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Wildtierpflegerin Vellacott: «Ihre Leben hängen von mir ab»

Sina Bühler

Die vielleicht beliebteste Lehrstelle der Schweiz: Leonie Vellacott lernt Wildtierpflegerin im Zoo Zürich.

KINDERTRAUM: Wildtierpflegerin Leonie Vellacott (17) hegt und pflegt die Tiere im Zoo Zürich. (Fotos: Patrick Gutenberg)

Edward, das Faultier, hängt kopfüber vom Ast und klaubt ein Karottenstück aus der Hand seiner Tierpflegerin. Er isst es unendlich langsam und klammert sich dabei mit seinen zwei Zehen an Leonie Vellacotts Hand fest. Seine Mitbewohnerin, sie heisst Prinzessin, interessiert die Mahlzeit nicht. Sie öffnet kurz ein Auge und bleibt dann dösend an ihrem Ast hängen. Viel enthu­siastischer ist der Tamandua im Nachbar­gehege, ein kleiner Ameisenbär namens Lorenzo. Er lässt sich von seiner Pflegerin anfassen, während er geräuschvoll den Brei aus pürierten Ameisen schlürft. Und nebenan springen Neuweltaffen, die Weisskopfsakis, aufgeregt hin und her. Sie naschen von abgebrühten grossen Würmern: ein Leckerbissen.

250 BEWERBUNGEN. Gefüttert werden sie alle von der 17jährigen Leonie Vellacott. Sie macht ihre Lehre als Wildtierpflegerin im Zoo Zürich. Ein Traumberuf für viele. Leonie hat sich gegen 250 Mitbewerberinnen und -bewerber durchgesetzt. Wie hat sie das gemacht? «Ich habe mich extrem bemüht. Es gibt zwar kaum Zoo-Lehrstellen in der Schweiz, aber ich habe trotzdem unzählige Bewerbungsschreiben abgeschickt, ging überall zum Schnuppern. Es ist ein Traumberuf und unglaublich vielfältig», erzählt sie. Ihre Bewerbung kam so gut an, dass Leonie Vellacott als eine von zehn Jugendlichen zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde.

«Nur die besten drei durften zwei Tage schnuppern», erzählt sie. Ohne mit der Wimper zu zucken, verfütterte sie rohes Fleisch, säuberte die Gehege. Dass der Zoo nur eine Wildtierpfleger-Lehrstelle im Jahr anbietet, liegt unter anderem am Stellenmarkt. «Es gibt auf der ganzen Welt nur wenige Stellen für Wildtierpflegerinnen», sagt Leonie Vellacott.

UNTER BEOBACHTUNG. Was braucht es für die Arbeit im Zoo? Organisationsfähigkeit und Aufmerksamkeit: «Das Leben und die Gesundheit der Tiere, die ich betreue, hängen von mir ab. Ich bin dafür verantwortlich.» Sie muss erkennen, wenn ein Tier krank ist. Aufpassen, wenn sich ihr Verhalten ändert. Und ihr Arbeitstag ist auch körperlich anstrengend. Sie steht jeden Tag um vier Uhr auf, um von Winterthur rechtzeitig um 6.30 Uhr umgezogen an der Arbeit zu sein.

Wenn sie selber nicht ganz fit sei, werde sie zu langsam und unaufmerksam, das sei schnell gefährlich für Tiere, Mitarbeitende, Besucherinnen und Besucher. «Ausserdem brauche ich ein gutes Auftreten, die Gäste im Zoo sollen mir vertrauen und mich gleichzeitig respektieren», erzählt sie. Ermahnungen gehörten halt dazu. Beispielsweise, wenn sie sagen muss, dass Klopfen an der Scheibe der Gehege verboten sei. Das braucht ein gutes Selbstbewusstsein, was sie aber schnell gelernt habe. Und: «Ich bin viel offener geworden, seit ich im Zoo bin.»

