Das Erbe der afroameri­kanischen Schriftstellerin Toni Morrison

Hassrede ist Gewalt

Lotta Suter

Toni Morrison (1931 bis 2019) wusste, wie viel Schaden Hassprediger ­anrichten. Es gab sie schon vor Trump, den sozialen Medien oder der SVP. Heute ist das Werk der Nobelpreisträgerin aktueller denn je.

«Black is Beautiful»: Schwarz ist schön, war ein wichtiger politischer Slogan in den USA der 196Oer Jahre, auch für Toni Morrison. (Foto: Getty)

Toni Morrison hat immer an die Kraft der Sprache geglaubt, an ihre Möglichkeiten und ihre Gefahren. In ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises 1993 sagte sie fast schon prophetisch: «Eine ­Sprache der Unterdrückung stellt Gewalt nicht nur dar; sie ist Gewalt. Sie zeigt nicht nur die Grenzen des Wissens auf; sie begrenzt Wissen. Die verschleiernde Sprache des Staates und die gekünstelte Sprache gedankenloser Medien. Die stolze, aber verkalkte Sprache der akademischen Welt und die auf Gebrauchswert fixierte Sprache der Naturwissenschaften. Die zersetzende Sprache einer Justiz ohne Ethik und auch die Sprache, die eigens für die Ausgrenzung von Minderheiten gemacht ist und ihren rassistischen Plunder mit literarischem Augenzwinkern präsentiert. All diese Sprachen müssen zurückgewiesen, verändert und blossgestellt werden.»

Ein gewaltiges Programm. Toni Morrison würde das laut lachend zugestehen. Von Selbstmitleid und Panikmache will sie hingegen nichts wissen.

«Ich will nichts von eurem kleinen Leben wissen, okay.» So eröffnete Toni Morrison zuweilen ihre Schreibseminare an Universitäten. Das tönt harscher, als es ist. Die berühmte Schriftstellerin hat sich stets für das Leben anderer interessiert – aber nicht für deren Nabelschau. Auch ihre eigene Privatsphäre hat sie nie autobiographisch zum Thema gemacht, obwohl dieses Leben alles andere als klein war.

«Eine Sprache der Unterdrückung stellt Gewalt nicht nur dar; sie ist Gewalt.»

LESETOUR MIT MUHAMMAD ALI

Geboren wurde Toni mit Taufnamen Chloe Wofford in der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre. Als sie zwei Jahre alt war, zündete der Vermieter der schwarzen Arbeiterfamilie die Bude an, weil sie die Miete nicht bezahlen konnte. Morrison hätte auch über ihr Englischstudium an schwarzen und weissen Hochschulen berichten können. Über ihre Lektorinnentätigkeit beim renommierten Verlag Random House, die ihr eine neue literarische und politische Welt eröffnete. Über die Lesetour mit dem Ex-Boxer, Kriegsdienstverweigerer und Bürgerrechtsaktivisten Muhammad Ali. Über die Freundschaft mit der kämpferischen Philosophin Angela Davis. Ihre kurze Ehe und Scheidung hätten ein Memoirenthema abgegeben. Oder die harten Jahre als alleinerziehende und berufstätige Mutter in den 1960er Jahren.

Stattdessen erkundet Toni Morrison die Sprache und die Welt seit 1970 konsequent aus der Sicht von fiktiven schwarzen Frauen und Mädchen. Eine Minderheit, die in der US-Literatur bisher kaum und dann nur in einer passiven Opferrolle wahrgenommen worden ist. «Black is Beautiful», Schwarz ist schön, war ein wichtiger politischer Slogan in den USA der 1960er Jahre, auch für Toni Morrison. Doch sie geht in ihren Erzählungen historisch einen Schritt zurück. «Ich wollte wissen, wie etwas so Groteskes wie die Dämonisierung einer ganzen Rasse im empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Gesellschaft, in einem Kind, einem Mädchen, Wurzeln schlagen konnte», schrieb sie im Nachwort zu ihrem ersten Roman «Sehr blaue Augen».

Toni Morrisons meistgelesenes Buch «Menschenkind» stützt sich auf die reale Geschichte von Margret Garner, einer Sklavin des 19. Jahrhunderts, die ihre zweijährige Tochter tötet, als sie von Sklavenjägern auf der Flucht erwischt wird. Sie liebt ihr Kind und kann deshalb den Gedanken nicht ertragen, dass es ihr Sklavinnendasein teilen muss. Ein schrecklicher Konflikt, den Morrison in ihrem Roman nicht vereinfacht oder verharmlost, sondern scharf ausleuchtet und in mehrere Stimmen auffächert.

Sie wählt diese Art Schreiben, weil sie allen Menschen, auch unterdrückten und versklavten, ein kompliziertes, mehrdeutiges Innenleben einräumt. Und auch weil sie als Autorin keine neue Meistererzählung schaffen will. Sie liefert keine neue allgemeingültige Erklärung der Welt, sondern will der Grösse und Vielschichtigkeit unseres Lebens gerecht werden. Das ist eine künstlerische Haltung, aber auch eine klare politische Vision.

Toni Morrison: Allein­erziehende Mutter

Toni Morrison wurde 1931 als zweites von vier Kindern in eine schwarze Arbeiterfamilie der multikulturellen Industriestadt Lorain im US-Bundesstaat Ohio geboren. Ihr Taufname ist Chloe Ardelia Wofford. Toni ist die Kurzform des Heiligen, den die Zwölfjährige bei ihrer Konvertierung zum Katholizismus als Namenspatron wählte. Morrison ist der Name des jamaikanischen Architekten, mit dem sie von 1958 bis 1964 verheiratet war. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne, die die junge Mutter alleine grosszog, während sie als Lektorin beim Verlag Random House ­arbeitete.

SCHREIBKARRIERE. Ab den 1980er Jahren konzentrierte sich Morrison ganz aufs eigene Schreiben, daneben lehrte sie bis an ihr Lebensende regelmässig an Universitäten. Viele ihrer Romane sind ins Deutsche übersetzt worden. Darunter: «Sehr blaue Augen» (1979), «Menschenkind» (1989), «Jazz» (1993), «Paradies» (1999), «Gott, hilf dem Kind» (2017). Politisch aktuell ist ihr Essayband «Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur» (2018).

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