Im Elektrizitätswerk von Reykjavík verdienen Frauen und Männer gleich viel

Wie haben Sie das geschafft, Frau Kristjánsdóttir?

Sabine Reber

Sólrún Kristjánsdóttir (45) ist Personalchefin von Reykjavík Energy, dem grössten Elektrizitätswerk Islands. Dort herrscht schon Lohngleichheit. work sprach mit der Powerfrau.

PIONIERIN: Sólrún Kristjánsdóttir, Personalchefin von Reykjavík Energy. (Foto: ZVG)

work: Seit wann kämpfen Sie schon gegen die Lohndiskriminierung im Unternehmen?
Sólrún Kristjánsdóttir: Wir haben 2006 angefangen, uns ernsthaft um die Beseitigung der Lohndifferenz zu kümmern. In den ersten Jahren schien das sehr schwierig, und wir kamen am Anfang kaum vorwärts. Wir wussten, dass wir Lohnungleichheit im System haben, aber wir wussten nicht, wo genau.

Und dann?
Während der grossen Finanzkrise von 2008 bis 2011 mussten wir einen Drittel der Belegschaft entlassen. Danach stand eine gründliche Umstrukturierung an. Diese Gelegenheit haben wir genutzt, um mit der Gleichberechtigung vorwärtszumachen. In den letzten fünf Jahren ­haben wir den Frauenanteil im Management von 29 auf 49 Prozent erhöht. In dieser Zeit sank der durchschnittliche Lohnunterschied von 8,4 auf 2,1 Prozent. Ende des Jahres 2017 lag er gar 0,02 Prozent zugunsten der Frauen.

Was war das grösste Problem?
Durch den hohen Frauenanteil im Kader war die Motivation zwar sehr gross. Aber noch immer wussten wir nicht genau, welchen Frauen wir konkret wie viel mehr bezahlen mussten, um Gerechtigkeit zu schaffen. Die Lohndifferenz war zwar im System als Ganzes erkennbar, aber im Einzelfall waren die Ungerechtigkeiten recht gut versteckt.

«Es ist keine Hexerei, Lohngleichheit in einer Firma zu machen.»

Wie gelang der Durchbruch?
Wir entwickelten ein spezielles Tool, eine Analysesoftware, die die amerikanische Firma «Pay Analytics» für uns programmiert hat. Letztes Jahr setzten wir das Instrument erstmals ein, und Ende Jahr lag die Lohnungleichheit dann bei 0,02 Prozent – zugunsten der Frauen! Über die Monate haben wir jetzt mal ein bisschen mehr Lohnungleichheit zugunsten der Frauen, mal ein wenig mehr zugunsten der Männer. Es pendelt sich also ein.

Lehnen Sie sich nun zurück?
Bei weitem nicht! Denn Lohngleichheit herzustellen ist ein ständiger Prozess. Wir prüfen vor jeder Lohnrunde, wo wir stehen, sonst können sich rasch wieder neue Ungerechtigkeiten einschleichen. Wir lassen das Tool auch routinemässig jeden Monat laufen.

Ist das nicht sehr zeitaufwendig?
Nein, das dauert wenige Minuten. Nur das Definieren der Parameter braucht am Anfang etwas Zeit, und man muss gut überlegen, wie was gewichtet wird. Lohnunterschiede existierten ja nicht aus bösem Willen – niemand will absichtlich die Frauen benachteiligen. Vielmehr sind das Muster aus dem Unterbewussten, die dazu führen, dass die Arbeit der Männer tendenziell höher gewichtet wird.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Traditionellerweise ging man davon aus, dass die ungelernten Männer, die draussen im Feld Leitungen flicken, mehr verdienen, weil das körperlich anstrengend ist und sie dem rauhen Wetter ausgesetzt sind. Aber als ich unsere Kantinenküche besuchte, wurde mir klar, dass die Frauen dort stundenlang im heissen Dampf stehen und mit schweren Töpfen hantieren. Auch die Frauen der Putzequipe arbeiten streng. Sie alle verdienen jetzt gleich viel wie die Männer, die draussen Leitungen flicken.

Lässt sich das Tool auch für andere Firmen anwenden?
Klar! Sie müssen einfach ihre Parameter definieren. Aber das ist keine Hexerei, schliesslich werden in jeder Firma ständig diverse Punkte analysiert. Das ist reine Routine, und die Lohngleichheit ist einfach ein weiteres Kriterium. Es lohnt sich für jede Firma, die Frauen gerecht zu bezahlen. Denn alle Menschen arbeiten besser, wenn sie sich gerecht behandelt fühlen.


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