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Heilige Wut gegen Nationalismus und Profitgier: Die päpstliche Vision

Odilo Noti

Der Papst hat eine neue Enzyklika – also ein «Lehrschreiben» – ­veröffentlicht. Es stösst bei Rechten und ­Reaktionären auf Kritik.

SELFIE MIT DEM PAPST: Franziskus umringt von Gläubigen im Vatikan. (Foto: Keystone)

Clemens Fuest, Professor und Präsident des Münchner Instituts für ­Wirtschaftsforschung, übt in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) harsche Kritik: «Insgesamt bin ich enttäuscht. Es ist richtig, dass der Papst mehr Solidarität mit den Schwachen der Welt einfordert. Es fehlen aber wegweisende Ideen dazu. Gleichzeitig strotzt der Text vor antimarktwirtschaftlicher Ideologie und Fehleinschätzungen über Globalisierung und die Rolle von Privateigentum.» Fuests Aussagen richteten sich gegen den argentinischen Papst und seine Anfang Oktober veröffentlichte Sozialenzyklika «Fratelli tutti – über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft».

Der Papst fordert ein Ende des hemmungslosen Kapitalismus.

GLOBALISIERUNGS-KRITIK

Es lohnt sich, angesichts der Anwürfe von Clemens Fuest, in ein paar wenigen Strichen die Globalisierungs­kritik des Papstes zu skizzieren. In ­einem einleitenden Kapitel heisst es dazu, dass die Gesellschaften der Gegenwart weltweit «Indizien für einen Rückschritt» lieferten. Es ist die Rede vom Siegeszug einer global agierenden Wirtschaft, die sich nicht am Gemeinwohl, sondern am eigenen Profit orientiert. Die Enzyklika nennt ­unter anderem das Erwachen von «wütenden und aggressiven Nationalismen», das Erstarken von Populismus sowie die Verbreitung eines konsumbesessenen Individualismus und eines kulturellen Kolonialismus.

Der Papst beklagt die Relativierung der Menschenrechte, die Spaltung der Welt in eine reiche Minderheit und eine arme Mehrheit, die Zunahme von Gewalt in Gestalt von Kriegen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und die Zerstörung der Kommunikation durch Hass und Aggressivität etwa in den digitalen Medien. Ganz generell, resümiert er, mache sich ein Gefühl von Frustration, Einsamkeit und Verzweiflung breit. Auch wenn die Covid-19-Pandemie für eine gewisse Zeit das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen über die Grenzen hinweg geweckt habe, drohten nun neue Formen des egoistischen Selbsterhalts.

WIE WOLLEN WIR LEBEN?

Das Fazit zu diesem in dunklen und anklagenden Tönen gezeichneten Pan­orama: «Die weltweite Gemeinschaft weist schwerwiegende strukturelle Mängel auf, die nicht durch Zusammenflicken oder blosse schnelle Gelegenheitslösungen behoben werden. Es gibt Dinge, die durch neue Grundausrichtungen und bedeutende Verwandlungen verändert werden müssen.» Über diese Neuausrichtung denkt der Papst in seiner Enzyklika nach. Auf seine Weise. Nicht als Ökonom oder Politiker, sondern als religiöser Führer. Deshalb befragt er die ökonomischen Theorien oder Ideologien nach dem Menschenbild, das ihnen zugrunde liegt. Das handelnde Subjekt, das sie voraussetzen, so der Papst, sei der «homo oeconomicus», der immer und überall seinen Vorteil suchende Mensch, der mit diesem Verhalten angeblich auch die Gesellschaft weiterbringe. In Tat und Wahrheit würden sie den Menschen ausschliesslich von seinen materiellen Bedürfnissen her denken und einen verheerenden Individualismus begründen.

DIE WÜRDE DES MENSCHEN

Diesen Ideologien hält Franziskus ein Menschenbild entgegen, wonach der Mensch «am anderen wächst». Gemeinsam ist jedem und allen eine unveräusserliche Würde, aus der sich zwei – durchaus politisch zu verstehende – Prinzipien herleiten: Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft. Sie stehen an der Basis eines ­alternativen Konzepts von Globalisierung. Es beruht auf der Würde eines jeden, der Solidarität aller – über die nationalen Grenzen hinweg – und dem Einstehen für das Gemeinwohl.

Der Papst weiss, dass er für die skizzierten globalen Probleme nicht einfach eine Lösung bereithält. Deshalb verzichtet er auf einen belehrenden Ton. Er regt zum Nachdenken und zum Dialog an. Auch aus diesem Grund tritt er mit Entschiedenheit für eine offene Gesellschaft und Willkommenskultur ein.

Kurz: Selbst wenn der eine oder andere Gedankengang fremd anmutet, der Papst liefert ein Grundsatz­dokument, dass sich in aller Klarheit ­gegen jede Form des Nationalismus richtet und dagegen Ethik und Gerechtigkeit in der Politik einfordert. Das ist nicht wenig.

* Odilo Noti ist Theologe und ehemaliger Leiter der Caritas-Kommunikation.

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