Die erste Frau in 131 Verbandsjahren!

Hanny Weissmüller wird oberste Lokführerin

Anne-Sophie Zbinden und Astrid Tomczak

Der Verband des Lokomotivpersonals existiert seit 1889. Jetzt tritt erstmals eine Lokführerin an seine Spitze.

BAHN FREI! Hanny Weissmüller ist jetzt die oberste Lokführerin der Schweiz. (Foto: Severin Nowacki)

Sie war 40 Jahre alt, als sie eines Morgens erwachte und wusste: «Ich muss ausprobieren, ob mein Kindheitstraum was taugt!» Und dann stellte Hanny Weissmüller mitten in ihrem Leben ihre Weichen neu. Sie wurde Lokführerin. Und jetzt wird die unternehmungslustige Frau auch noch die erste Frau an der Spitze des Lokomotivpersonalverbandes in der Gewerkschaft SEV.

Schweizweit gibt es nur 4 Prozent Lokführerinnen. Weissmüller war die einzige Frau in ihrem Ausbildungsgang. Schon als Mädchen träumte sie davon, Lokführerin zu werden: Ihr Grossvater arbeitete beim Elektrotechnikkonzern Brown, Boveri & Cie. in Baden AG und wohnte direkt neben den Bahngleisen. Ihr Vater war Ingenieur für Lokomotiven. Er riet seiner Tochter jedoch davon ab, ihr Glück auf der Schiene zu suchen: Das sei nichts für eine Frau. Für manche Männer ist ihre Berufswahl gar ein Affront: Während der Ausbildung sagte ihr ein jüngerer Kollege, Frauen gehörten nicht in den Führerstand. Und da war jener Fahrgast, der an ihre Scheibe klopfte und sagte: «Sie sind eine Frau, mit Ihnen fahre ich nicht mit!» Doch Weissmüller reagiert auf solche Bemerkungen mit Gelassenheit.

«Sie sind eine Frau, mit Ihnen fahre ich nicht mit!»

STAR WARS IM FÜHRERSTAND

Wenn die Sonne über dem Genfersee untergeht und sie von ihrem Logenplatz in der Loki das Wasser und die Weinberge vorbeiziehen sieht, denk Weissmüller jeweils: «Es ist noch schöner, als ich dachte!» Dabei ist sie alles andere als eine Schwärmerin. Sie spricht Klartext, wenn es um die Arbeitsbedingungen geht. «Die Hygiene für uns Frauen ist ungenügend», sagt sie. Deshalb setzt sie sich jetzt als oberste Lokführerin für ­geschlechtergetrennte Toiletten und Schlafräume ein. Hanny Weissmüller kritisiert aber auch die Löhne (zu tief!), dass die Einsätze nicht planbar seien und Ferien nicht bezogen sowie Überzeit nicht kompensiert werden könnten. Ein schlechtes Zeugnis stellt sie auch dem Ex-SBB-Chef Andreas Meyer aus: «Unter ihm ging es in den letzten Jahren mit den Arbeitsbedingungen laufend bergab. Meyer schien vergessen zu haben, dass wir einen ­sicherheitsrelevanten Beruf ausüben.» Und er habe falsch geplant: «Meyer war der Meinung, dass ab 2025 die Loks autonom fahren würden, und deshalb wurde die Ausbildung von neuen Lokführerinnen und -führern vernachlässigt.» Dabei wären solche bitter nötig.

SALUT! Hanny Weissmüller grüsst einen Kollegen. Kolleginnen sind im Führerstand immer noch eine Rarität. (Foto: Severin Nowacki)

In den nächsten 10 Jahren brauchen die SBB 10’000 neue Mitarbeitende. Ein Schritt zur Behebung des Lokführerenden-Mangels könnte für Weissmüller die Umschulung von Swiss-Piloten sein, die von der Coronakrise betroffen sind. «Mich hat mal ein Pilot begleitet», erzählt sie. «Er hat gesagt, das sei viel anspruchsvoller, als ein Flugzeug zu fliegen.» Bei einem Flug ist der Pilot vor ­allem beim Start und bei der Landung gefordert. Eine Fahrt mit der Lokomotive erfordert jedoch jederzeit vollste Konzentration bei jedem Wetter: ­Ob ­Regen oder Schnee, der Zug fährt das ganze Jahr über gleich schnell – im Mittelland mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde. Weissmüller lacht und sagt: «Wenn im Winter die Schneeflocken auf dich zurasen, hat das einen Star-Wars-Effekt».

