Briefklinik-Mitarbeiter Heinz Hari: Er ist Amors Assistent

Er ist ein Detektiv, der täglich ­Hunderte von Fällen löst: Heinz Hari hilft, dass Briefe auch dann an­kommen, wenn sie falsch adressiert oder kaputt sind.

MACHT KAPUTTES WIEDER HEIL: Heinz Hari (60) arbeitet in der Briefklinik der Post. (Fotos: Yoshiko Kusano)

Vielleicht hat er schon Beziehungen gerettet. Heinz Hari würde es wohl nicht so pathetisch formulieren. Dafür ist der Thuner zu bodenständig. Aber ja, es kommt schon vor, dass er zum Liebesboten wird. Wie das? Seit August des vergangenen Jahres arbeitet Hari im 16köpfigen Team der Post-Briefklinik in Härkingen SO. Dieses sorgt dafür, dass möglichst alle Briefe dort ankommen, wo sie hinsollen. Auch Liebesbriefe, die im Rausch der Sinne falsch oder gar nicht ­adressiert wurden. Hier ist Hari gleichermassen Amor und Hermes, indem er nach Hinweisen auf die Liebste oder den Liebsten sucht – und oft findet. Oder zur Weihnachtszeit kommt es oft vor, dass die als süsser Gruss versandte Schokolade unerwünschte Spuren hinterlässt: braune Streifen auf zahlreichen Sendungen, unleserliche Adressen. Bei den meisten Sendungen ist jedoch lediglich die Postleitzahl falsch. Ein Klassiker sind auch Schlüssel und USB-Sticks, die unsachgemäss verpackt wurden und deshalb den Umschlag zerstören – und manchmal auch noch andere Briefe, die auf der ­gleichen Sortiermaschine sind. Schlüssel schickt Hari entweder an den Hersteller – etwa Kaba – oder ins Postfundbüro in ­Lugano, die USB-Sticks auch.

SUCHEN & FINDEN: Weniger als ein Promille der Briefe sind kaputt oder unzustellbar. Aber bei Millionen Sendungen täglich läppert sich das zusammen.

EINE MINUTE. Zwar sind weniger als ein Promille der Briefsendungen beschädigt oder unzustellbar. Aber bei täglich 6 Millionen verschickter Briefe alleine im Briefzen­trum Härkingen sind das immer noch ein paar Tausend täglich. Und das wiederum bedeutet, dass Hari an einem Arbeitstag Hunderte von Briefen nach Hinweisen auf Absenderin oder Empfänger absucht. Pro Brief hat er dafür eine halbe bis anderthalb Minuten Zeit – je nachdem, ob nur die Postleitzahl falsch oder die ganze Adresse unleserlich oder falsch ist. Dieses Zeitfenster tönt nach Hektik, doch Heinz Hari wirkt ganz und gar nicht gestresst.

Routiniert entscheidet er schon nach wenigen Sekunden, ob sich der weitere Suchaufwand lohnt oder ob eine Sendung auf dem Stapel landet, der weitere Abklärungen benötigt. Er nimmt einen rosafarbenen Briefumschlag in die Hand, öffnet ihn. «Das sieht gut aus», sagt er. Er vergleicht die Absender­adresse auf der Geburtsanzeige mit der Datenbank der Post auf seinem Computerbildschirm – diesmal ist es ein Volltreffer: Die Anzeige wird neu verpackt und mit einem Infoschreiben zurück an den Absender geschickt. Nicht immer ist die Arbeit allerdings so einfach. «Manchmal bin ich schon so etwas wie ein Detektiv», sagt Hari.

Heinz Hari ist ein Post-Urgestein. Seit 33 Jahren arbeitet er beim «Gelben Riesen». Ursprünglich lernte er Maschinenschlosser, doch schon nach der Lehre hatte er diese Arbeit «bis hier», sagt er grinsend und legt seine Hand an die Nase. Es folgten «wilde Jahre», wo er mal hier, mal da jobbte. Sein Schwager, der bei der Post arbeitete, ermutigte ihn, sich zu bewerben. «Also kam ich mit 27 zur Post und wurde uniformierter Postbeamter», sagt er.