Trotzdem muss sie das Publikum manchmal ausblenden. Beispielsweise dann, wenn sie die Tiere füttert, und ihr ein paar Dutzend Augenpaare bei der Arbeit zusehen.

AUF TUCHFÜHLUNG: Als Wildtierpflegerin sorgt Leonie Vellacott dafür, dass die Tiere ihr Fressen bekommen, ihr Gehege sauber ist und sie sich rundum wohl fühlen.

GEFÄHRLICHE ARBEIT. In der Ausbildung im Zoo lernt sie jeweils ein Revier nach dem anderen kennen. «Je nach Revier bekomme ich dafür so viel Zeit, wie ich brauche», sagt Leonie Vellacott. Speditives Lernen sei natürlich schon vorgesehen, aber sie müsse auch Sicherheit gewinnen. Denn nach einer Weile darf sie die Tiere alleine betreuen. Gleichzeitig lernt sie dann schon im nächsten Revier an. Mit einer Ausnahme: Menschenaffen und Raubtiere. «Es sind Reviere mit erhöhten Sicherheitsansprüchen. Und als Lernende darf ich dort nur begleitet arbeiten.»

Trotz der ganzen exotischen Umgebung muss Leonie Vellacott die Romantik auch etwas trüben: «Viel von meinem Alltag besteht aus Putzen. Und der zeitliche Druck ist schon ziemlich gross», sagt sie. Vor allem für eine Perfektionistin, wie sie es ist: «Ich muss ja nicht nur so schnell, sondern auch so gut wie möglich den Tagesplan abarbeiten.» Deshalb wird von Lernenden erwartet, dass sie schnell eigene Tricks entwickeln. Beispielsweise keinen einzigen Leerlauf machen: «Ich überlege mir immer schon vorher, was ich mitnehmen kann.»

Denn der Zürcher Zoo ist riesig: 60 Tierpflegerinnen und -pfleger betreuen 375 Tierarten, die in 18 verschiedenen Revieren auf 27 Hektaren leben. «Dass zwei meiner Reviere direkt nebeneinanderliegen, ist praktisch nie der Fall», sagt sie lachend. Und so ist es kein Wunder, dass sie sich manchmal darauf freut, in der Berufsschule mal einen ganzen Tag auf einem Stuhl sitzen zu können. Schulisch sei der Stoff aber schon sehr anspruchsvoll. Sie muss die Anatomie der Tiere ganz genau studieren. Lernen, zu welchem Stamm, zu welcher Klasse, Ordnung, Familie, Gattung und Art sie gehören. «Aber es ist auch schön, dass ich die Theorie direkt in der Praxis erleben kann.»


Leonie Vellacott: Insektenzüchterin

Leonie Vellacott (*2000) lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Winterthur. Der Vater ist Filmregisseur, die Mutter wissenschaft­liche Mitarbeiterin einer Fachhochschule. Die Oberstufe besuchte Leonie in einer privaten Schule mit künstlerischem Schwerpunkt. Dort durfte sie sogar ihren Hund zur Schule mitnehmen. Neben dem Hund und einer Katze hat Leonie noch mehr Tiere: Sie züchtet Phyllium philippinicum, eine Art der sogenannten wandelnden Blätter, Riesenheuschrecken, Gottesanbeterinnen und weitere Insekten. Insgesamt sind es zurzeit etwa hundert Stück.

ZEICHNEN. Nur kurz zögerte Leonie Vellacott, ob sie eine künstlerische Laufbahn einschlagen solle, aber eigentlich war immer klar, wo sie sich am wohlsten fühlte: bei den Tieren. Jetzt zeichnet sie privat, hauptsächlich in ihrem eigenen Stil. Früher waren es Manga, japanische Comics. Sie ist so fasziniert von Japan, dass sie etwas Japanisch lernt. Sie könnte sich auch vorstellen, im Tokyoter Zoo zu arbeiten. Aber jetzt konzentriert sie sich auf die Lehre, hängt vielleicht noch die Berufsmatura an. Im zweiten Lehrjahr verdient Leonie 900 Franken.

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