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Kranführer Adrian Saner: «Sechzig Meter freier Fall»

Manuel Frick

Nur wenige Menschen in der Schweiz arbeiten so hoch oben wie Kranführer Adrian Saner. Alles muss er im Blick haben, für alle muss er mitdenken: «Wenn ein gravierender Unfall passiert, dann muss ich in die Kiste», sagt der 59jährige.

ALTER HASE. Schon seit mehr als drei Jahrzehnten sitzt Adrian Saner (59) jeden Arbeitstag in der Krannkabine. (Fotos: Stephan Bösch)

Jeden Morgen kurz nach sechs Uhr klettert Adrian Saner in seine Kranführerkabine hoch. 60 Meter durch einen Turm aus Stahlrohren – ohne Sicherung. Von dort dirigiert er den 50 Meter langen Ausleger dahin, wo es gerade Beton braucht. Jetzt kommt es auf den Kollegen unten an: Wenn der das Gemisch zu schnell aus dem Kübel lässt, kann Saner die knapp vier Tonnen Gewicht, die plötzlich nicht mehr dranhängen, kaum mehr ausgleichen, indem er mehr Seil gibt. Dann schwingt der Kran vorne drei Meter auf und ab. Und das spürt auch Saner in seiner Kabine: «Angst habe ich nicht, aber es ist schon ein mulmiges Gefühl.»

MASSENENTLASSUNG. Ein ungutes Gefühl überkommt Saner heute vor allem, wenn er an denjenigen denkt, der in seiner Firma noch weiter oben sitzt als er. Gemeint ist Patrick Manser, Verwaltungsratspräsident der Marty Bauunternehmung AG mit Sitz in Bischofszell TG. Oder besser gesagt: Ex-Präsident. Ende Januar hatte Manser allen 51 Angestellten die Kündigung geschickt, «aus wirtschaftlichen Gründen». Weil er kein ordentliches Konsultationsverfahren durchführte, schritt die Gewerkschaft Unia ein. Zwei Wochen später meldete Manser Konkurs an. «Es hat sich angefühlt wie ein Chlapf ad Schnorre», sagt Saner über den Moment, als er den blauen Brief in den Händen hielt. Seit über drei Jahren hatte er für die Firma gearbeitet – und sich dort sehr wohl gefühlt.

Über ein Temporärbüro war Saner auf Gründer und Mitinhaber Ronny Marty ge­stossen. «Ronny war für uns wie ein Vater», sagt Saner. «Und das ist er auch heute noch.» Sein Chef habe immer geschaut, dass es allen gutgehe, und ihn fair bezahlt. Auch wirtschaftlich habe es für das Unternehmen gut ausgesehen, sagt Saner. «Letztes Jahr haben wir in Rorschach SG eine riesige Überbauung angefangen. Ende Dezember hiess es plötzlich, die hat eine andere Firma übernommen.» Saner konnte zwar nach der Winterpause auf einer anderen Baustelle weiterarbeiten, trotzdem ging es Schlag auf Schlag: Manser habe alle Konti sperren lassen, und Marty sei deshalb ausgestiegen – obwohl er im Jahr 2020 Mansers Firmen­anteil habe übernehmen wollen. Und was ­Saner am meisten stört: «Anscheinend hat Manser vor dem Konkurs viel Geld aus der Firma abgezogen» (work berichtete).

HOCH HINAUS: Jeden Tag klettert Kranführer Adrian Saner an seinen Arbeitsplatz – sechzig Meter über dem Boden, ungesichert.

PENSION. Saner wollte bis zu seiner Pensionierung im September für die Marty Bauunternehmung arbeiten. Mehr als 30 Jahre war er als Kranführer tätig und hat den Job gerne gemacht – auch wenn er nicht immer einfach war. «Unten wollen alle gleichzeitig, dass du sie mit Material bedienst. Du suchst einen Kompromiss, bist aber trotzdem oft der Blöde.» Manchmal könne man eine Baustelle erst Monate später als geplant beginnen, wegen Einsprachen oder schlechten Wetters. «Die verlorene Zeit müssen wir wieder aufholen.» Seine Zeit auf dem Bau teilt er rückblickend in drei Phasen ein: «Erst war es zu léger, dann lief es normal, und jetzt ist alles zu hektisch.

