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Gynäkologin Anna Andermatt: «Ich denke nie gleich ans Schlimmste»

Astrid Tomczak-Plewka

Sie setzt sich für die Gesundheit der Frauen ein – im Job und in der Politik: Anna Andermatt, angehende Gynäkologin, dreifache Mutter und ehemalige SP-Grossrätin im Kanton Aargau.

MIT DEM HERZEN DABEI. Anna Andermatt (36) ist eine bodenständige Optimistin. (Fotos: Michael Schoch)

Anna Andermatt lacht in die Kamera. Das Lachen fällt ihr leicht, der Blick in die Kamera weniger. «Ich werde nicht so gerne fotografiert», sagt sie. Dabei hatte sie in den letzten Jahren genügend Gelegenheit, sich an die Kameras zu gewöhnen. Von 2014 bis 2018 sass die angehende Gynäkologin für die SP im Aargauer Kantonsparlament, die junge Mutter stand damals weit hinten auf der Liste und hatte nicht mit der Wahl gerechnet – obwohl sie in einer politischen Familie aufgewachsen ist. «Schon im Kinderwagen wurden wir an Anti-AKW-Demos mitgenommen», erzählt sie. Politisch trat sie in die Fussstapfen ihrer Mutter, die während 14 Jahren Aargauer Grossrätin war. Ihr Vater wirkte zwar nicht direkt politisch, unterstützte aber Frau und Tochter tatkräftig. So plakatierte er, was das Zeug hielt, als seine Tochter kandidierte, und brachte ihr später während der Session jeweils ihr jüngstes Kind zum Stillen ins Parlamentsgebäude: Sie wurde während ihrer Amtszeit noch zwei Mal Mutter.

SPAGAT. Dass die Assistenzärztin sich überhaupt politisch engagieren konnte, verdankte sie ihrem damaligen Arbeitgeber, dem Kantonsspital Aarau. Sie konnte sich jeden Dienstag für die Grossratssitzungen ausklinken – keine Selbstverständlichkeit in ihrer Branche. Von Nachwuchskräften wird erwartet, praktisch rund um die Uhr verfügbar zu sein. Noch etwa zwei Jahre in Teilzeit braucht Anna Andermatt, um ihren Titel als Fachärztin zu erwerben, dabei muss sie Erfahrungen in Spitälern und kleineren Praxen sammeln. Seit Anfang Jahr arbeitet sie zwei Tage wöchentlich in der Frauenpraxis Regensdorf. Dieses Pensum liegt unter dem vorgeschriebenen Pflichtprogramm und wird ihr deshalb nicht zur Ausbildung angerechnet – «aber wenigstens bleibe ich am Ball». Im Sommer tritt sie eine 50-Prozent-Stelle im Spital Limmattal an und wird weiterhin einen Tag in Regensdorf arbeiten.

Nebst diesem Spagat zwischen Beruf und Familie bleibt ihr vorerst keine Zeit mehr für die Politik. Umso glücklicher ist sie, dass sie sich mit einem Herzensanliegen von der politischen Bühne verabschieden konnte: Das Kantonsparlament hat im August 2018 gegen den Willen der Kantonsregierung ihre Motion zur Brustkrebsvorsorge angenommen – künftig werden im Aargau alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zur Mammographie eingeladen. Anna Andermatt ist eine Frau, die zupacken kann und will. Eine, die keinen Wert auf Hierarchien legt, mit der Putzfrau und der Hebamme genauso auf Augenhöhe spricht wie mit der Chefärztin. Eine, die eher lachend als weinend durchs Leben geht. «Wenn ich eine schwangere Frau untersuche und die Herztöne ihres ungeborenen Kindes noch nicht höre, gehe ich nicht gleich vom Schlimmsten aus», sagt sie. «Ich denke dann, dass es vielleicht noch ein paar Tage zu früh sei.»

Vielleicht hat dieser bodenständige Optimismus mit ihrer Herkunft zu tun. Anna Andermatt ist auf dem Land aufgewachsen, in einem Weiler ausserhalb von Lengnau AG. Naturverbunden ist sie bis heute geblieben. Sie und ihr Mann – auch er ein Arzt – verbringen möglichst viel Zeit mit den Kindern Navin (6 Jahre alt), Anusha (4) und Keyan (1) in der Natur. Drei Kinder, Eltern mit anspruchsvollen Jobs – geht das? Ja, es geht, sagt Andermatt. Weil die Rahmenbedingungen stimmen: Die Kinder besuchen einmal wöchentlich die Kita, einmal hüten die Grosseltern, einmal kommt eine Tagesmutter. Hilfreich sei es auch, dass ihr Mann ebenfalls Familienverantwortung übernehme. «Er ist älter als ich und nicht mehr so erpicht darauf, gross Karriere zu machen», sagt sie.

