Deutschland: Streiks für mehr Lohn und 28-Stunden-Woche
Metaller kämpferisch wie nie

Jahrelang verlangten die Arbeitgeber und ihre Politiker von den Arbeitenden der deutschen Metall- und Elektroindustrie mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit. Jetzt streiken die Büezer für 6 Prozent mehr Lohn und die 28-Stunden-Woche.

LETZTE WARNUNG: Die IG Metall versucht, die Chefs mit Warnstreiks zur Vernunft zu bringen. Klappt’s nicht, kommt der Flächenstreik. (Foto: Martin Storz / Graffiti)

Mit Streiks kennen sich die Berliner Industriearbeitenden bestens aus. Jedesmal, wenn es um ihre Löhne geht, gehen sie auf die Strasse und zeigen, wie man Fabriken lahmlegen kann. Die Streiks bleiben kurz, weil sie ihre Wirkung selten verfehlen und die Arbeitgeber ihre ersten Lohnangebote erhöhen. Und so sind die Berliner Kolleginnen und Kollegen auch in diesem Jahr dem Aufruf der IG Metall gefolgt. Mehr als 2000 stehen nun, an einem Dienstagmorgen, vor dem Werk des Leuchtmittelherstellers Osram. Nur: Dieses Jahr ist etwas anders. Der Unmut der Arbeitenden ist grösser, die Reden sind schärfer. Einige Büezer hören ihnen trotzdem nicht mehr zu. «Wir müssten endlich mal richtig streiken, länger und alles», sagt einer vor der Tribüne. Sein Overall weist ihn als Siemens-Arbeiter aus, um seinen Hals hängt ein Paar Boxhandschuhe: «Jeden Monat zahle ich meine Gewerkschaftsbeiträge. Die könnten wir jetzt mal ausgeben für den Streik.» Die umstehenden Kollegen nicken. So fühlen hier viele. Doch nach ein paar Stunden endet die Arbeitsniederlegung schon wieder.
Es ist der 9. Januar. Was die Arbeiterinnen und Arbeiter an diesem Tag noch nicht wissen: Ihnen steht der womöglich grösste Arbeitskampf seit über zehn Jahren bevor.

RUNTER MIT DER ARBEITSZEIT

In Deutschlands Industrie wird um die Arbeitszeiten gerungen. Für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie will die IG Metall deutliche Verbesserungen erreichen. Die Gewerkschaft verlangt sechs Prozent mehr Lohn. Für deutlich mehr Aufregung sorgt, dass sie auch Besserungen bei den Arbeitszeiten erreichen will. Seit Jahresbeginn bauen die Beschäftigten dafür mit Streikaktionen Druck auf.

Die Büezer sind wütend, die Reden sind schärfer.

Erreichen will die IG Metall die Einführung der »kurzen Vollzeit«: Beschäftigte sollen ihre Arbeitszeit zeitlich begrenzt auf bis zu 28 Wochenstunden reduzieren können, nach spätestens zwei Jahren kehren sie dann in reguläre Vollzeit zurück. So soll die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden. Nach einer Geburt zum Beispiel können Eltern ihre Arbeitszeit reduzieren, ohne Angst haben zu müssen, später nicht mehr in einem höheren Pensum arbeiten zu dürfen. Damit sich die Beschäftigten das leisten können, sollen für bestimmte Gruppen Zuschläge bezahlt werden. Zugute kämen sie denjenigen, die Angehörige pflegen, sich um Kinder kümmern oder die in besonders belastender Schichtarbeit tätig sind.

