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Hebamme Maya Schlegel: Tausend einzigartige Geburten

Florian Sieber

Maya Schlegel muss fachlich und auch emotional immer auf der Höhe sein. Gerade deshalb ist für sie Hebamme ein Traumberuf.

VIEL ERFAHRUNG. Maya Schlegel (56) ist seit dreissig Jahren Hebamme. In dieser Zeit hat sich in ihrem Beruf einiges verändert. (Fotos: Nicolas Zonvi)

«Das werden wohl so etwa tausend Geburten gewesen sein», sagt Maya Schlegel auf die Frage, bei wie vielen Entbindungen sie schon dabei gewesen sei. «Und das Schönste am Beruf: es ist nie Routine. Jede Entbindung ist speziell und individuell.» Dabei fallen die tausend Geburten allein in die erste Hälfte von Schlegels Karriere. Damals arbeitete sie vor allem im Kreisssaal. Seit 2004 ist sie nicht mehr bei den Geburten dabei, sondern betreut die Neugeborenen und ihre Mütter im Wochenbett. Momentan arbeitet sie bei der Paracelsusklinik in Richterswil am Zürichsee und bietet zusätzlich als freischaffende Hebamme Kurse an. In der Klinik kontrolliert Schlegel bei den Müttern, ob die Rückbildung und die Milchbildung richtig verlaufen. Bei den Neugeborenen überwacht sie die Entwicklung, wiegt sie täglich und kontrolliert den Bauchnabel. Sie ist auch eine wichtige Ansprechperson für Eltern, ganz besonders beim ersten Kind. Und sie gibt das erste Rüstzeug in der Babypflege mit nach Hause. Maya Schlegel sagt: «Wir müssen auch fit in der Schulmedizin sein, weil wir jederzeit erkennen müssen, wann es einen Arzt oder eine Ärztin braucht.»

Zu den Aufgaben von Hebammen gehören auch Geburtsvorbereitungskurse, Schwangerschaftsvorsorge und Hilfe bei vielen verschiedenen Schwangerschaftsbeschwerden. Dabei sollten Hebammen stets freundlich und zugänglich sein. Schlegel sagt: «Und dennoch müssen wir Sicherheit ausstrahlen, an der sich die Eltern orientieren können. Wir müssen sehr präsent sein.» Mühsam an ihrem Beruf finde sie eigentlich nur, wenn ein Arzt versuche, ihr in die Hebammentätigkeit dreinzureden.

STERNENKINDER. Und es gibt auch belastende Seiten des Berufs. «Das ist schon sehr traurig, wenn ein Kind tot oder zu früh zur Welt kommt.» Doch man lerne, diesen Weg mit den Eltern zu gehen. Wichtig seien hier ein gutes Team, auf das sie sich während der Arbeit stützen könne, und der Ausgleich, den sie zu Hause finde. Geholfen habe auch, dass man mit solchen Situationen heute anders umgehe als noch zu Schlegels Ausbildungszeit. Sie sagt: «Früher wurden Babies, die vor der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, möglichst schnell weggelegt. Die Eltern sollten sich nicht damit beschäftigen.» Solche Neugeborenen wurden nach ihrem Tod mit dem Klinikmüll entsorgt. Heute sei die Begleitung der Eltern viel näher, und auch Frühchen, die keine Chance auf Überleben hätten, würde man viel mehr als menschliche Wesen wahrnehmen. «Für solche Sternenkinder bereiten wir ein kleines Abschiedskistlein vor. Darin können die Eltern zur Erinnerung ein paar Kleinigkeiten aufbewahren, etwa ein Haarsträhnchen oder ein Nuscheli. So können sich die Eltern leichter verabschieden. Und das ist auch ein Grund, warum der ganze Prozess auch für mich als Hebamme nicht mehr so belastend ist.»

GEBURTSHELFER: Der Storch im Märchen und die Hebamme in der Wirklichkeit. Im Bild rechts ein knöchernes Becken, ein Schwangerschaftskalender und ein Pinard-Rohr, mit dem die Hebamme die Herztöne des Babys abhört.

