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Wirtin Vanessa Villforth: «Rüpel schmeisse ich notfalls eigenhändig raus»

Jonas Komposch

Manchmal «spinnen alle» im ­«Tübli» zu Schwyz, der Bar mit den hohen Idealen und der kunterbunten Chefin.

JUNGE BEIZERIN. Vanessa Villforth (32) ist stolz auf ihre einmalige Wirtschaft (Fotos: Fabian Biasio)

Hoch über Schwyz wacht der Grosse Mythen. Wer den schroffen und pyramidenförmigen Berg an einem goldenen Herbsttag erklimmt, trifft nach erfolgtem ­Abstieg durstig wieder im Kantonshauptort ein. Und hat dort die Qual der Wahl. Denn das 15’000-Seelen-Städtchen besticht mit ­einer auffällig hohen Beizendichte. Eine alt­bewährte Option ist das «Tübli» von ­Vanessa Villforth: «Hier gehen die Leute schon seit über 100 Jahren ein und aus», sagt die 32jährige Wirtin und zeigt die Eröffnungsurkunde von anno 1898. Damals habe hier an der Schützenstrasse noch emsiges Treiben geherrscht, weiss die gebürtige Luzernerin, die sich für die Geschichte ihrer Bar begeistert. Sogar ein elektrisches Tram verkehrte entlang der einstigen Wirtschaft zur Taube. Viel später, in den 1980er Jahren, betrieben Villforths Eltern das Lokal. Zunächst aber nicht als Gasthaus, sondern als Kondom-Fachhandel. «Ein Riesenskandal» sei das gewesen im konservativen Kanton. Doch den Jüngeren gefiel es, und sie blieben nach dem Präservativkauf gleich noch für eine «Hülse», wie hier die Bier­flaschen mit Bügelverschluss heissen. So wurde das «Tübli» zum alternativen Treffpunkt und allmählich wieder zur Beiz.

OLDSCHOOL. Heute scheint der historische Stadtkern ziemlich ruhig. Zumindest tagsüber. Denn erst um fünf Uhr treffen die ersten Gäste im «Tübli» ein. Die durstigen Wandervögel vom Mythen? «Auch», sagt Villforth, «aber bei mir verkehren ganz unterschiedliche Leute.» Vom Bauern über den Baubüezer bis zum Banker komme alles zusammen, was gesellig sei. Und im Unterschied zu vielen anderen, «eher männerlastigen» Kneipen fühlten sich bei ihr auch Frauen wohl. Was sich am gut durchmischten Publikum zeige. «Dann wird es schnell lebendig», sagt die Wirtin. Besonders an Feiertagen wie dem «Güdelmäntig», der «Chloschterchilbi» oder dem «Grüene Donschtig». «Dann spinnen alle hier», strahlt die Wirtin.

WÄHRSCHAFTE BEIZ: Das «Tübli» in Schwyz bietet Bier, Hochprozentiges und eine weltoffene Atmosphäre.

RAUSSCHMISS. Und man glaubt es ihr sofort. Denn das «Tübli» ist kein schickes Cüplilokal oder eine hippe Coffeelounge, sondern eine währschafte Bar alten Stils. Massive Eichenholzhocker umgeben den stählernen Tresen, an dem noch geraucht und gepoltert werden darf. Und im schummrigen Licht glänzt einzig der silberne Zapfhahn. Angeschlossen sind dort fünf Offenbiere – darunter das «Eichhörnchen», eine dinkelhaltige Eigenkreation der Wirtin. Neben den offenen führt Villforth noch fast 70 weitere Flaschenbiere im Sortiment, dazu eine Selektion von bewährten Gin-, Whiskey- und Absinthsorten. Trotz der hochprozentigen Vielfalt und dem robusten Interieur sei ihre Bar keine rohe Trinkerhöhle, versichert die Gastgeberin: «Hier geht ein anderer Groove.» Das zeige sich etwa am Stammtisch: «Fremde werden hier von den Dauergästen eingeladen.» Auf diese weltoffene Atmosphäre sei sie schon stolz, sagt Villforth. Denn das entstehe nicht von alleine. Seit zehn Jahren ist sie nun schon Wirtin des Hauses. Und immer habe sie Werte wie Toleranz, Freundschaft und Solidarität hochgehalten. Das entspreche auch der Überzeugung des Publikums. Doch hin und wieder müsse sie schon den Tarif durchgeben: «Rüpel schmeisse ich notfalls eigenhändig raus», so die Gastronomin, in der ungeahnte Kräfte schlummern: Eine klemmende WC-Tür öffnet Villforth vor den Augen des Schreibenden mit einem derart wuchtigen Kick, dass sie fast aus den Angeln fliegt.

