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Filialleiterin Francesca Prodorutti: «Ich mache Menschen glücklich»

Astrid Tomczak-Plewka

Francesca Prodorutti (34) ist täglich umgeben von Baggern, Bauklötzen und Bäbi – als Filialleiterin der «Spielkiste» Basel. Damit führt sie eine Familientradition weiter.

FÜHR STRAHLENDE GESICHTER: Francesca Prodorutti kennt sich aus mit Kinderträumen. (Fotos: Stefan Bohrer)

«Für mich ist Spielzeug die schönste Branche im Detailhandel», sagt Francesca Prodorutti. «Du kannst spielen. Du siehst Kinder aufwachsen. Du machst Menschen glücklich.» Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrem Job erzählt. Wobei «Job» nicht ganz zutreffend ist. Es ist eine Passion, die der 34jährigen sozusagen in die Wiege gelegt wurde. Ihre Mutter führte ein Spielwarengeschäft in Pratteln. «Unsere Wohnung war im gleichen Haus, ich bin praktisch im Laden aufgewachsen», erzählt sie. Und doch: Francesca schlug zunächst einen anderen Weg ein. Sie machte eine Lehre als Tierarztassistentin, arbeitete danach rund anderthalb Jahre im Beruf. «Das habe ich sehr gerne gemacht. Aber ich habe keine Zukunft, keine Weiterbildungsmöglichkeiten gesehen.» Also nahm die junge Frau ein halbes Jahr Auszeit, ging nach Indien, arbeitete dort zunächst bei einer Tierschutzorganisation und reiste dann durchs Land. Zurück in der Schweiz, suchte sie einen Job.

Ihre Mutter brauchte eine Arbeitskraft, also stieg Francesca ins mütterliche Geschäft ein. Schon nach kurzer Zeit erhielt sie vom Spielwarenfachverband die ­Anfrage, überbetriebliche Kurse zu unterrichten. Um das zu tun, wollte sie die Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau nachholen – und zwar im Schnellzugstempo, wie es ihrem Temperament entspricht («Ich habe Pfeffer im Hintern»): Normalerweise dauert die verkürzte Lehre für Erwachsene mit einer abgeschlossenen Berufslehre zwei Jahre. Francesca Prodorutti erhielt nach hartnäckigen Verhandlungen vom Amt für Berufsbildung die Erlaubnis, direkt ins zweite Lehrjahr einzusteigen.

PERFEKTES TIMING. Im Jahr 2015 schloss sie also ihre zweite Lehre ab, arbeitete Hand in Hand mit ihrer Mutter. «Es war eine sehr intensive, aber gute Zeit», sagt sie. «Wir stehen uns sehr nahe, mussten aber lernen, Berufliches und Privates zu trennen.» Und da war die Frage, ob Francesca den Laden übernehmen würde. Kein einfacher Entscheid, aber für Francesca Prodorutti war schnell klar, dass sie nicht in die Fussstapfen ihrer Mutter und ihrer Grosseltern, die das Geschäft begründet hatten, treten würde. «Einerseits wollte ich mich beruflich nicht so binden», sagt sie. «Ich wollte mir die Freiheit behalten, vielleicht noch mal ins Ausland zu gehen.» Andererseits hatte das Geschäft auch eine Grösse, die nicht alleine zu managen war. «Ich hätte einen Partner gebraucht, hatte aber niemanden vor Augen.» Als die Pensionierung ihrer Mutter näher rückte, nahm Prodorutti mit den Besitzern des Spielwarenunternehmens «Spielkiste» der baselländischen Familie Lutz Kontakt auf, damit ihre Stiftin das letzte Lehrjahr dort absolvieren konnte. «Es war mir wichtig, dass sie in einem Geschäft arbeiten kann, das nicht im Ausverkauf ist.» Und wieder war das Timing perfekt: Die «Spielkiste» hatte nicht nur einen Platz für die Stiftin, sondern auch für ihre Vorgesetzte.

TEDDY ODER BAGGER? Francesca Prodorutti und ihr Team helfen gross und klein, das passende Gschänkli zu finden.

