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Detailhandel: Kein Privatleben, Geldsorgen und doofe Kommentare

Christian Egg

Ein neues Buch zeigt den ungeschminkten Alltag von Verkäuferinnen und ­Verkäufern.

SCHWERE LAST: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Beschäftigten im Detailhandel um 25 300 zurückge­gangen. Für die, die bleiben, steigt der Stress. (Foto: Keystone)

Zum Beispiel Pinar Arslan. Die 26jährige ist Verkäuferin in einem Kleiderladen. Daneben macht sie eine kaufmännische Ausbildung. Die Hausaufgaben für die Schule macht sie am Sonntag. Unter der Woche steht sie oft früh auf, um noch vor Arbeitsbeginn zu lernen. Sie habe eigentlich «kein Privatleben», sagt sie: «Also, ich habe nicht einmal für meine Freunde, meine Familie richtig Zeit, weil ich so kaputt bin von dieser Woche. Ich bin so kaputt, dass ich am Samstag nach Hause gehe, um zu schlafen.»

UNVERSCHÄMTE KUNDSCHAFT

Pinar Arslan, die in Wirklichkeit anders heisst, ist eine von 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Detailhandel, die im neuen Buch «Damit der Laden läuft» zu Wort kommen. Forscherinnen und Forscher der Uni Bern haben sie 2016 und 2018 für zwei Studien befragt (work berichtete: rebrand.ly/detailhandel1 und rebrand.ly/detailhandel2). Die Historikerin Elisabeth Joris und die Juristin Rita Schmid haben die Ergebnisse jetzt als 112seitiges Buch herausgegeben. Ungeschminkte Zitate der Mitarbeitenden machen das Buch lesenswert. Etwa zu flexibilisierten Arbeitszeiten, unverschämter Kundschaft oder Geldsorgen.

Die hat auch Pinar Arslan. Mit ihrer 70-Prozent-Anstellung verdient sie zwischen 2300 und 2400 Franken im Monat. Davon muss sie ihre Ausbildung bezahlen. Sie wohnt zusammen mit ihrem Bruder noch bei ihren Eltern – für eine eigene Wohnung reicht das Geld nicht. Denn mit ihrem mageren Einkommen sollte sie auch noch den Bruder unterstützen, der studiert. Und die Mutter: «Dann bleibt mir echt nichts mehr übrig. Meine Mutter bezieht seit längerem IV. Aber jetzt haben sie ihr die IV gerade wieder weggenommen. Aus diesem Grund müssen wir im Moment aufs Sozialamt.»

«Wir müssen im Moment aufs ­Sozialamt.»

STRESS PUR

Die Modekette sei «eigentlich der letzte Laden gewesen, bei dem ich mich bewerben wollte», sagt ­Pinar Arslan weiter. Nach der Schule wollte sie Kleinkinderzieherin werden: «Dort hineinzukommen ist mega schwer gewesen. Ich habe sogar beinahe eine Lehrstelle gekriegt. Zuerst haben sie Nein, dann wieder Ja gesagt. Dann hatte ich aber schon im Kleiderladen angefangen. Da habe ich gesagt: ‹Nein, ich habe jetzt schon einen Job›, und das ist mein grösster Fehler gewesen.» Inzwischen arbeitet sie schon acht Jahre in dem Kleiderladen. Einmal hat sie sich im Unternehmen für eine Lehrstelle beworben. Die Firma hat sie abgelehnt, weil sie beim Einstufungstest zu schlecht abschnitt.

Das Buch macht auch deutlich: Der Detailhandel ist eine der Branchen, die am direktesten von der Digitalisierung betroffen sind. Sie leidet unter der Konkurrenz durch den Onlinehandel. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Beschäftigten um 25’300 zurückgegangen. Für die, die bleiben, steigt der Stress. Und er wird noch verschärft durch die Self-Scanning-Kassen. Verkäuferinnen und Verkäufer müssen bis zu acht solche Kassen überwachen. Dazu sagt eine Fachfrau Detailhandel im Buch: «Für eine Person alleine ist das eigentlich nicht machbar.» Zudem sei die Kundschaft bei den Self-Scanning-Kassen oft besonders respektlos, wie eine andere Kassierin berichtet: «Ja, doofe Kommentare kommen vor: ­‹Warum stehst du hier rum, für was wirst du überhaupt noch gebraucht?› Oder: ‹Ich kann meine Kasse jetzt selber bedienen, geh zur Seite!›»

Damit der Laden läuft. Ein kritischer Blick in die scheinbar vertraute Welt des Detailhandels. Herausgegeben von ­Elisabeth Joris und Rita Schmid, Rotpunktverlag, 2019, CHF 15.–. Unia-Mitglieder können kostenlos ein Exemplar bestellen unter tertiaer@unia.ch.

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