fernseher kann ich wunderbar abschalten.»

ÜBERZEUGT. Para Karimpur ist Unia-Mitglied. Sie lernte die Unia in der Berufsschule kennen. Überzeugt haben sie dann der Mitarbeiterinnenschutz und die Rabatte bei Weiterbildungen.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.