Tausende Corona-Infizierte in deutschen Schlachthöfen
Das Schweine-System

In der deutschen Fleisch­industrie sorgt ein undurchsichtiges System für skandalöse Lebens- und Arbeitsbedingungen. Nicht nur beim Billigfleisch-Giganten Tönnies.

FLEISCHBARON: Schlachtschweine haben Tönnies-Chef Clemens Tönnies zum Milliardär
gemacht. (Foto: Keystone)

Mindestens 1500 Menschen haben sich allein bei Deutschlands grösstem Fleischproduzenten Tönnies Holding im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück unverschuldet mit dem Coronavirus infiziert. Deshalb leiden Hunderttausende seit dieser Woche erneut unter einem regionalen Lockdown. Die Wirtschaft in der Region liegt brach, Schulen und Kindertagesstätten bleiben geschlossen.

Dabei hatte Fleischbaron Clemens Tönnies und Präsident des Fussballclubs Schalke 04 (geschätztes Vermögen 2019 gemäss Forbes: 1,4 Mil­liarden Euro) seinen Betrieb noch vor kurzem als «vorbildlich» gepriesen. Doch die starke Corona-Ausbreitung in der Fleischbranche ist keine Überraschung. Vielmehr hat das Virus ans Licht gebracht, was längst bekannt war: die erbärmlichen Arbeits- und Lebensbedingungen der meist osteuropäischen Werkvertragsbeschäftigten.

Allein am Tönnies-Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück arbeiten mehr als 6500 Mitarbeitende, von denen etwa die Hälfte aus Ungarn, Bulgarien und Rumänien stammen und über Werkverträge beschäftigt sind. Werkverträge werden zwischen Unternehmen und Beschäftigten geschlossen und beinhalten eine konkrete zu erbringende Arbeitsleistung. Mitarbeitende müssen diese dann selbständig organisieren und ausführen, etwa mit eigenem Messer oder eigener Arbeitskleidung, teilweise auf dem Betriebsgelände des Auftraggebers.

Das Geflecht ist undurchsichtig, manche Arbeiter wissen nicht einmal genau, wer gerade ihr Arbeitgeber ist. Szabolcs Sepsi vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) erklärt in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit»: «Auch unter den Subunternehmern herrscht ein harter Konkurrenzkampf.»

TOR: Clemens Tönnies ist Präsident des Fussballclubs Schalke 04. (Foto: Keystone)

IMMENSE GEFAHREN

Mit dem dubiosen Werkvertrags­system in Deutschland entledigt sich das Unternehmen seiner sozialen Verantwortung. Die Arbeiter stehen unter Druck, die vertraglich festgeschriebenen Schlachtmengen zu erfüllen. Jede Woche werden allein in Rheda im Schichtsystem 150’000 Schweine geschlachtet. Für Frisch- und Tiefkühlwaren werden täglich 850 Tonnen Fleisch verarbeitet. Gesundheitsschutz steht dabei hintan. Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Freddy Adjan, kritisierte bereits im März: «Temperaturen in den Hallen von 6 Grad und Feuchtigkeit, eng aneinandergereihte Arbeitsplätze in der Zerlegung, das birgt immense Gefahren.»

Branchenriese Tönnies beliefert nicht nur in Deutschland Supermärkte mit Frischfleisch und Tiefkühl-Convenience-Produkten, sondern exportiert weltweit. In der Schweiz standen noch vor kurzem Lidl und Migros auf der Kundenliste. Auch Aldi Suisse führt Fleischware aus Rheda. Bei Lidl und Aldi in Deutschland stehen die Tönnies-Produkte unter den Markennamen «Landjunker» und «Meine Metzgerei» im Kühlregal. Mit dem Aufkommen der ersten Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben war die Initiative «Faire Mobilität» des DGB vor Ort. Die Beschäftigten direkt zu kontaktieren gestaltet sich aber schwierig. Denn die Schlachtbetriebe machen es sich einfach, ­indem sie die Frage, wo die Beschäftigten unterkommen, an Subunternehmer delegieren, die wiederum mit Privatleuten oder Immobilienbesitzern zusammenarbeiten, die alle kräftig mitverdienen. Bis zu 350 Euro (über 370 Franken) kostet ein Bett in einer überbelegten Wohnung. Die Wohnverhältnisse sind miserabel: Viele Menschen leben auf begrenztem Raum, oft in kleinen, vergammelten Zimmern mit schlecht funktionierenden sanitären Einrichtungen. Leichtes Spiel für ein Virus also.

Wer krank ist, wird unter Druck gesetzt, trotzdem zu arbeiten. DGB-Gewerkschafter Sepsi erklärt: «Die Subunternehmer haben sich perfide ­Methoden ausgedacht, um Lohnfortzahlungen und Kündigungsfirsten auszuhebeln: Für jeden Krankheitstag wird beispielsweise kurzerhand die Miete in der Sammelunterkunft um 10 Euro erhöht.» Wer länger ausfalle, müsse damit rechnen, dass man ihn los werden wolle.

Branchengrössen wie Westfleisch wollen jetzt künftig auf Werkverträge verzichten. Auch Tönnies selbst erklärte öffentlich, das Werkvertragssystem beenden zu wollen. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil der Handel eine sinkende Nachfrage beim Billigfleisch fürchtet. Die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) hat bereits strengere Auflagen für Fleischproduzenten angekündigt.

Wer krank ist, wird unter Druck gesetzt, trotzdem zu arbeiten.

NEBELKERZEN

Und die Politik? Mitte Mai bereits beschloss die deutsche Bundesregierung, dass Schlachten und Zerlegen ab 2021 nur noch mit Beschäftigten des eigenen Unternehmens zulässig sind. Die Kontrollen sollen verschärft und auf die Wohnungen und Unterkünfte ausgedehnt werden. Kontrollkapazitäten in den Bundesländern, die teilweise kaputtgespart wurden, werden aufgestockt. Digitale Zeiterfassung soll für Transparenz bei den Arbeitszeiten sorgen. Nur: Die Empörung der Politik in diesen Tagen hat einen bitteren Beigeschmack. Mehr als 20 Jahre lang hat man auf Druck der Fleischbarone und Lobbyisten weggeschaut. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die aktuellen Ankündigungen von Tönnies & Co. fragwürdig. Dazu der stellvertretende NGG-Vorsitzende Freddy Adjan: «Das sind Nebelkerzen! Freiwillige Lösungen haben in der Fleischindustrie noch nie funktio­niert und werden nicht funktionieren. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in der deutschen Schlacht- und Zerlegeindustrie werden sich nur mit scharfen und engmaschig kontrollierten Gesetzen bessern.»

* Gabriele Becker ist freie Journalistin in Deutschland.

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