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Skilehrerin Ladina Malär: «Der Lawine ist es egal, dass ich den Fachausweis habe»

Jonas Komposch

Kindergärtnerin Ladina Malär ist passionierte Ski­fahrerin und Berglerin. Und hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Gerade deshalb muss sie sich oft erklären.

AUFGESTELLT. Skilehrerin Ladina Malär (28) hat ein Wundermittel gegen Kindertränen. (Fotos: Nicolas Zonvi)

Weihnachtszeit und frühmorgendlicher Grossandrang an der Postautostation am Bahnhof Chur GR: «Khul, miar gön uf d Heid!» frohlockt ein Bündner Bub mit ­Miniski unterm Arm. Und auch ein Meitli aus dem Unterland jauchzt: «Endli wieder i d Lenzi!» Dann fährt er los, der proppenvolle Bus, auf die Lenzerheide, wo sich eines der grössten Wintersportgebiete der Schweiz erstreckt und wo Ladina Malär (28) bereits alle Hände voll zu tun hat. Denn die Skilehrerin beginnt ihren Arbeitstag nicht erst um neun auf der Piste, sondern um sechs im elterlichen Stall. Dort füttert und umsorgt sie jeden Morgen ihre Geissen, Hühner, vier Esel sowie den Berner Sennenhund Fidel. Neben ihrem Kräutergarten sind die Tiere Malärs grosse Leidenschaft: «Schon als Kind liebte ich nichts mehr, als in den Stall zu gehen.»

Viel Zeit bleibt ihr für die Tiere allerdings nicht. Denn bei der Schneesportschule Lenzerheide-Valbella leitet Malär den gesamten Kinderunterricht und trägt die Verantwortung für das «Kinderland». Diesen Anfängerhang für die Jüngsten gilt es jeden Morgen aufs neue herzurichten: Fahnen montieren, Hindernisse aufstellen und die Kolleginnen und Kollegen instruieren. Und wenn die Nacht Neuschnee bringt, muss Malär auch noch zur Schaufel greifen und den «Zauberteppich» – den Förderbandskilift – freilegen. Eine «khoga Büaz» sei das schon, sagt Malär, doch: «Mit Teamarbeit läuft das wie am Schnürchen.»

PÄDAGOGINNENKNIFFS. Punkt neun Uhr treffen dann die ersten Kinderscharen ein. Pro Sammelplatz sind es gut und gerne 60 Kinder – hinzu kommen Eltern und andere Begleiter. Jetzt kommt es ganz auf Malär an. Als Skilehrerin mit der zweithöchsten Branchenausbildung obliegt es nämlich ihr, das Können der Kinder zu beurteilen und sie in die entsprechenden Gruppen einzuteilen. Deshalb richten sich jeweils unzählige grosse Kinderaugen gespannt auf die Frau im roten Tenue. Schliesslich ist die Gruppenzuteilung für die Kleinen ein ungewohnter Moment. Malär: «Er bedeutet immer auch eine Trennung von den Eltern.» Für manche Kinder kein Leichtes. Doch als studierte Kindergärtnerin und Skilehrerin in der neunten Saison kennt Malär eine Reihe pädagogischer Kniffs. Und wenn ein Knirps sich einmal so richtig scheut, nimmt die Pädagogin ihren «Snowli» hervor, das plüschige Skischul-Maskottchen, das Wunder bewirkt. So sind die Abschiedstränen bald ausgeweint, und los geht’s auf die Piste.

IM PULVERSCHNEE DAHEIM: Mit dem Maskottchen Snowli schafft es Skilehrerin Ladina Malär, auch ängstlichere Kinder für den Schneesport zu begeistern.

ELTERN-EHRGEIZ. Aber ist die Arbeit im Kinderland auf Dauer nicht strapazierend? Malär winkt ab. «Ich habe ja auch Skitourengruppen oder den Privatgast, der seinen Carving-Stil verfeinern will.» Die passionierte Skiexpertin strahlt: «Es ist diese Vielfalt, die meinen Beruf so spannend macht.» Hinzu kommen die täglich neuen Herausforderungen. Etwa, wenn ein pubertierender Skimuffel mit seiner Unlust die ganze Gruppendynamik belastet. Was tun? «Den Miesepeter mit Natur­erlebnissen begeistern», weiss Malär, «dann hast du die ganze Gruppe im Sack!» Oder wenn überehrgeizige Eltern viel zu hohe Leistungserwartungen an ihren Nachwuchs haben. Dann muss Malär standhaft bleiben. «Man darf sich nie unter Druck setzen lassen!» Vielmehr gelte es das Niveau Schritt für Schritt zu steigern. Denn an erster Stelle komme der Spass, und ausserdem stehe sie in der Sorgfaltspflicht. So auch bei Skitouren abseits der Piste: «Natürlich sind Gäste bei Pulververhältnissen oft übermotiviert.» Doch liege es allein an ihr, Faktoren wie Wetter, Schneeverhältnisse oder die Verfassung der Gäste genau zu prüfen. Und zu beurteilen: «Gehen oder nicht?» Malär ist dazu nicht nur verpflichtet, sondern mit einer eidgenössischen Berufsprüfung auch qualifiziert. Doch die Lagebeurteilung braucht immer ihre volle Konzentration, denn: «Der Lawine ist es egal, dass ich den Fachausweis habe.»

TRAUMBERUF. Malär zählt sich zu den Glücklichen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Doch oft hört sie leidige Frage wie: «Ladina, wann machst du mal etwas Richtiges?» Oder: «Mit deinem Einkommen kannst du ja nie in die Ferien!» Dann muss Malär erklären. Etwa, dass der Schneeschulsport und die Pädagogik durchaus «was Richtiges» sind und dass für beides längst ausdifferenzierte und professionelle Ausbildungsmöglichkeiten bestehen. Oder dass der Lohn je nach Qualifikation ganz ansehnlich ist. «Und überhaupt», sagt Malär und spienzelt zum glitzernden Pulverhang am Stätzerhorn: «Ich arbeite lieber jeden Tag in der schönsten Natur, als ständig in einem Büro zu sitzen, um dann einmal im Jahr auf irgendeine Insel zu jetten.»

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