VIELFÄLTIG: Frauenärztinnen können vieles selber machen, etwa Ultraschall und Diagnostik.

FREUD UND LEID. An ihrem Beruf schätzt Andermatt die Vielfältigkeit. «Wir können vieles selber machen – etwa Ultraschall und Diagnostik», sagt sie. «Ausserdem haben wir Patientinnen aller Altersgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen.» Vielleicht ist die Gynäkologie die medizinische Fachrichtung, wo Freud und Leid am nächsten beieinanderliegen. «Im Spital konnte ich einer werdenden Mutter das erste Mal ein Ultraschallbild zeigen – und wenige Minuten später hatte ich eine andere Frau mit einer Brustkrebsdiagnose in der Sprechstunde.» Keine einfache Situation, aber sie habe gelernt, Probleme in der Praxis oder im Spital zu lassen.

Wie wichtig ist Anna Andermatt ihre Berufstätigkeit? «Ich konnte meine lange, kostenintensive Ausbildung nur dank der Unterstützung vom Staat und meinen Eltern abschliessen. Da ist es mir schon sehr wichtig, diesen Beruf auch auszuüben», sagt sie. Allerdings habe sie sich schon oft gefragt, ob es sich lohne, den Balanceakt zwischen Familie und Beruf zu bewältigen – wenn nach Abzug von Kinderbetreuung und Steuern am Schluss kaum was vom Gehalt übrigbleibt. Aber sie liebt ihren Job. «Ich habe einen sehr schönen Beruf. Ich komme jeden Tag gerne zur Arbeit», betont sie. Und der Wechsel zwischen Beruf und Familie bringt Farbe ins Leben – im wörtlichen Sinne: Im Hausflur der Familie hängt eine Pinnwand mit den Wochentagen, den verschiedenen Aufenthaltsorten und farbigen Täfelchen für jedes Familienmitglied. So wissen die Kinder immer Bescheid, wo wer gerade ist. Und die Mutter auch, falls ihr mal der Kopf schwirrt.


Anna Andermatt Kite-Surferin

Anna Andermatt (*1983) ist als «Sandwichkind» mit einem älteren und einem jüngeren Bruder im Surbtal, Kanton Aargau, aufgewachsen. Ihr Vater war Sekundarlehrer, ihre Mutter Kindergärtnerin, später Werklehrerin. Anna Andermatt hat in Bern Medizin studiert. Sie lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Wettingen. Sie und ihr Mann lieben Kite­surfen und Aktivitäten in der Natur.

VIELE HÜTE. «Früher bin ich auch liebend gerne ins Theater und ins Kino gegangen», sagt sie. «Aber dazu fehlt mir heute die Zeit.» Dass sie aber doch einiges unter einen Hut bringen kann, hat sie auch ihrem Organisationstalent und ihrer Selbst­disziplin zu verdanken. «Meine Studienkollegin meinte immer, ohne mich hätte sie das Studium wohl nicht geschafft.» Anna Andermatt war stets bestens organisiert, wusste, was zu lernen war, und liebte es, ihr Fachwissen unter Beweis zu stellen. «Ich bin vielleicht etwas besserwisserisch», sagt sie – korrigiert sich dann aber gleich selbst: «Besser gesagt: Ich habe gerne recht und vertrete eine fundierte Meinung.» Anna Andermatt ist im Berufs­verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärtzinnen (VSAO) und SP-Mitglied. Als Assistenzärztin verdient sie bei einem 40-Prozent-Pensum knapp 3200 Franken brutto.

2 Kommentare

  1. Beatrice Trummer

    Liebe Anna

    Du machst das grossartig! Ich bin so richtig stolz darauf, dass du zu mir in die Schule gingst.

    Herzliche Grüsse
    Beatrice Trummer

    • Anna Andermatt

      Liebe Beatrice
      Ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut. Da zeigt sich wieder, wie wichtig gute Lernpersonen sind!
      Herzlichst,
      Anna

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