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Grafikerin Agnes Weber hat die Frauenstreik-Plakate gestaltet

Christian Egg

«Wir sehen euch.» Das war die unterschwellige Botschaft auf dem Frauenstreik-Plakat von 1991. Gestaltet hat es Agnes Weber (55). Von ihr stammt auch das aktuelle Streikplakat. Mit den drei Frauen, die «entschlossen, aber nicht verbissen» dreinschauen.

KNOCHENJOB. Agnes Weber sagt: «Grafik ist Handwerk, nicht Kunst». (Foto: Marco Zanoni)

Nein, die drei Frauen auf ihrem Plakat kenne sie nicht, sagt die Grafikerin Agnes Weber. Sie hat für den Gewerkschaftsbund SGB das Sujet für den Frauenstreik am 14. Juni entworfen: Drei Frauen mit verschränkten Armen, die uns fadegrad anschauen. Natürlich in Violett.

Weber sagt: «Genaugenommen gibt es die Frauen so gar nicht.» Und erlaubt work einen Blick in die Trickkiste der Grafikerin. Basis für das Plakat waren Fotos von Models aus Bilder-Datenbanken. Aber diese sind nur der Rohstoff. Dann nimmt sie zum Beispiel von der einen Frau den Kopf, von einer anderen den Torso und von der dritten die verschränkten Arme. Und setzt alles zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

STARKE FRAUEN. Das SGB-Plakat für den Frauenstreik 2019, gestaltet von Agnes Weber.

ES LÄNGT! Wichtig war Weber die emotionale Botschaft. Die Frauen sollten nicht verbissen oder frustriert wirken, aber entschlossen. Sie sagt: «Mit ihrem Blick und der Körperhaltung drücken die Frauen aus: ‹Hallo, da sind wir. Und jetzt längt’s, im Fall.›»

Etwa vierzig bis fünfzig Stunden Arbeit habe sie investiert, sagt Weber. Was aber normal sei. Am Computer zeigt die 55jährige eine Palette von rund 20 Entwürfen. Zusammen mit dem SGB hat sie dann einen ausgewählt und weiterverfolgt. Auch nachdem das Sujet bestimmt war, überarbeitete sie es mehrmals. Nicht selten gehe ein Plakat zehnmal zum Kunden und wieder zurück – bis beide Seiten wirklich zufrieden seien. Sie betont: «Ich bin Dienstleisterin. Grafik ist ein Handwerk, keine Kunst.»

Speziell sei dieser Auftrag schon gewesen, sagt Weber. Nicht nur, weil sie es «einfach super» findet, dass es wieder einen Frauenstreik gibt. Sondern auch, weil sie schon 1991, beim ersten Frauenstreik, das Plakat entworfen hatte. Das mit den Augen. «Ich wollte damit ausdrücken: Wir sehen euch.» Damals schrieb der SGB einen Wettbewerb aus, den die junge Grafikerin gewann, kurz nach Abschluss der Kunstgewerbeschule.

PLAKATIV. Zu der Zeit war noch mehr Handarbeit gefragt. Die vielen Augenpaare habe sie aus Modezeitschriften ausgeschnitten und «etwa hundertmal» kopiert, um sie zu verfremden. Wie beim aktuellen Plakat wollte sie nicht erkennbare Frauen zeigen, sagt sie. Damit nicht eine bestimmte Frau den Streik repräsentiert, sondern «ein Typ Frau, mit dem sich, so hoffe ich, viele identifizieren können».

HISTORISCH. Frauenstreik-Ikone Christiane Brunner hinter dem Streik-Sujet von 1991.

VORWÄRTS. Seit 30 Jahren arbeitet Weber als selbständige Grafikerin. Plakate macht sie am liebsten, weil sie dann grossflächig arbeiten kann, «eben plakativ». Sie designt aber auch Flyer, Broschüren und Websites. Derzeit arbeitet sie an etwa 20 Aufträgen parallel, «grad echli viel». Da gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und «den Terminplan gut im Gschpüri zu haben». Dann gebe es wieder Phasen mit wenig Aufträgen. Das brauche fast noch mehr Nerven, sagt sie. Zuzuschauen, wie das finanzielle Polster dahinschmilzt, und dabei das Vertrauen nicht zu verlieren. Aber bisher sei es immer gut gegangen.

Morgens ist sie etwa um zehn Uhr im Büro. Dafür arbeitet sie meist in den Abend hinein, normalerweise bis um acht. Aber wenn es gerade viel zu tun gibt, auch bis in die Nacht: Dann könne ein Arbeitstag auch mal 12 oder 14 Stunden lang sein. Und sehr oft ­arbeitet sie auch am Samstag. «Dafür mache ich zwischendurch einmal ­einen halben Tag frei, wenn nicht so viel läuft.»

Auch wenn sie als Selbständige nicht von Lohndiskriminierung betroffen sei, findet sie es «schlichtweg unglaublich, dass das mit der Lohngleichheit immer noch nicht klappt». Und dass nach wie vor viele Männer glauben, sie könnten Frauen sexuell belästigen.

Eine Zeitlang hatte sie den Eindruck, die jungen Frauen engagierten sich nicht mehr politisch. «Aber jetzt geht’s wieder vorwärts, das ist super.» Am 14. Juni wird sie deshalb «ziemlich sicher» auch auf die Strasse gehen. Und überlegt sich andere Formen des Protests. Weil Frauen nach wie vor rund einen Fünftel weniger verdienen als Männer, «könnte ich ja an dem Tag jedes fünfte Mail nicht beantworten und jedes fünfte Telefon nicht abnehmen.»


Agnes Weber Null bis Zehntausend

Agnes Weber (*1964) besuchte nach einer Lehre als Hochbauzeichnerin die Kunstgewerbeschule in Bern. Seither arbeitet sie als selbständige Grafikerin. An ihrem Beruf gefällt ihr die Vielfalt an Themen, die sie grafisch umsetzt – von Gleichstellung über Filme und Forschungs­projekte bis hin zu Drogenprävention. In ihrer Freizeit spielt sie Badminton.

POLSTER. Agnes Weber betreibt zusammen mit ihrem Lebens­partner, dem Texter Volker Wienecke, das Kommunikationsbüro Weber & Partner in Bern. Die Einnahmen der Firma schwanken extrem, je nach Auftragslage. Weber: «In manchen Monaten kommt gar nichts rein, dann wieder zehntausend Franken.» Die beiden versuchen, möglichst viel Geld in der Firma zu lassen – als Polster für flaue Zeiten.

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