Im Beizen-Schutzkonzept kommt die Küche nicht vor
«Zu wenig Schutz für die Mitarbeitenden»

Der Wirteverband wollte ums Verroden die Beizen schnell öffnen. Nicht mit diesem Konzept, befand der Bundesrat. work hat das Papier studiert.

KEINEN PLAN: Wie die Gesundheit der Mitarbeitenden in der Küche geschützt werden soll, steht nicht im Gastrosuisse-Papier. (Foto: Keystone)

Gross war das Jammern von Casimir Platzer am 17. April. Der Präsident des Wirteverbands Gastrosuisse gab sich «sehr enttäuscht», dass die Bars und Beizen weiterhin zubleiben müssen und im Corona-Lockerungsplan des Bundesrates nicht vorkommen. Und er gab sich verwundert, denn der Verband habe dem Bundesrat extra ein Schutzkonzept vorgelegt.

Offensichtlich ist dieses Konzept bei der Landesregierung durchgefallen. Und ein Blick in das Papier, das work vorliegt, zeigt auch, warum.

Das Herz einer jeden Beiz ist die Küche. Dort ist es warm, meist eng und oft hektisch – ideale Voraussetzungen für eine Verbreitung von ­Viren und Keimen. Deshalb gelten für Restaurantküchen hohe Anforderungen an die Hygiene. Erstaunlich aber: Im ganzen Corona-Schutzkonzept von Gastrosuisse ist die Küche mit keinem Wort erwähnt. Es findet sich nur ein allgemeiner Satz, wonach fürs Personal «der Abstand von 2 Metern oder Schutzmaske» verbindlich sein müsse.

Bloss 11 Prozent der ZH-Beizer
wollen eine rasche ­Öffnung.

ZU WENIG DURCHDACHT

Für Christine Michel, Expertin für Gesundheitsschutz bei der Unia, ist das ungenügend. Masken böten keinen absoluten Schutz. Und seien deshalb nur eine Ergänzung zu allen anderen Schutzmassnahmen – aber kein Ersatz, wie das Gastrosuisse vorsieht. Michel: «Stattdessen müsste man bei allen Abläufen in einem Restaurant überlegen: Wie kann ich sie gestalten, dass die Mitarbeitenden den Abstand einhalten können?» Doch das fehlt im Konzept.

Das vorliegende Papier sei zu wenig durchdacht, so das Fazit von Unia-Frau Michel: «In dieser Form bietet es zu wenig Schutz für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.»

Offenbar haben die Verbände Gastrosuisse und Hotelleriesuisse das Konzept im Alleingang geschrieben. Mauro Moretto, bei der Unia fürs Gastgewerbe zuständig: «Sie haben die Gewerkschaften im Vorfeld nicht konsultiert.» Das soll jetzt anders werden: Am 22. April veröffentlichte der Bund ein Muster-Schutzkonzept. Die Verbände sollen jetzt auf dieser Basis Konzepte ausarbeiten, die wirklich schützen. Und die Verordnung schreibt neu vor: «Sie hören hierzu die Sozialpartner an.»

BEIZER GEGEN HAURUCKÜBUNG

Mit ihrer Hauruckübung haben die beiden Verbände wohl auch nicht im Sinn der meisten Mitglieder agiert. Denn zwei Meter Abstand zwischen den Gästen ergibt für viele Beizen zu wenig Umsatz für einen rentablen Betrieb. So drängt etwa die Gastrokette Remimag (schweizweit fast 30 Restaurants) nicht auf eine rasche Wiederöffnung. In der NZZ sagt Geschäftsführer Bastian Eltschinger: «Eine Lockerung kann für uns nur kostendeckend sein, wenn es keine Beschränkungen gibt.» In einer Umfrage des Stadtzürcher Gastroverbandes sagten sogar bloss 11 Prozent der Betriebe, sie seien für eine rasche Öffnung. 39 Prozent wären nur dafür, wenn es keine grossen Einschränkungen gäbe. Und 50 Prozent sind dagegen.


Corona-Schutz: Die Kontrollen auf den Baustellen sind mangelhaft Nur gerade sechs Kantone schauen wirklich genau hin

Die Kontrollen auf dem Bau sind ein Flickenteppich – weil die Baumeister eine nationale Lösung verhindern.

BAU-STOP! Gesundheitsschutz geht vor Profit. (Foto: Keystone)

Halten die Baufirmen die BAG-Regeln ein, um ihre Arbeiter vor Corona zu schützen? Im Kanton Aargau wird das seit Ende März genau kontrolliert. Unangemeldet. Bisher bei fast 300 Firmen. Bei 121 haben die Kontrolleure Nachbesserungen angeordnet. Die Firmen haben 24 Stunden Zeit, um die Mängel zu beheben. Sonst wird die Baustelle geschlossen.

Das Besondere: Im Aargau machen diese Arbeit nicht nur die Suva und der Kanton. Sondern auch die Kontrolleure der paritätischen Kommission Bau, in denen Gewerkschaften und Arbeitgeber vertreten sind. Normalerweise überwachen sie den GAV-Vollzug. Jetzt kontrollieren sie zusätzlich den Corona-Schutz im Auftrag des Kantons. Pascal Johner, Geschäftsführer der paritätischen Kommission und Arbeitgebervertreter, lobt die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, Baumeistern und Kanton: «In dieser Sache ziehen alle am gleichen Strick», sagte er in der «Aargauer Zeitung».

«Der Baumeisterverband kritisiert lieber die Unia, statt gemeinsam Corona zu stoppen.»

WILLKOMMEN

Die Unterstützung der erfahrenen paritätischen Kontrolleure ist hochwillkommen. Denn die Kantone haben nicht genügend Ressourcen, um alleine alle Baustellen zu kontrollieren. Und die Suva, vom Bundesrat als Hilfe beauftragt, hat auch nur knapp 30 Kontrolleure für die ganze Schweiz (work berichtete rebrand.ly/kontroll-flaute). Bei rund 30’000 Baustellen im Land reicht das nirgends hin.

Ähnlich wie im Aargau arbeiten auch in Baselland, Genf, Waadt, Neuenburg und Jura die paritätischen und die kantonalen Kontrolleure zusammen gegen ­Corona. Alleine in diesen Kantonen sind so über 50 zusätzliche Fachleute unterwegs, um das Einhalten der BAG-Regeln zu prüfen.

VERWEIGERUNG

Doch warum nur in diesen sechs Kantonen und nicht in der ganzen Schweiz? Der Baumeisterverband weigert sich, solche Modelle auf nationaler Ebene zu unterstützen. Unia-Bauchef Nico Lutz sagt dazu: «Die Verbandsspitze kritisiert lieber in den Medien die Unia, anstatt mitzuhelfen, die Gesundheit der Büezer zu schützen und die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen.»

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