Alles schien auf geraden Schienen zu laufen, Hari arbeitete im Briefzentrum Mösli in Ostermundigen BE. Bis im Oktober 2017. Bei einem Töffunfall zertrümmerte er sich die Schulter und war 4 Monate arbeitsunfähig. Danach fing er sukzessive wieder an zu arbeiten, erst einen Tag, schliesslich 50 Prozent. «Es hätte so weitergehen können.» Doch dann wurde das Logistikzentrum in Ostermundigen Mitte 2018 geschlossen.

THUN IST SCHÖN. Als die Post ihm den Job in Härkingen anbot, zögerte Heinz Hari nicht lange. Und nach einem halben Jahr sagt er: «Für mich ist die Arbeit ideal.» Früher hätte er mehr körperlich gearbeitet, jetzt mehr mit dem Kopf. «Ich kann mich wirklich nicht beklagen», sagt er. «Man hat mich gut im Team aufgenommen, es herrscht eine gute Atmosphäre, und die Arbeit ist interessant.» Man nimmt ihm ab, dass das nicht einfach eine Floskel ist. Vielleicht hat diese positive Einstellung mit Loyalität zu tun – und mit Heinz Haris Persönlichkeit. Er wirkt vertrauenserweckend, der Kumpel, mit dem man beim Feierabendbier die Alltagssorgen bespricht. Dazu passt, dass Hari den alten Grundsatz «Der Kunde ist König» hochhält, auch in Zeiten, in denen Kunden manchmal eher als lästiges Übel behandelt werden. Den Kunden helfen – das ist ja letztlich die Mission der Briefklinik.

Im August 2020 wird Heinz Hari pen­sioniert. Bis dahin will er in Härkingen arbeiten – auch wenn er dafür vier Mal wöchentlich rund dreieinhalb Stunden Arbeitsweg auf sich nehmen muss. «Meine Wohnung in Thun ist zu schön, als dass ich sie aufgeben würde, um im Nebel zu hocken», sagt er. Dann ergreift er den nächsten Umschlag, öffnet ihn sorgfältig und macht seine Arbeit.


Hienz Hari Biker und GA-Fan

Heinz Hari ist in Steffisburg und Thun mit zwei 13 und 16 Jahre älteren Schwestern aufgewachsen. «Früher hätte man gesagt, ich sei der ‹Urlauber›, sagt er schelmisch. «Als drittes Kind habe ich Erziehungsfehler meiner Eltern nicht mehr so zu spüren bekommen.» Mit den Eltern verband ihn eine Leidenschaft: die Liebe zu motorisierten Zweirädern. Die Mutter fuhr eine Lambretta, der Vater eine 500er-BMW, danach eine Florett. Heinz Hari wurde zum begeisterten Harley-Fahrer. «Töfffahren ist wie ein Virus», sagt er. Bis zu seinem Unfall im Oktober 2017 sei er im Frühling jeweils ganz kribblig geworden, bis er endlich wieder fahren konnte. «Das habe ich seither nicht mehr gespürt», sagt er. Zwar ist sein Töff noch beim Händler eingestellt, aber vielleicht werde er ihn auch verkaufen. Es klingt nicht resigniert, eher pragmatisch.

GENIESSER. Heinz Hari ist keiner, der mit dem Schicksal hadert. Lieber geniesst er die Sonnenseiten des Lebens: An der Sonne sitzen, «e chli sy», einen Fussballmatch (am liebsten von Bayern München) oder ein Formel-1-Rennen am Fern­seher verfolgen. Heinz Hari reist oft mit seinem GA quer durch die Schweiz. Nach der Pensionierung will er das Abonnement noch besser ausnutzen, «einfach mal nach Lugano fahren und dort eine Pizza essen». Seit rund 2 Jahren ist Hari Mitglied der Gewerkschaft Syndicom, die den Sozialplan der Post bei der Schliessung des Briefzentrums Ostermundigen BE mit ausgehandelt hat.

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