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Smart-Shuttle-Fahrer Roten: «Ich habe sicher schon 40 Fernseh-Interviews gegeben»

Sina Bühler

Als Gewerkschafter sieht er die Automatisierung zwar kritisch. Trotzdem hat er Spass am Smart Shuttle, der seit 2015 durch Sitten kurvt.

BERUF 4.0.: Stéphane Roten (64) überwacht fahrerlose Kleinbusse. (Fotos: Fotos Nikolaus Loretan)

Der Kleinbus fährt langsam, allerhöchstens 20 Kilometer pro Stunde. Beim Bremsen aber, da stoppt das Fahrzeug sekundenschnell. Der Smart Shuttle, ein fahrerloses Elektrofahrzeug, kurvt seit 2015 durch die Innenstadt von Sitten. Ganz alleine ist das Fahrzeug aber nie unterwegs. Das Strassenverkehrsgesetz sieht vor, dass immer eine Begleitperson dabei sein muss. Heute sind es sogar zwei. Weil zurzeit eine neue Route programmiert wird, notiert ein Begleiter Unregelmässigkeiten, während der andere die Fahrt per Joystick korrigiert. Das Teil sieht nicht nur aus wie eine Spielkonsole, es stammt tatsächlich von einer X-Box. Auch der Sittener Stéphane Roten (64) sitzt im Bus. Er ist Co-Leiter des Smart-Shuttle-Projekts, verantwortlich für die digitale Überwachung der Fahrzeuge, und Vorgesetzter der Begleitpersonen. Der Smart Shuttle lockt Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Welt ins Wallis. «Ich habe sicher schon 40 Fernsehinterviews gegeben», sagt Stéphane Roten. «Unsere autonomen Fahrzeuge fahren im öffentlichen Raum, in einer realen, lebendigen Stadt. Das ist einzigartig.»

PRÄZISIONSARBEIT. An der schmalsten Stelle muss der Bus durch eine 2,4 Meter breite Gasse gleiten, auf jeder Seite bleiben exakt 12,5 Zentimeter frei. Dort wird auch klar, wo ein computergesteuertes Fahrzeug den Menschen übertrumpfen kann: Auf den Millimeter genau bleibt es auf seinen virtuellen Schienen. Mit Vollbremsungen reagiert es nur auf unvorhergesehene Hindernisse: falsch parkierte Autos oder Menschen, die den Kleinbus aus Spass zum Anhalten zwingen.

Der französische Hersteller Navya hat bisher 65 Smart Shuttles produziert, 55 sind aktuell im Einsatz. Die meisten aber privat oder in der Industrie – im Innern ­eines Atomkraftwerks beispielsweise. Im öffentlichen Raum muss so ein Fahrzeug erst mal akzeptiert werden. Deshalb sieht Stéphane Roten seinen Job als Mediator: Er redet mit dem ETH-Professor genauso wie mit dem Gemeindepräsidenten, geht mit den vielen Schaulustigen, die die Fahrt durch Sitten geniessen wollen, nicht anders um als mit Susanne Ruoff, CEO der Schweizer Post. «Sie ist eine Nachbarin», sagt Roten, denn Susanne Ruoff lebt in Crans-Montana. Das Walliser Bergdorf liegt auf einer der Postautostrecken, die Roten früher regelmässig bediente. Dass ihm die Postchefs nun auf Augenhöhe begegnen, freut den ehemaligen Chauffeur. Früher sass er ihnen als Syndicom-Gewerkschafter jahrelang in harten Verhandlungen gegenüber.

FAHREN OHNE CHAUFFEUR: Der Smart Shuttle fährt zwar vollständig automatisch, dennoch muss Stéphane Roten den Kleinbus sehr genau überwachen.

EIN EINZIGER UNFALL. Als Stéphane Roten den Job mit dem Smart Shuttle begann, war er 62 Jahre alt und hatte gerade die Frühpension angetreten. Er steckte damals in der Trennung von seiner Frau, was ihm komplett den Boden unter den Füssen weggezogen habe. Und er merkte, dass ihm die Arbeit darüber hinweghalf. Also nahm er die Teilzeitstelle an. 50 Prozent arbeitet er seither, im Stundenlohn. Was gefällt ihm daran? «Ich bin ein kreativer Mensch, ich finde gerne Lösungen für Probleme», sagt der ehemalige Postautochauffeur. Früher seien seine Ideen eher zurückgebunden worden. Das ist beim Smart-Shuttle-Projekt anders – denn wo müsste man zwingender kreative Lösungen finden als in einem völlig neuen Projekt? Nach der ersten Testphase, in der die Routen definiert, abgefahren, gefilmt, programmiert und vor allem immer wieder Fehler korrigiert wurden, startete im Juni 2016 der Testbetrieb mit der Beförderung von Fahrgästen. Inzwischen haben schon 36’000 Personen eine kostenlose Testfahrt genossen. Einen einzigen Unfall gab es in dieser Zeit: «Ein illegal parkierter Lieferwagen hatte die Hecktür geöffnet. Das war für die Sensoren des Smart Shuttle zu hoch oben», erklärt Roten.

DIE ZUKUNFT IM GRIFF. Aber müsste er sich als Gewerkschafter nicht gegen die Automatisierung wehren? Roten nickt. Und wägt ab: «Wir können die Technologie selber an die Hand nehmen und sie damit auch in der Zukunft im Griff haben. Wenn nicht, machen das andere.» Wie weit wir damit gehen wollten, sei eine andere Frage. Roten: «Würden Sie in ein Flugzeug steigen, das komplett autonom durch die Lüfte fliegt?» Die Frage bleibt offen, denn der Smart Shuttle beendet die Runde am Bahnhof. Und zwar ganz sanft. Etwas weiter vorne stehen seine grossen Schwestern, die Postautos, in Reih und Glied. Bis auf eines: Es steckt schräg in einer zerbrochenen Scheibe des Coop Pronto. Das Postauto fuhr von selbst los – allerdings komplett unbeabsichtigt.


Stéphane Roten: Ein Weltreisender

Stéphane Roten (*1953) erreicht dieses Jahr das ordentliche Pensionsalter. Pensioniert wurde der Postautochauffeur aber bereits vor drei Jahren, dank den Vereinbarungen im Gesamtarbeitsvertrag (GAV).

IN DIE LUFT. Zuerst machte er eine Lehre als Pöstler. Danach fuhr er LKW durch Europa, sogar bis nach Teheran, ironischerweise mit maschinengewobenen Teppichen, die er aus Europa ins Herz der Perserteppich-Kunst lieferte. Roten heuerte darauf bei Transvalair an und flog als Lademeister mit Transportflugzeugen um die Welt, im Frachtraum Kühe, Ananas oder Kleinflugzeuge. Er lernte selber fliegen, es blieb aber ein Hobby. Als die Firma nach der Erdölpreiskrise aufgab, steuerte Stéphane Roten zuerst Baulastwagen, dann Reisebusse. 1980 holte ihn die Post zurück, diesmal als Chauffeur. Bis zu seiner Pensionierung fuhr er Postautos durch die steilen Täler des Wallis.

Stéphane Roten lebt oberhalb von Sitten in Arbaz. Er ist geschieden und hat zwei erwachsene Kinder. Jahrelang war er im Syndicom-Branchenvorstand Post und verhandelte über den GAV. 3500 Franken beträgt seine monatliche Pension. Beim Smart-Shuttle-Job ist er im Stundenlohn angestellt und verdient im Monat durchschnittlich 3200 Franken.

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