Ken Loachs Film «Sorry we missed you»:

Ein selbständiger Sklave

Christian Egg

Uber lässt grüssen: Familienvater Ricky Turner versucht sich als (schein)selbständiger Päckli­fahrer. Und fährt geradewegs ins Verderben.

KRISE: Vater Rickys Job als (Schein-)Selbständiger bringt ihn und seine Familie immer mehr unter Druck. (Foto: ZVG)

Von Beginn weg ahnen wir: Das kommt nicht gut. «Du arbeitest nicht für uns, du arbeitest mit uns», heisst es in der ersten Szene des neuen Films von Ken Loach. Der Mittvierziger Ricky bekommt es von seinem neuen Chef zu hören. Bisher hat Ricky vor allem auf dem Bau gearbeitet, hier und da, «von einem Scheissjob zum anderen». Jetzt will er sich selbständig machen, als Päcklifahrer für einen Kurierdienst. Der Chef gibt den Tarif durch: «Du bist jetzt Herr deines Schicksals. Das trennt die Verlierer von den Kriegern.»

Klingt vertraut? Genau: Auch der Dumping-Taxidienst Uber (siehe Text oben) wirbt mit dem Slogan «Sei dein eigener Chef» Fahrer an. Die sind selbständige «Partner». Genauso beim Päcklidienst DPD. Der stellt zwar in der Schweiz täglich 75 000 Pakete zu, hat aber keinen ein­zigen Fahrer angestellt.

Die einst stolze ­britische Arbeiterschicht findet keine anständigen

FAMILIENLEBEN PER HANDY

«Partner» ist Ricky auch bald. Zuerst muss er aber seinen eigenen Lieferwagen haben. Für die 1000 Pfund Anzahlung muss seine Frau Abby ihr Auto verkaufen. Sie arbeitet als Spitex-Pflegerin, auf Abruf. Jetzt muss sie per Bus von Termin zu Termin und braucht dafür viel mehr Zeit. Deshalb bekommen die Kinder nach der Schule nur noch einen Handyanruf: Das Essen ist in der Mikrowelle. Und mach deine Hausaufgaben. Als der pubertierende Sohn auf die schiefe Bahn gerät, kann Ricky nicht freinehmen. Die 100 Pfund Strafe pro Tag kann er sich nicht leisten. Das Drama nimmt seinen Lauf.

«Sorry We Missed You» heisst der Film. Das steht auf den Zetteln, die Ricky in den Briefkastenschlitz schiebt, wenn eine Kundin nicht zu Hause ist. Es steht auch für die Familie, die sich immer mehr verpasst. Und es steht für die einst stolze britische Arbeiterklasse, die keine anständigen Jobs mehr findet. Die Rechtsregierung von Boris Johnson rühmt sich, sie habe die Arbeitslosenzahlen gesenkt. Aber die Statistik zeigt: Die Mehrheit der neu geschaffenen Jobs sind Scheinselbständige wie Ricky.

Oder wie der britische DPD-Fahrer Don Lane, der letztes Jahr an Diabetes starb. Er war nicht zum Arzt gegangen, weil er sich die 150 Pfund Busse für eine verpasste Tour nicht leisten konnte.

Sorry We Missed You von Ken Loach läuft zurzeit in den Kinos.


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