SCHWEIZR HANDARBEIT. «Im ­April 2016 habe ich als Stellvertreterin angefangen, im Mai war ich schon Leiterin», erzählt Prodorutti. Seitdem führt sie ein neunköpfiges Team samt Lernenden und ist täglich «an der Front», wie sie sagt. Sie schwärmt von ihrem mehrsprachigen Team, «alle sind mit Leidenschaft dabei und haben Spass bei der Arbeit», sagt sie. Egal, ob Schulkinder ausgiebig überlegen, wie sie ihr Taschengeld investieren könnten, oder ob es darum geht, frischgebackenen Eltern bei der Suche nach dem ersten Spielzeug für ihren Nachwuchs behilflich zu sein: Prodorutti und ihre Kolleginnen und Kollegen haben für alle ein Lächeln und ein offenes Ohr. «Viele kommen in den Laden und haben keine Ahnung, was sie eigentlich wollen. Wenn sie dann glücklich wieder rausgehen, ist das das schönste Geschenk», sagt sie. Erst kürzlich hat einer ihrer Mitarbeiter einem Mann bei der Suche nach dem perfekten Göttigeschenk geholfen. Mit einem traditionellen Bauernhof aus Holz, «Made in Switzerland», verliess der Mann das Geschäft – und landete damit offenbar einen Volltreffer: Am nächsten Tag bedankte er sich nochmals per Mail für die gute Beratung.

Natürlich sind Massenprodukte à la Disney in der Spielkiste erhältlich. «Aber wir haben auch echte Schweizer Handarbeit im Sortiment.» Die Konkurrenz durch den Onlinehandel sei zwar spürbar, aber gerade in ihrer Branche spiele Vertrauen eine grosse Rolle. «Die Leute wollen sicher sein, dass das Spielzeug sicher und schadstofffrei ist. Das garantieren wir.» Und aller Konkurrenz durch Smartphones und Internet zum Trotz: auch so traditionelles Spielzeug wie Plüschtiere, Bauklötze und Brettspiele haben die Zeit überdauert.

Nächstes Jahr wird Prodorutti ihre Weiterbildung als Detailhandelsspezialistin abschliessen. Und dann erwartet sie die nächste Herausforderung: Da sich die Gründergeneration der «Spielkiste» zurückzieht, wird Francesca Prodorutti die Verkaufsleitung aller elf Filialen übernehmen. Sie hat schon ein paar Ideen, wie sie den 1984 gegründeten Familienbetrieb, der seit 2012 durch den Sohn der Gründerfamilie geleitet wird, bei der aktuellen Modernisierung unterstützen könnte. Aber: «Ich werde die ‹Spielkiste› nicht auf den Kopf stellen», sagt sie lachend. Schliesslich gibt es kaum einen anderen Ort, an dem sie ihre Kindheit in die Gegenwart retten könnte: Sie hat sich die Leidenschaft fürs Spielen, fürs Entdecken und eine gewisse kindliche Ungeduld bewahrt.


Francesca Prodorutti Reisende mit Herz für Tiere

Francesca Prodorutti lebt mit ihrem Mann – einem Revisor und Fachhochschul­dozenten – Hund Ginny und Katze Yom-Yom in Pratteln BL. Tiere liegen ihr sehr am Herzen, deshalb stammen beide Vierbeiner aus dem Tierheim.

WANDERN. «Wir arbeiten beide viel», sagt die 34jährige. «Für Hobbies bleibt nicht viel Zeit.» Am liebsten erholt sie sich auf ausgedehnten Wanderungen mit Mann, Hund und Freunden. Ausserdem geht das Paar gerne auf Reisen. «Wir haben zu Hause eine Weltkarte. Dort markieren wir alle Orte, die wir besucht haben.» Ihr Ziel: keine weissen ­Flecken mehr auf der Karte. Zuletzt waren sie mehrere Wochen auf Madagaskar.

FAIR. Francesca Prodorutti ist nicht gewerkschaftlich engagiert, setzt sich aber sehr für den Berufsnachwuchs ein: «Ich bin immer für die Lehrlinge da. Das ist mein soziales Engagement.» Die Anstellungsbedingungen in der «Spielkiste» seien sehr fair und spiegeln die Grundsätze der Gründerfamilie, nie jemanden aus wirtschaftlichen Gründen zu entlassen. Das Lohnniveau in der «Spielkiste» liege deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn. Zudem seien 5 Wochen Ferien Standard.

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