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Primarlehrerin Monika Nett: «Das Körperliche wird zugänglicher, wenn das Sehen limitiert ist»

Luca Hubschmied

Die sehbehinderte Monika Nett (55) arbeitet seit 35 Jahren mit Kindern und liebt ihre Arbeit über alles. Weil sie nicht alles sieht, besteht ihr ­Unterricht aus viel Bewegung.

KEIN HINDERNIS. Monika Nett macht aus ihrer Sehschwäche ihre Stärke. (Fotos: Michael Schoch)

«Hüpfen!» ruft Jana und springt zweimal über die Linie am Boden. Danach setzt sich die fünfjährige Kindergärtlerin wieder an den Tisch, und ihr Klassengspänli Mara ist an der Reihe. In dem kleinen Klassenzimmer mit den vielen Kinderbüchern und farbigen Bildern an den Wänden lernen die zwei Kinder Deutsch. Ihnen gegenüber an dem Tisch, der wie die Stühle im Miniaturformat daherkommt, sitzt Monika Nett. Seit diesem Schuljahr unterrichtet sie hier im Schulhaus Triemli in Zürich «Deutsch als Zweitsprache» für Kinder aus dem Kindergarten, der ersten und der dritten Klasse. Nun zeigt die Lehrerin die nächste Aufgabe vor. Es wird durchs Zimmer gerannt, am Boden gekrochen oder ein Kissen auf dem Kopf balanciert. Immer wieder hallt das helle, fröhliche Lachen von Monika Nett durchs Klassenzimmer.

ALLES IM GRIFF. Jana spricht zu Hause Portugiesisch, Mara Bosnisch. Sie erhalten deshalb bereits früh eine zusätzliche Sprachförderung wie alle Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. «Auf der Kindergartenstufe ist ein Grossteil des Unterrichts mündlicher Natur, bei älteren Kindern ­arbeiten wir aber auch mit schrift­lichen Materialien», erklärt Monika Nett.

Ersteres kommt ihr entgegen, denn auch wenn es im Gespräch mit ihr zuerst nicht auffällt, Monika Nett sieht auf beiden Augen nur eingeschränkt. Sie leidet seit der Geburt an einer Blauzapfen-Achromat­opsie. Das ist ein seltener genetischer Defekt, durch den sich ihre Netzhaut nicht richtig entwickelt hat. Ihre Sicht auf die Welt vergleicht sie mit einem verpixelten Foto: «Grundsätzlich sehe ich alles grobkörniger. Was weiter weg ist, wirkt unscharf und ist deshalb oft unleserlich.» Zu einem gewissen Teil erklärt sich so auch ihr aktiver Unterrichtsstil: «Durch meine Sehbeeinträchtigung ist mir die Bewegung im Unterricht wichtiger, das liegt mir mehr. Wenn ich mit den Drittklässlern länger sitzen und lesen muss, wird es auch für mich anstrengend.» Die Kinder habe sie aber trotzdem im Griff, meint sie und lacht.

FARBENFROH: Trotz Sehbehinderung sind Farbstifte und Bücher fester Bestandteil des Unterrichts von Monika Nett.

Kein Wunder, denn die 55jährige Lehrerin hat einen Grossteil ihres Lebens an der Schule verbracht. «Mit Kindern zu arbeiten finde ich schön, das ist lebendig und kurzweilig», sagt Monika Nett, «ich arbeite nun schon 35 Jahre in diesem Beruf, doch ich kann immer wieder etwas Neues lernen, und es stellen sich immer wieder neue Herausforderungen.» So habe etwa der Druck auf die Schule immer mehr zugenommen. Monika Nett: «Die Erwartungshaltung der Eltern hat sich sicher geändert. Positiv ist, dass viele Eltern sehr aktiv sind und sich engagieren. Man kann als Lehrperson heute aber öfter ins Schussfeld geraten.» Trotzdem begrüsst sie es, dass die Lehrperson heute nicht mehr die klassische Rolle als Patriarch hat, der nicht angezweifelt werden darf.

HANDY SEI DANK. Mit ihrer Sehbeeinträchtigung hat Monika Nett in ihrer eigenen Schulzeit auch schwierige Erfahrungen ­gemacht. Während sie heute technische Hilfsmittel nutzen kann, etwa das Handy, um die für sie unleserliche Schrift einer ­Powerpoint-Präsentation abzufotografieren und am Display zu vergrössern, war sie früher oft auf sich alleine gestellt. «Vor fünfzig Jahren gab es diese Möglichkeiten noch nicht. Ich stand in der Abhängigkeit von meiner Lehrperson und ihrer Rücksichtnahme auf meine Beeinträchtigung.»

Heute hat Monika Nett gelernt, damit umzugehen. Bei der Arbeit und mit den Kindern kommuniziert sie meist von Anfang an offen und erklärt ihre Sehbeeinträchtigung. Sie sagt: «Das musste ich erst lernen, früher habe ich das eher vertuscht, weil ich ja nicht auffallen wollte. Es ist aber nach wie vor ein Abwägen, wie viel Aufwand es für mich bedeutet.» Sie befindet sich oft in einer Grauzone, weil ihre Sehbeeinträchtigung auf den ersten Blick nicht auffällt, wie sie erklärt: «Das sorgt oft für Verwirrung. Daher muss ich viel situativ ­erklären, etwa, dass ich es nicht böse meine, wenn ich jemanden nicht erkenne und daher nicht grüsse. Solche Missverständnisse sind oft schwierig.»


Monika Nett Ein Leben für die Schule

Geboren 1963 in Sils Maria im Engadin, besuchte Monika Nett zuerst das Lehrer­seminar in Chur und arbeitete zehn Jahre als Primarlehrerin. Anschliessend zog sie nach Basel und ­absolvierte eine Ausbildung zur Atempädagogin. Sie sagt: «Eine Weile lang war ich auf diesem Beruf tätig, es ge­staltete sich aber schwierig, damit über die Runden zu kommen.» Sie ging zurück an die Volksschule und übernahm eine Fremdsprachenklasse in Basel. Vor acht Jahren zog sie nach Zürich und begann, Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten. Seither lebt sie zentral in Zürich, ihr Partner wohnt in Basel. Am Schulhaus Triemli arbeitet sie 80 Prozent und verdient netto rund 6800 Franken.

TANZEN. Die Lehrerin beschäftigt sich neben der Schule oft mit Körperarbeit. Sie geht gerne tanzen, meditiert oder macht Yoga. Am liebsten tanzt sie 5-Rhythmen, dabei werden fünf verschiedene Tanzstile nacheinander durchgetanzt. «Für mich ist das eine Art Psychohygiene», sagt Monika Nett, «wenn das Sehen limitiert ist, ist es naheliegend, dass das Körperliche zugäng­licher wird.»

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