Studienautor Franz Jaeger über die Folgen des Frankenschocks

«Wir hätten 100'000 Arbeitsplätze mehr»

Sabine Reber

Der St. Galler Ökonom Franz Jaeger analysiert die Fehler der Nationalbank, warnt vor künftigen Frankenschocks und fordert einen neuen  Mindestkurs zum Euro.

FRANZ JAEGER: «Es ist wie beim Schnee: ein einziger Föhn­sturm, und die Pracht ist weg.» (Foto: RDB)

work: Die Aufhebung des Frankenmindestkurses sei unumgänglich gewesen, sagte Nationalbankchef Thomas Jordan. Sehen Sie das auch so?
Franz Jaeger: Zumindest war der Zeitpunkt falsch. Früher oder vor allem später wäre besser gewesen. Der Schaden, den der überbewertete Franken besonders bei den KMU angerichtet hat, ist teilweise immens. Ohne Frankenschock hätten wir heute 100 000 wertvolle Arbeitsplätze mehr. Die Maschinenindustrie hat es immer noch schwer. Und der Schweizerfranken ist immer noch überbewertet. Die KMU sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wir dürfen keinesfalls hinnehmen, dass sie zerstört werden! Deshalb sollte Thomas ­Jordan unserer Studie ­unbedingt Rechnung tragen.

Und was tun?
Die Nationalbank muss – vor allem im Falle von kapitalbilanzgetriebenen Aufwertungsschocks – noch aktiver eingreifen. Sie kann und muss einen strategischen Richtwert für einen maximalen, die Wettbewerbsfähigkeit der industriellen KMU sicherstellenden Frankenkurs anvisieren. Seit dem Spätsommer ist das ja ansatzweise auch gemacht worden. Damit hat die Nationalbank ­bewiesen, dass sie dazu durchaus in der Lage ist und dass das funktionieren kann.

Sie fordern faktisch also wieder einen Mindestkurs. Wie hoch müsste dieser sein?

Natürlich gibt es selbst jetzt noch Handlungsbedarf. Unsere Untersuchung hat ergeben, dass ein strategisches Zielband zwischen 1.18 und 1.20 Franken je Euro für die industriellen KMU zurzeit einen existenz- und ­einen innovationssichernden Frankenwechselkurs möglich machen würde.

Was passiert, wenn Jordan Ihrer Studie nicht Rechnung trägt?
Dann werden weiterhin wertvolle und ausserdem hoch­innovative ­Arbeitsplatzpotentiale im industriellen KMU-Bereich verschwinden oder ins Ausland verlagert.

Die Wirtschaftsaussichten für die Industrie seien gut, sagen die Patrons von der Swissmem. Ist die Industrie aus dem Schneider?

Derzeit sieht die globale und mitteleuropäi­sche Wirtschaftslage (inklusive unseres Wechselkurses) zwar nach Erholung aus. Aber es ist wie mit dem Schnee: ein einziger Föhnsturm – und die ganze Pracht ist wieder weg, und wir fallen auf Feld 1 zurück.

Wo liegen denn die Risiken für die Schweiz?
Die Gefahr, dass es immer wieder zu erratischen Frankenaufwertungsschocks kommen wird, bleibt nach wie vor gross. Dagegen müssen wir uns schon jetzt – proaktiv – immun machen.

«Der Schweizerfranken ist immer noch überbewertet.»

Der Frankenkurs droht nämlich auch in Zukunft zum Spielverderber zu werden. Und zwar, indem er nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit unserer wohlstandstreibenden Exporteure, sondern auch – was ebenso schlimm ist – die Planbarkeit ihrer Geschäftstätigkeit massiv beeinträchtigt. Zudem müssen wir uns darauf einstellen, dass selbst wir die Zinsen wieder erhöhen müssen. In ein oder zwei Jahren könnte das der Fall sein. Zugleich steht fest, dass – trotz rosa Gegenwart– das Risiko künftiger globaler, vor allem auch europäischer Wirtschafts- und Währungskrisen mit all ihren bekannten Folgen für die Schweiz nach wie vor im Raume steht. Die SNB wird sich also für währungspolitische Gegenoffensiven auch in Zukunft stets bereithalten müssen.

Franz Jaeger: Altersklug

Dass ausgerechnet Franz Jaeger (76) die Politik der Nationalbank harsch kritisiert, Interventionen zur Schwächung des spekulativ aufgepumpten Franken fordert und für die Industrie einsteht, ist ein starkes Signal: In der Ökonomengilde symbolisiert der bekannte St. Galler Professor die neoliberale und elitäre Ausrichtung der HSG, wo er von 1972 bis 2007 den Lehrstuhl für Volkswirtschaft leitete. Bereits 1983 hatte er ein Standardwerk über die Geldpolitik und die SNB verfasst.

AUCH POLITIKER. Von 1971 bis 1995 sass Jaeger für den Landesring der Unabhängigen (LdU) im Nationalrat. Dort präsidierte er die Finanzkommission (1990 bis 1991), danach war er bis 1995 Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben. 2003 bis 2004 sass er im Beirat des streitbar neoliberalen Think-Thanks der Konzerne, «Avenir Suisse». In jüngster Zeit verfasste er zusammen mit dem Privatbanquier Konrad Hummler Bücher für den NZZ-Verlag. 2017 haben sie dort den Titel «Kleinstaat Schweiz – Auslauf- oder Erfolgsmodell» herausgegeben.


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