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Materialwart Brian Darnell: Der höfliche Engländer

Sina Bühler

Arbeiterinnen und Arbeiter sollten immer ihre Meinung sagen können – im richtigen Ton.

ENGAGIERT. Brian Darnell vertritt die Arbeitnehmenden der Pharmafirma Janssen. (Fotos: Michael Schoch)

Es riecht süss und gar nicht schlecht, als Brian Darnell auf den dicken elektrischen Türknopf drückt und die Schiebetür surrend zur Seite gleitet. Er meint, wir hätten Glück mit dem, was gerade hergestellt werde: «Das sind Glykolide. Damit werden chirurgische Fäden beschichtet, die sich im Körper auflösen.»

Brian Darnell (59) ist Materialwart in der Abteilung «Chemical Operations» bei Janssen in Schaffhausen, wo sie chemische Wirkstoffe für den medizinischen Gebrauch herstellen. Janssen ist eine der grössten Firmen in der Schweizer Pharmaindustrie. Sie gehört zum US-amerikanischen Konzern Johnson & Johnson.

Darnell ist für die Arbeitsorganisation der Abteilung verantwortlich. Er sorgt dafür, dass vor der Schicht alles bereitliegt, die Maschinen und Geräte gereinigt sind, das Material bestellt ist.

Die Wirkstoffproduktion findet auf fünf Stockwerken statt, von oben nach unten. Zuoberst kommen die Zutaten in die Reaktoren, wo sie auf dem Weg nach unten wieder getrennt, kristallisiert, geschleudert, getrocknet und dann abgefüllt werden. Janssen produziert im Schichtbetrieb. Auch Darnell arbeitet in der Früh-, Spät- oder Nachtschicht, zuweilen auch am Wochenende.

LOKAL UND INTERNATIONAL. Der gebürtige Engländer hat noch eine zweite Aufgabe im Betrieb: Für seine Arbeit als Präsident der Betriebskommission (BK) steht ihm ein Pensum von 20 Prozent zur Verfügung. Erst vor wenigen Wochen hat er das Amt übernommen, und im Moment räumt er gerade das Büro neu ein. Oder vielmehr: Er räumt es so ein, wie es früher war. Denn das Amt ist ihm nicht neu. Er hat es bereits 14 Jahre ausgeübt, bis er sich entschied, es wieder abzugeben.

Doch die Firma Janssen hat in den vergangenen Monaten eine ganze Abteilung verkauft. Und damit verlor die BK zwei Vorstandsmitglieder und zusätzlich den Präsidenten. Deshalb sprang Brian Darnell kurzfristig wieder ein, denn es gebe Dringendes zu tun. Beispielsweise in der optischen Kontrolle von sterilen Spritzen und Phiolen. Die Mitarbeitenden, die dieses Material mit blossem Auge auf Fremdpartikeln kontrollieren, arbeiten schon seit Monaten sechs Tage die Woche in drei Schichten. Darnell sagt: «Die Ruhezeit wird ganz knapp eingehalten, aber es ist ein Rhythmus, der auf Dauer nicht auszuhalten ist.» Nachdem die BK und die Unia wiederholt Druck gemacht hatten, wurden acht zusätzliche Kontrolleurinnen angestellt. Die Situation habe sich ein wenig entspannt.

Neben seinem Einsatz in der lokalen Arbeitnehmendenvertretung ist Brian Darnell auch im Europäischen Betriebsrat von Johnson & Johnson. Eine Aufgabe, die immer wichtiger wird, weil der Konzern nach und nach über 20 Einzelfirmen in der Schweiz aufgekauft hat. «Den Zugang untereinander haben wir erst in der europäischen Vertretung gefunden. Letztes Jahr habe ich ein grosses nationales Treffen in Schaffhausen organisiert», erzählt Darnell. Der Konzern würde gerne die Arbeitsbedingungen in der Schweiz vereinheitlichen. Darnell hat das Ziel, dass dies auf der Basis des Einheitsvertrages geschehe, den Janssen mit der Unia abgeschlossen hat, des einzigen Gesamtarbeitsvertrags in einem Schweizer Johnson & Johnson-Betrieb.

MODERNE HEXENKÜCHE: Die Firma Janssen produziert chemische Wirkstoffe für den medizinischen Gebrauch. Materialwart Brian Darnell sorgt dafür, dass alle Zutaten in der richtigen Menge vorhanden sind.

JUNG UND MUTIG. Sein bester Trick als Vertreter der Arbeiterinnen und Arbeiter? «Höflichkeit», sagt er, ganz der Engländer: «Es ist wichtig, dass auf die Mitarbeitenden gehört wird. Wir haben ein Recht, unsere Meinung zu sagen. Solange wir das höflich, korrekt und freundlich tun, ist es kein Problem, selbst wenn wir viel fordern.» Einen ersten Versuch mit Forderungen startete er in England, als er als 17jähriger Lehrling in die Personalvertretung eintrat. «Bei meiner ersten Sitzung fragte ich den Personalchef, ob auch Arbeiter in die freiwillige Pensionskasse des Betriebs eintreten dürften. Das war damals dem Management vorbehalten. Der Mann sagte: «Nein, im Management sind die besseren Mitarbeiter.»

Man könne sich leicht vorstellen, wie seine Kollegen, die muskulösen Schweisser, diesen Anzugträger angefahren hätten, ihm vorschlugen, mal zur Abwechslung an ihrem Posten zu stehen, erinnert sich Darnell. Ob die Pensionskasse danach allen offenstand, weiss er nicht mehr. Kurze Zeit später habe Premierministerin Margaret Thatcher ohnehin das Pensionskassenobligatorium eingeführt, «das einzig Gute, was sie je getan hat».

In sechs Jahren wird das Thema Pension auch für Brian Darnell aktuell. Geht er danach zurück nach England? «Auf keinen Fall», sagt der eingebürgerte Schweizer. Er habe sich sogar überlegt, seinen britischen Pass abzugeben, «denn was brauche ich zwei Nicht-EU-Pässe?».


Brain Darnell Europäer

Brian Darnell (*1959) ist in England aufgewachsen. Er machte eine Lehre als Werkzeugmacher. In den Ferien auf Gran Canaria lernte er seine Schweizer Frau kennen. Nach fünf gemeinsamen Jahren in England zogen sie 1986 mit ihrem Sohn nach Diessenhofen TG, wo die zwei Töchter geboren wurden.

ENGAGIERT. Acht Jahre lang arbeitete er bei der Nähmaschinenherstellerin Bernina in Steckborn TG in der Qualitätskontrolle. Er war Mitglied in der Personalvertretung. Als er merkte, dass die Firma Monat für Monat Leute entliess, suchte er einen neuen Job. 1997 begann er bei der Pharmaproduzentin Cilag, heute Janssen, in Schaffhausen in der Produktion. Brian Darnell ist Präsident der Janssen-Betriebskommission (BK) und Mitglied im europäischen Betriebsrat. Er war früher Mitglied im Smuv und in der GBI und ist heute bei der Unia. Brian Darnell lebt in Schaffhausen und verdient etwa 7400 Franken im Monat, je nach Schichtzulage.

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