DUCROT HÖRT ZU

Viel wichtiger als die Umschulung der Piloten sei es, den Beruf attraktiver zu machen, gerade für Frauen. Deshalb fordert die oberste Lokführerin: «Für ältere Berufsleute und für solche mit Familien und Kleinkindern braucht es eine Anpassung des Tourenplanes, so dass diese nicht mehr zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens fahren müssen.» Pikant: In der Zeit vor CEO Meyer habe es solche Regelungen für ältere Mitarbeitende gegeben. Zudem brauche es signifikante Lohnerhöhungen und Anpassungen der Toiletten und Pausenräume.

Diese drei Forderungen konnte Weissmüller persönlich beim neuen SBB-Chef Vincent Ducrot deponieren: «Dass uns Ducrot angehört hat, ist schon ein riesiger Fortschritt!» sagt sie. Unter Meyer habe es eine Betonplatte zwischen Management und Basis gegeben. Nicht erstaunlich drum, dass im Dezember 2019 rund 100 Mitarbeitende vor dem SBB-Hauptgebäude im Berner Wankdorf protestiert haben. Ihre Forderung an damals Noch-CEO Meyer: «Hör uns endlich zu!» Das zumindest macht Ducrot.

SBB, Post & Co.: Wo sind die Frauen?

Wenn ein börsenkotiertes Unternehmen mehr als 250 Mitarbeitende hat, müssen bis 2026 mindestens 30 Prozent Frauen im Verwaltungsrat sitzen. Dies hat das Parlament im Sommer beschlossen. Doch ausgerechnet die grössten vom Bund kontrollierten Firmen sind mit der Umsetzung in Verzug, schreibt die «Sonntagszeitung». Bei den SBB sitzt heute keine einzige Frau in der Geschäfts­leitung. Immerhin: Im Verwaltungsrat sind 30 Prozent Frauen.

ZU VIELE MÄNNER. Die Post hingegen erfüllt weder im Verwaltungsrat noch in der Geschäfts­leitung die Richtwerte. Im Verwaltungsrat sitzen nur 20 Prozent Frauen, in der Geschäftsleitung bloss 10 Prozent. Bei der SRG sitzt in der Geschäftsleitung nur eine Frau, im neunköpfigen Verwaltungsrat immerhin drei Frauen. Dass es auch anders geht, zeigt Skyguide. Das Flugsicherungsunter­nehmen im Besitz des Bundes erfüllt die Richtwerte für die Privatwirtschaft bereits jetzt. Zwei von neun Geschäftsleitungsmitgliedern sind Frauen. Und im Verwaltungsrat sitzen fast zur Hälfte Frauen.


Hanny Weissmüller:Mit 40 ab in den Führerstand

Hanny Weissmüller (47) ist in Villnachern bei Brugg AG aufgewachsen, in einer «typischen SVP-Hochburg», wie sie sagt. Allerdings war die Nachbarschaft international geprägt, es gab Holländer, Französinnen, Schweden – und eine Brasilianerin: Hanny Weissmüllers Mutter. Heute lebt Hanny Weissmüller in Haute-Nendaz VS. Ihre berufliche Karriere ist vielfältig: Verwaltungslehre, Programmiererin, Erwachsenenbildnerin, Mediatorin – und mit 40 dann die die Ausbildung zur Lokomotivführerin.

In ihrer Freizeit erkundet sie gerne mit ihrem Partner die Walliser Bergwelt. Sie hat
drei Söhne und eine Tochter zwischen 8 und 22 Jahren. Auch in den Ferien ist sie am liebsten mit der Bahn unterwegs. Sie träumt von einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

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