Ein bestimmter Tag hat sich für immer in Saners Gedächtnis eingebrannt: «60 Meter freier Fall», sagt er, und es schüttelt ihn noch heute. Auf einem Kran neben seinem hatte sich das Seil verklemmt. Sein Kollege stieg aus der Kabine und hantierte an der Trommel. Da löste sich das Seil, verpasse ihm einen Schlag, und er stürzte in die Tiefe.

Lieber erinnert sich Saner an die guten Tage. So wie der, als er mit seinen Kollegen einen Gülleschacht betonierte. Am Morgen trieb der Bauer die Kühe aus dem Stall; eine stürzte einen steilen Hang hinunter. «Die habe ich einfach mit dem Kran herausgelupft», sagt Saner und grinst.

DEMONSTRATION. Diese Tage sind jetzt vorbei. Statt Schalwände füllt der Kranführer zurzeit nur noch Formulare aus: «Arbeitslosenkasse, RAV und so weiter.» Und Saner kämpft für seine Rechte. Denn die Firma hat nicht nur seit Februar keinen Lohn mehr ausbezahlt, sondern schuldet ihm zudem 90 Stunden Überzeit und knapp vier Wochen Ferien. «Für uns war klar, dass wir das so nicht hinnehmen.» Kurz nach der Kündigung organisierten er und seine Kollegen eine Demo, unterstützt von der Unia. Sie marschierten durch die Innenstadt von Arbon zum Sitz einer Bauhandelsfirma, die ebenfalls im Besitz des Firmenimperiums von Patrick Manser ist.

Die Aktion war nicht umsonst: «Beim RAV und der Unia liefen die Telefone heiss.» Viele Baufirmen hätten angeboten, Arbeiter zu übernehmen. «Gerade habe ich von einem Kollegen gehört, dass er etwas gefunden habe.» Wie Saner das halbe Jahr bis zu seiner Pensionierung überbrückt, kann er noch nicht sagen. Dass Manser die ausstehenden Löhne noch zahlt, ist wegen des Konkurses ausgeschlossen. Über Patrick Manser sagt Saner: «Man hat schon immer gemerkt, dass er in einer anderen Liga spielt als wir Büezer.»


Adrian Saner Fischer und Wanderer

«Von den Eltern aus war es ein Muss, eine Lehre zu machen», sagt Adrian Saner (*1960). Er ent­scheidet sich, Maurer zu werden. Mit 19 Jahren stürzt er auf der Baustelle vom dritten Stock auf einen Betonboden: Schädelbruch, zersplitterte Rippen, Koma.

UNFALL. Nach einem halben Jahr kommt sein Gedächtnis zurück, aber die Lehre muss er abbrechen. Stattdessen wird er Briefträger, macht den Job aber nicht lange: «Erstens verdient man schlechter, und zweitens hätte ich weit weg arbeiten müssen.» Saner kehrt auf den Bau zurück, isoliert Flachdächer. Die Ausbildung zum Kranführer absolviert er, weil ihn ein
Bauführer dazu ermuntert.

GENIESSEN. Im September will Unia-Mitglied Saner in die wohlverdiente Pension gehen, die er bereits mit sechzig an­treten kann, dank dem 2002 auf Druck der Gewerkschaften eingeführten und 2018 erfolgreich verteidigten flexiblen Altersrücktritt (FAR). Dann wird mehr Zeit bleiben für das, was er am liebsten macht: «Fischen und in die Berge rauf zum Wandern.» Er wohnt zusammen mit seiner Frau und einem erwachsenen Kind in Zihlschlacht TG. Das zweite Kind ist bereits ausgeflogen. «Geniessen heisst für mich vor allem, rund ums Haus etwas zu machen.»

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