Hehlerei fürs Imperium

Heidiland & die Kolonien

Oliver Fahrni

Die Schweiz hatte nie Kolonien. Woher kommt dann unser Wohlstand? Von den Kolonien. Wie jetzt?

SKLAVENHÄNDLER: Christoph Burckhardt, Basel. (Foto: ZVG)

Die Schweizer Sklavenschiffe «Pays de Vaud», «Ville de Lausanne» und «Helvétie» operierten von Marseille aus. Sie gehörten einer Waadtländer Firma und schafften die Sklaven aus der portugiesischen Kolonie Moçambique über den Atlantik. Auf dem Rückweg nahmen die Schiffe die Produkte der Kolonie, etwa Kaffee und Textilien, mit. Dieses Dreieck der Sklavenwirtschaft zwischen Europa, Afrika und Amerika hat dem europäischen Kapitalismus zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert einen mächtigen Schub verliehen und die ökonomischen Grundlagen der Industrialisierung geschaffen. Die wiederum Europas Aufstieg zur Weltmacht einleitete.

Auch das Basler Handelshaus Burckhardt verdiente mit eigenen Schiffen gut an der Sklaverei. Aber Sklavenhandel war mühsam, und manchmal starb bei den erbärmlichen Bedingungen im Bauch der Kähne die halbe menschliche Fracht. Also verlegte man sich auf die ­Finanzierung der Sklaverei und diverse Dienstleistungen. Rund 20 Schweizer Banken versorgten Sklavenhändler in den französischen Städten Nantes und Le Havre, in Holland und Grossbritannien mit Kapital. Praktisch war, dass die Banken gleichzeitig auf den Antillen und bis ins ferne Indonesien an Sklaverei-Plantagen beteiligt waren. Ebenfalls verlegte man sich auf den Handel mit manchen Produkten wie Textilien aus Westindien, die Grundlage für die Schweizer Textilindustrie. Und die Webstühle konnten gleich auch noch geliefert werden, dar­auf wuchs die Maschinenindustrie.

Die Schweiz verdiente und verdient an der Ausbeutung.

SCHWEIZER TRUPPEN

Andere Schweizer verlegten sich auf die besondere Dienstleistung, Sklavenaufstände niederzuschlagen oder die Sklaverei erneut zu erzwingen, wo sich die Sklaven, wie in Haiti, befreit hatten. Und bei fast allen kolonialen Eroberungen in Afrika und Asien waren Schweizer Truppen dabei. Etwa im Auftrag der niederländischen Ostindien-Kompanie, eines der grössten Handelsunternehmen im 17. und 18. Jahrhundert, in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Ihre Kommandeure trugen klingende Namen des hiesigen Soldadels wie de Meuron oder von Wattenwyl.

Die Schweiz besass nie Kolonien, von einer Privatkolonie bei Sétif in Algerien abgesehen. Wir schreiben unseren Wohlstand gerne dem eigenen Fleiss zu. In Wahrheit ist er zuerst der Söldnerei, dann der Sklaverei und schliesslich der Hehlerei des kolonialen Raubgutes geschuldet. Etwa des Goldes aus Südafrika, als das Land wegen der Apartheid einem UN-Boykott unterlag. Nebenbei hat die Waffenschmiede Oerlikon-Bührle dem Regime auch noch illegal Waffen geliefert. Und Christoph Blocher hat für die weissen Rassisten lobbyiert.

Im Kolonialismus, so formuliert es der Historiker Bernhard Schär, wurde die Schweiz, was sie heute ist: «eine multi-imperiale Dienstleistungszone». Hier sitzen die grossen Rohstoffhandelskonzerne wie Glencore, Trafigura und Cargill. Der global führende Lebensmittelkonzern Nestlé. Pharma- und Agrochemieriesen (Roche, Novartis, Syngenta). Genf ist der wichtigste Handelsplatz für Erdöl (Vitol, Gunvor usw.). Riesige, weltumspannende Handels- und Logistikunternehmen dirigieren aus der Schweiz globale Warenströme. Hier wird in Teppichetagen über Gedeih und Verderben von Milliarden Menschen im Süden entschieden.


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