Doch meistens reiche eine klare ­Ansage, um sich durchzusetzen. Kaum erstaunlich bei Villforths ausgeprägten Beizerinneneigenschaften: Aufs Maul gefallen ist sie keineswegs, und eine laute Stimme hat sie auch. Ganz zu schweigen von ihrer freundlich-frohen Art. Gehört die «Tübli»-Wirtin also zur Lokalprominenz? Villforth schmunzelt: «Sicher, seitdem ich nur noch mit bunten Haaren rumlaufe.» Diese – gerade blau, mal rot, bald pink – kämen übrigens besonders bei älteren Damen gut an. «Die freut’s, dass heute möglich ist, was ­ihnen niemals erlaubt worden wäre.»

SOZI-CHEFIN. Früher hätte sich Villforth nie vorstellen können, so lange am gleichen Ort zu leben und zu arbeiten. Doch nun sei ihr das Wirten ans Herz gewachsen: «Für mich ist es mehr als eine Erwerbsarbeit, es ist schon fast ein soziales Engagement.» Denn mit ihrem «Tübli» verbinde sie unterschiedlichste Menschen und Kulturen. Und: Villforth, die sich als Freigeist und Anarchistin versteht, kann hier ihre Ideale umsetzen.

Zum Beispiel im Betriebsmanagement, bei dem ihre beiden angestellten Barkeeper Mitsprache- und Vetorecht haben. Die Schichtpläne legen das Personal und die Chefin, die keine sein will, gemeinsam fest. «Alles geschieht in basisdemokratischen Entscheiden!» beteuert die Arbeitgeberin. Und wie hält sie’s mit Gewerkschaften im Betrieb? «Ja, bitte!» sagt Villforth, die selbst nicht Mitglied ist. Aber erst kürzlich habe sich an der Bar eine junge Frau beschwert. «Wegen eines übergriffigen Vorgesetzten!» Villforth haut mit der Faust auf den Tisch, dass die Tassen springen: «Die habe ich direkt zur Unia geschickt!»


Vanessa Villforth Bastlerin

Vanessa Villforth (*1986) ist in Morschach SZ zur Schule gegangen und wollte nach einem Au-pair-Jahr in Freiburg eigentlich eine Malerinnenlehre absolvieren, doch sie fand keine Lehrstelle.Sie musste aufs RAV. Über das Amt suchte sie eine Arbeit auf dem Bau. Um «anzupacken». Doch das traute man ihr dort nicht zu und vermittelte ihr stattdessen «nur typische Frauenberufe». Als Hilfs­näherin musste sie in eine marode Bettenfabrik, als Reinigungsangestellte zu einer Privatfrau, die sich «wie eine Königin aufführte», und als Serviceangestellte in eine Spelunke, in der das «Fräulein» immer Minirock tragen musste. Mit zwanzig kam sie endlich ins «Tübli», wo sie heute als Wirtin rund 4000 Franken verdient.

KOSTÜMIERT. In ihrer Freizeit näht, bastelt und bemalt Villforth Kostüme. Verkleidet und mit anderen «Cosplay-Nerds» fährt sie an internationale Fantasy-Conventions, wo sie etwa als «Zelda», die berühmte Nintendo-Figur, auftritt. Oder als «Princess Bubble Gum» aus der US-amerikanischen Zeichentrickserie Adventure Time.

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