ROCK WEG. Der Hebammenberuf ist einer der ältesten Berufe überhaupt. Das Berufsbild hat sich aber in den letzten 30 Jahren enorm verändert. Die positivste Entwicklung? «Ich muss bei der Arbeit keinen Rock mehr tragen!» sagt Schlegel und lacht. Wichtig sei auch, dass der zwischenmenschliche Aspekt mehr in den Vordergrund gerückt sei. Das habe damit zu tun, dass sich die Haltung zu Geburten in der Gesellschaft geändert habe. Die werdenden Mütter wollten bei der Entbindung mehr mitreden. Schlegel sagt: «Dass wir bei Geburten in der Hocke oder in der Badewanne mithelfen, wäre in meiner Ausbildung noch nicht denkbar gewesen.» Das sei manchmal auch problematisch, wenn die Vorstellungen, wie die Geburt verlaufen solle, in Konflikt mit der Realität gerieten. Wenn etwa eine natürliche Geburt gewünscht werde, dies aus medizinischen Gründen aber nicht möglich sei. Was sie im Moment besonders negativ spüre, seien die Sparprogramme im Gesundheitswesen. Da pauschal festgelegt werde, wie viele Hebammen für wie viele Geburten zur Verfügung stünden, fehle teils Spielraum für individuelle Betreuung. «Der Spardruck ist leider spürbar.»

FRAUENSACHE. Auch die Ausbildung hat sich grundlegend geändert. Wo früher noch eine Lehre nötig war, werden heute Hebammen an den Fachhochschulen von Genf, Bern, Lausanne oder Winterthur im Zuge eines Bachelorstudiums ausgebildet. Und der Beruf sei immer noch beliebt. So schlossen 2017 197 Personen eine Ausbildung zur Hebamme ab. Etwas ist aber gleich geblieben: Der Hebammenberuf bleibt eine klare Frauendomäne. Schlegel sagt: «Früher ging das nicht, doch dank dem Gleichstellungsgesetz dürfen nun auch Männer den Beruf ausüben.» Dennoch würden kaum Entbindungspfleger, wie die Berufsbezeichnung bei Männern lautet, ausgebildet. Der Verband zählt gerade mal zwei Männer.

Weil sie als freischaffende Hebamme arbeitet, ist Maya Schlegel im Schweizerischen Hebammenverband (SHV) organisiert. Das ist ein Mitgliedsverband im Schweizerischen Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen (SVBG). «Für freischaffende Hebammen ist die Mitgliedschaft vorgeschrieben. Damit sind wir immer über Tariferhöhungen und neue Richtlinien von den Krankenkassen auf dem ­laufenden.»


Maya Schlegel Die Frühberufene

Für Maya Schlegel stand früh fest, was sie beruflich machen will: «Ich habe die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, wusste aber schnell, dass ich als Hebamme arbeiten will.» Nach einem Hauswirtschaftsjahr begann die gebürtige Toggenburgerin eine Vorausbildung für Pflegeberufe in Frauenfeld und wurde dann Krankenschwester. Anschliessend machte sie eine dreijährige Lehre als Hebamme und arbeitet seit 1988 im Beruf. «Für mich ist das immer eine Berufung gewesen», erklärt sie.

AUSGLEICH. Heute wohnt Schlegel mit ihrer Familie in Richterswil. Als Ausgleich zum Berufsalltag geht sie gerne mit ihrer Tochter und ihrem Mann zum Wandern oder zum Skifahren in die nahe gelegenen Berge. Sie ist froh, dass sie in ihrem Beruf Teilzeit arbeiten kann, wodurch für sie Arbeit und Familie besser vereinbar sind. Das heisst aber auch, dass sie manchmal einspringen muss, wenn es mehr zu arbeiten gibt oder jemand ausfällt. Sie verdient 39.20 Franken pro Stunde.

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