DIE TEILZEITFALLE

Wie nötig so ein Modell wäre, weiss Andy Deininger, Betriebsratsvorsitzender beim Glühlampenhersteller Ledvance in Berlin. In seinem Werk sind verschiedene Beschäftigte, vor allem Frauen, in die Teilzeitfalle getappt. Er sagt zu work: «Die Arbeitszeit zu reduzieren ist kein Problem. Doch wieder in Vollzeit zu kommen gelingt in der Regel nur den Lieblingen des Chefs.» Wenn bisher von Flexibilität die Rede gewesen sei, dann nur als Anforderung an die Arbeitenden. In den letzten Jahren sei in seinem Werk die Personalplanung immer enger geworden. «Es kann schon passieren, dass man am Morgen in die Fabrik kommt und aufgefordert wird, auch noch eine zweite Schicht zu leisten, weil jemand ausgefallen ist.» Auch die Chefs kennen die prekären Verhältnisse in Teilen der Industrie. Ihre Schlussfolgerung: Bloss nicht die Kontrolle über die Arbeitszeiten aus der Hand geben! Bei der «kurzen Vollzeit» handle es sich um eine «Stilllegeprämie für Fachkräfte», liess der Unternehmerverband Gesamtmetall verbreiten. Für die Medien hat sich dessen Chef Rainer Dulger vor allem einen Satz paratgelegt: «Mehr Geld fürs Nichtstun wird es nicht geben.» Sogar die Gerichte wollen die Manager bemühen. Dafür haben sie sich ein Gutachten anfertigen lassen, in dem steht, Teile der Belegschaft würden diskriminiert, wenn nicht alle Beschäftigten Zuschläge bei Teilzeitarbeit erhielten.

ANGRIFF AUFS ARBEITSGESETZ

Tatsächlich möchten die Unternehmer nicht nur die IG Metall abservieren. Sie haben Grösseres vor: das Arbeitszeitgesetz schleifen. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, sagt: «Die Ruhezeitenregelung ist ihnen ebenso ein Dorn im Auge wie der Acht-Stunden-Tag.» Am 17. Januar sprach er zu mehr als 1200 streikenden Arbeiterinnen und Arbeitern in Berlin. Seine Botschaft: «Euer Kampf ist auch auf diese Angriffe die richtige Antwort.»

Die Metaller sind parat für den ganz grossen Streik.

Die Eskalation erfolgt zehn Tage später. Fünf Verhandlungsrunden hatten Gewerkschaft und Gesamtmetall bereits hinter sich. Doch: Die Arbeitgeber blieben stur. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann erklärte die Verhandlungen für gescheitert. 960 000 Büezerinnen und Büezer hatten sich bis dahin bereits an den nur einige Stunden dauernden Warnstreiks beteiligt. Am letzten Mittwoch streikten die Metaller für 24 Stunden. Gewerkschaftschef Hofmann: «Das ist die letzte Gelbphase vor der Rotphase eines Flächenstreiks.»

Viele Arbeiter hätten nichts dagegen, rasch umzuschalten. Manch einer hat sich für den Ernstfall schon Boxhandschuhe besorgt.

Aktuelle Entwicklung auf rebrand.ly/streik-ticker


Schröders SPD-Regierung: Die verlorenen Jahre

GENOSSE DER BOSSE: Gerhard Schröder machte als SPD-Kanzler Lohndrückerei zum Alltag. (Foto: Reuters)

Im neuen Jahr weniger im Portemonnaie haben als in dem zuvor – für deutsche Lohnabhängige war das sechs Jahre lang bittere Realität. Zwischen 2003 und 2009 sanken die Reallöhne der Arbeitenden deutlich, insgesamt um knapp fünf Prozent. Das belegen Zahlen des deutschen Statistischen Bundesamts sowie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen In­stituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Befristete Arbeitsverträge und Leiharbeit – ermöglicht durch die «Agenda 2010» der letzten SPD-Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder – machten und machen die Lohndrückerei alltäglich. Und sie erlaubten es den Unternehmen auch, immer saftigere Dividenden auszuzahlen, diese stiegen im selben Zeitraum nämlich sprunghaft an.

Die «Agenda 2010» der SPD war schlecht für alle Lohnabhängigen.

KAPITAL KASSIERT. Erst im Februar 2015 konnte die Hans-Böckler-Stiftung verkünden: »Reallöhne erstmals wieder höher als im Jahr 2000.« Aber: Der Zuwachs der Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen sei nach wie vor höher als derjenige der Arbeitseinkommen. Nun sind die Auftragsbücher vieler produzierender Betriebe wieder voll, gerade in der Metall- und Elektro­industrie und im Baugewerbe. ­Darum verlangen die deutschen Gewerkschaften, dass die Versäumnisse der letzten fünfzehn Jahre aufgeholt werden – in Form von fairen Lohnerhöhungen.

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